4 Wochen Blogroman … denn wir machen Sommerpause!

Hallo ihr Lieben!

Die Sommerpause ruft! Wir gehen auf Urlaub, und da wir in dieser Zeit von unseren Familien striktes WLAN-Verbot bekommen haben, haben wir fleißig vorgearbeitet, um euch für die nächsten vier Wochen mit Eric & Esther zu versorgen. 🙂

Wir wünschen Euch jetzt schon ganz viel Spaß damit und hoffen, ihr könnt es euch einteilen! 😉

Eure Ulli & Carmen

 

Esther – sechsundzwanzig

„Machst du die letzte Runde?“, fragte mich Greg kühl, als meine Schicht schon fast zu Ende war. In fünf Minuten durfte ich nach Hause gehen und normalerweise alberten wir vor dem Schichtwechsel immer noch ein wenig herum.

Doch seit dieser Typ mit den blauen Augen hier gewesen war, schien Greg wie ausgewechselt zu sein. Immer, wenn er dachte, dass ich es nicht merkte, warf er mir versteinerte Blicke zu, und gemeinsam mit den merkwürdigen Blicken der beiden jungen Mädchen, die fast eine Stunde tuschelnd zu mir herübergestarrt hatten, bevor sie endlich das Café verließen, zehrte das doch ein wenig an meinen Nerven.

Keine Ahnung, was mit denen los war, bei Greg konnte ich es mir zumindest ungefähr denken.

„Willst du mir irgendetwas sagen, Greg?“, fragte ich ruhig, als das Café gerade leer war.

„Du meinst, abgesehen davon, dass die Tische abgeräumt werden müssen?“, fragte er zurück. „Ich kann das auch übernehmen, aber dann musst du die Espressomaschine saubermachen.“

„Das ist alles?“, fragte ich. „Ich hatte das Gefühl, dass da noch mehr wäre.“

„Ach, du meinst, weil du irgend so einem abgefuckten Typen, der aussieht, als ob er sich bald den nächsten Schuss setzen würde, deine Telefonnummer aufgeschrieben hast?“, fauchte Greg und seine Augen blitzten mich an. „Nun, ich kann nicht sagen, dass ich es sonderlich professionell von dir finde, aber bitte, das geht mich nichts an.“

Eine Mutter mit Kinderwagen kam herein und ich schluckte die Antwort, die mir auf der Zunge lag, mühevoll hinunter, während ich sie bediente. Kaum hatte sie den Laden wieder verlassen, verschränkte ich die Arme vor der Brust und drehte mich zu Greg um.

„Nur um eines klarzustellen: Du baggerst jede einzelne Frau zwischen zwanzig und vierzig an, die in dieses Café kommt, und nennst mich unprofessionell?“, schleuderte ich ihm entgegen.

Ich gebe immerhin keiner von denen meine Nummer“, knurrte Greg und fuhr mit dem Lappen heftig über den Tresen.

„Doch nur aus dem Grund, weil keine von denen deine Nummer haben will“, fauchte ich zurück, was mir im nächsten Moment schon wieder leidtat.

Kurz schloss ich die Augen und atmete tief durch.

„Es tut mir leid. Hör zu, lassen wir das Thema. Können wir uns darauf einigen, dass ich mich nicht in dein Privatleben einmische, und du dich dafür auch nicht in mein Privatleben einmischst?“

Greg hielt für einen Moment mitten in der Putzbewegung inne und sagte kein Wort. Seine Augen waren ausschließlich auf den Tresen gerichtet und ich wünschte wirklich, ich hätte diesen einen, verletzenden Satz rückgängig machen können. Schließlich nickte er langsam und seine Züge wurden weicher.

„Ich mache mir doch nur Sorgen um dich, Esther. Ich will einfach nicht, dass dir was passiert“, murmelte er.

„Das verstehe ich, Greg“, erwiderte ich betont ruhig, auch wenn ich fand, dass er seine Kompetenzen weit überschritten hatte. „Lass uns einfach …“

In dem Moment klingelte mein Telefon. Greg presste die Lippen zusammen und wandte sich ruckartig zu der Espressomaschine um, während ich das Gefühl hatte, als würde mein Herz jeden Moment aus meiner Brust springen. Ich schluckte angestrengt und versuchte, mir die Aufregung, die mich überfallen hatte, nicht anmerken zu lassen.

Betont gelassen griff ich in meine Jeans und zog mein Handy aus der Tasche. Greg wandte mir noch immer den Rücken zu, und ich entfernte mich ein paar Schritte von ihm, bevor ich auf das Display schaute.

Die Enttäuschung traf mich wie eine kalte Dusche.

Denn leider war es keine Nummer, die ich noch nicht kannte. Es war eine Nummer, die ich nur zu gut kannte. Und von der ich verdammt nochmal genug hatte.

In einer Mischung aus Wut und Frustration drückte ich den grünen Annahmeknopf und presste das Handy fest an mein Ohr.

„Hör zu, es reicht jetzt“, blaffte ich ins Telefon. „Hör endlich damit auf, mich ständig anzurufen!“

 

Eric – sechsundzwanzig

„Na sieh einer an“, sagte Erik und ließ sich hinter seinem Arbeitstisch in der 149sten Etage auf seinen fetten schwarzen Bürostuhl zurückfallen. In dem ganzen Büro hingen drei riesengroße Schwarz-Weiß-Fotografien, in denen Erik mit dem amerikanischen Präsidenten, Jim Morrison und Sean Connery zu sehen war.

Ich stand am Fenster und sah hinaus in die Stadt, die Erik zu Füßen lag. Selbst der beschissene Wolkenkratzer trug seinen Namen.

„Schön, dass du es einrichten konntest“, sagte Erik, stand auf und ging zu einer edlen Hausbar, die aus Silber sein musste. Er schenkte sich einen Whiskey ein und die Eiswürfel klirrten, als sie ins Glas fielen.

„Willst du auch einen?“, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf.

„Es ist ein Dalmore 62, den bekommst selbst du nicht alle Tage.“ Er sah mich dabei nicht einmal an.

„Nein, danke – heute nicht“, erklärte ich, weil ich die Sache schnell hinter mich bringen wollte und weil ich lieber einen Kaffee aus dem kleinen Coffeeshop trinken wollte, als einen sauteuren Dalmore 62.

Erik nickte und erinnerte mich eher an einen gelackmeierten Schauspieler, als an den Top Anwalt der Stadt. Mit seinen graumelierten Schläfen sah er aus wie ein verdammter Richard Gere Verschnitt. Er nippte an seinem Glas, zog eine Akte aus einem Schrank und setzte sich wieder auf seinen fetten Bürostuhl, hinter den Glasarbeitstisch. Er warf mir die Akte hin.

„Ich habe mich um die Sache mit Alex gekümmert – aber sie will ein paar Millionen“, sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken.

„Aha“, machte ich.

„Sie hat mit der Presse gedroht, das volle Paket. Und mit einer Vaterschaftsklage.“

Ich runzelte die Stirn und lehnte mich etwas zurück. „Du wirkst nicht beunruhigt?“

Er schüttelte den Kopf. „Eric, ich erlebe so etwas zu oft, um mich davon beunruhigen zu lassen. Das ist immer typisch, dass Kerle wie du auf diese Art von Frau reinfallen. Die riechen die Kohle schon bevor sie erkennen, wen sie vor sich haben. Die haben es auf Typen wie dich abgesehen – und wie die Fotos zeigen“, er öffnete die Akte, in der sich einige Fotos von der schwarzhaarigen Tussi befanden, „kann ich gut nachvollziehen, warum du sie flachgelegt hast. Verständlich bei diesem Gesicht … und diesem Körper.“ Er machte eine kurze Pause. „Wirklich umwerfend. Aber sie ist bekannt dafür.“

„Für ihren Körper?“, fragte ich und streckte die Beine aus.

„Nein – sie ist bekannt dafür, Typen abzuzocken. Unser Privatdetektiv musste nicht lange graben, um die eine oder andere Geschichte hervorzuziehen. Also, so leid es mir tut, ich muss dich enttäuschen: Du wirst doch nicht Vater.“

Ich hatte nicht viel darüber nachgedacht, hatte die Sache weggeschoben, denn die Vorstellung Vater zu werden, drang einfach nicht zu mir durch. Mein Hirn wollte es nicht kapieren und glaubte es auch nicht. Bei dem Vorbild, das ich gehabt hatte, war ich selbst der letzte Mensch auf Erden, den man zum Vater machen sollte.

„Also jetzt doch keine Millionen?“, fragte ich und blickte durch die Glasfassade nach draußen. Der Himmel war wolkenlos und die Sonne strahlte über die Dächer der Stadt. Mann, war das ein geiler Ausblick von hier oben, das musste ich Erik lassen.

Er klappte die Akte zu. „Nein, keine Millionen. Siehst du, ich bin jeden Cent wert.“ Er rieb sich die Hände. „Unser Privatdetektiv hat mit ein paar Freunden von ihr gesprochen, denen sie sich vorher anvertraut hatte. Zu ihrem Pech waren ihre Freunde sehr auskunftsfreudig und haben einige Details preisgegeben. Das Kind ist anscheinend von ihrem arbeitslosen Ex und die beiden fanden es eine brillante Idee, dich über den Tisch zu ziehen. Dann kam noch so ein Möchtegern-Anwalt hinzu, der in jeder Klage Gold wittert – genau die Sorte, die ich zum Frühstück verspeise – und eins führte zum anderen. Mittlerweile“, er deutete auf die dicke Akte, „haben wir genug eidesstattliche Erklärungen und Fotos, die deine Vaterschaft ausschließen.“

„Das war’s also?“, fragte ich.

Erik nickte. „Wir haben sie mit den Fakten konfrontiert.“

„Aber warum behauptet sie nicht einfach weiterhin, dass das Kind von mir ist?“

Erik grinste, es war ein wölfisches, ein unheimliches Grinsen. „Weil sie alle irgendwann mal zusammenbrechen. Sie glauben immer, dass sie das Goldticket gezogen haben, aber sie steigen aus, wenn sie merken, dass das nicht das Goldticket ist – sondern das Ticket direkt in die Hölle.“

 

Esther – siebenundzwanzig

„Esther, leg jetzt bitte nicht auf!“ Tims Stimme klang beschwörend und ich zögerte einen Moment. „Ich verspreche dir, dich nie wieder anzurufen, wenn du mir jetzt zuhörst“, sagte er.

Kraftlos ließ ich mich auf einen der roten Polstersessel sinken. Ich hatte diese Anrufe so satt. Ich hatte seine Nachrichten so satt. Ich hatte die Erinnerung an diese schwarzhaarige Frau, die nackt auf ihm herumgeturnt war, so satt.

Ich wollte das einfach alles hinter mir lassen und es kam mir so vor, als gäbe es da eine unsichtbare Macht, der es Freude bereitete, sich gegen meinen Wunsch zu stemmen und Tim ständig neue Hoffnung einzuflüstern, dass es mit uns noch einmal etwas werden könnte.

„Schwörst du beim Leben deines Italia Worldcup Panini-Albums, dass du mich nie wieder anrufst, wenn ich dir jetzt zuhöre?“, fragte ich ruhig und fing Gregs Blick auf, der nicht mal so tat, als würde er mein Telefonat nicht belauschen.

Tim schwieg perplex.

„Nun?“, hakte ich ungeduldig nach.

„Ich schwöre, natürlich“, versicherte er mir schnell. „Ich hatte nur erwartet, dass du mich eher beim Leben meiner Mutter schwören lassen würdest … aber egal.“

„Also, Tim. Was willst du?“ Ich stand auf, das Handy zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt und holte ein Tablett, um die leeren Gläser von den Tischen einzusammeln.

„Ich will dich wieder zurück“, sagte Tim nachdrücklich.

„Ich will dich aber nicht wieder zurück“, erwiderte ich.

Er stöhnte auf. „Ich weiß, denkst du denn, ich weiß das nicht, Esther? Hör zu, ich habe einen Riesenfehler begangen. Einen absolut gigantischen Riesenfehler. Es war der gewaltigste Fehler, den ich in meinem ganzen Leben begangen habe, aber ich – ich will um dich kämpfen. Ich will dir beweisen, dass unsere Liebe stärker ist, als dieser dumme, riesige Fehler von mir.“ Seine Stimme wurde leiser und ich hörte ihn in mein Ohr flüstern. „Dass du weg bist, das hat mir die Augen geöffnet. Ich hab noch nie so klar gesehen. Ich hab mein ganzes Erspartes zusammengekratzt. Und ich hab uns davon Flugtickets gekauft.“

„Flugtickets?“, entfuhr es mir. „Sag mal, Tim, hast du sie noch alle?“

Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille und ich stellte das vollbeladene Tablett mit den Gläsern auf der Theke ab.

„Wir sind nicht mehr zusammen, Tim“, sagte ich etwas leiser. „Da kannst du doch nicht dein ganzes Geld für Flugtickets ausgeben. Das ist Wahnsinn.“

„Nicht mit dir zusammen zu sein, ist Wahnsinn“, widersprach er. „Ich weiß, dass du bald Geburtstag hast. Lass uns zusammen nach Paris fliegen. Du wolltest doch immer schon nach Paris.“

„Nein, Tim“, sagte ich traurig. „Wollte ich nicht.“

„Doch, natürlich, Paris ist die Stadt der Liebe. Alle Frauen wollen nach Paris“, widersprach er aufgebracht und ich hörte die steigende Verzweiflung aus seiner Stimme.

„Das ist der Punkt, Tim. Ich bin nicht alle Frauen. Ich bin ich. Und ich wollte noch nie nach Paris.“

„Ernsthaft jetzt?“, fuhr er mich an. „Und was soll ich jetzt mit den beschissenen Tickets anfangen?“

„Keine Ahnung.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Verkauf sie, schenk sie einer anderen, mach damit, was du willst. Aber das zwischen uns, das ist vorbei. Endgültig. Für immer.“

Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.

„Leb wohl, Tim“, sagte ich und legte auf. Dann löschte ich seine Kontaktdaten aus meinem Telefon und es fühlte sich gut an, das zu tun.

„Stress mit dem Ex?“, hauchte Greg viel zu nah neben mir und sein heißer Atem streifte meine Haut. Er roch nach Kaffee und ich musste mich zwingen, nicht zurückzuweichen.

„Wie war das noch mit der Privatsphäre, Greg? Halt dich da bitte raus“, sagte ich kühl und zog die grüne Schürze aus.

„Und was, wenn ich mich nicht raushalten will?“, fuhr er fort und rückte noch ein Stückchen näher. „Was, wenn ich in der Sache lieber tief versinken will?“

„Stopp“, befahl ich ihm. „Lass das, Greg.“

Seine Augenbrauen zogen sich abfällig zusammen. „Weißt du, was? Du bist genauso eine Bitch wie alle anderen. Ich kann verstehen, warum sich der Typ eine andere gesucht hat.“

„Weißt du, was?“, erwiderte ich heftig und streckte den Rücken durch. „Du bist genauso ein Arschloch wie alle anderen. Und ich würde eher mit Tim nach Paris ziehen, als mit dir etwas anzufangen.“

 

Eric – siebenundzwanzig

Ich war erleichtert, als ich Eriks Wolkenkratzer verließ, aber nicht wegen der Kindersache, nicht wegen der Tussi und ihren Anschuldigungen, ich war erleichtert, weil ich endlich zu dem Coffeeshop aufbrechen konnte. Meine Füße liefen von selbst, ich stöpselte mir die Kopfhörer ins Ohr, drehte Louis auf und ließ ihn von grünen Bäumen, roten Rosen, Babys und einer wunderschönen Welt singen, während ich merkte, wie mir die Pumpe ging. Was sollte ich nur zu ihr sagen?

Ich schluckte und zog mir die Kapuze tief ins Gesicht. Ich durfte nicht so ein verdammtes Weichei sein, ich war Eric Adams, ich war der Frontsänger von NEBEN, in der ganzen Stadt hingen Plakate von mir und die Zeitschriften und Magazine schrieben über mich und die Tussis liefen mir nach. Aber sie war keine Tussi, sie war anders und ihre Augen ließen mich schon wieder nicht los. Diese braunen sanften Augen waren mir fremd und vertraut zugleich, Scheiße, meine Gedanken hörten sich wie so ein Schnulzensong an, das war doch nicht ich, sowas dachte ich doch nicht.

Ich war Eric Adams, dem alles scheißegal war, dem die Welt zu Füßen lag, die er endlich zurücktreten konnte, ich war Eric Adams der sich nicht in die Hosen pisste, wenn er die Nummer von einer wollte. Und doch raste mein Puls wie verrückt und als ich dann endlich vor dem kleinen Café stand, zögerte ich einen Moment, bevor ich reinging.

 

Da war schon wieder die Warteschlange, trank die verdammte Stadt denn nur Kaffee oder wollten die alle ihre Nummer?

Ich stellte mich hinter einen Typen mit breiten Schultern und schielte rechts und links vorbei, doch ich konnte sie nicht sehen. Dafür standen zu viele Leute in dem Laden.

Ich rückte nach und überlegte, was ich sagen sollte, aber mir fiel nichts Cooles ein, nichts, was ich ihr entgegensetzen konnte, außerdem klopfte es jetzt schon bei mir wie wild, mit jedem Schritt den ich näher kam.

Als dann endlich der Typ mit den breiten Schultern seinen Milchkaffee bestellt hatte, sah ich in die braunen Augen des grünen Schürzenträgers.

„Was möchtest du trinken?“, fragte er mich gelangweilt.

„Wo ist deine Kollegin?“, fragte ich zurück.

Er sah mich an und runzelte die Stirn. „Du schon wieder?“

„Ich suche deine Kollegin“, knurrte ich genervt, „wo finde ich sie?“

„Sehe ich aus wie die Auskunft?“, blaffte er mich an. Am liebsten hätte ich dem Typen sofort in die Fresse geschlagen.

„Ich muss mir ihr sprechen“, sagte ich. „Es ist dringend“, setzte ich noch hinzu und kam mir wie der letzte Vollidiot vor. Der Typ vor mir stützte sich genüsslich an dem Verkaufstresen auf.

„Was willst du denn von ihr?“, fragte er mit einem Funkeln in den Augen, das mir nicht gefiel.

„Geht dich einen Scheißdreck an“, erwiderte ich.

„Dann werde ich wohl auch nicht wissen, wo du sie findest.“

Automatisch ballte ich die Faust. Der Typ war einfach nur zum Kotzen.

„Sag mir einfach nur, wo ich sie finde und du bist mich gleich wieder los“, sagte ich, weil es bei ihr sicher nicht so gut ankam, wenn ich ihren Kollegen verprügelte. Wobei ich nicht übel Lust darauf hatte.

Der Typ verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich an.

„Du sprichst von Esther.“

Ich nickte.

„Esther wirst du hier nicht mehr finden.“

Mein Puls schoss nochmal in die Höhe.

„Wieso?“, fragte ich und merkte, wie sich die Scheiße hier gar nicht gut anfühlte.

„Weil die nicht mehr hier arbeitet“, sagte der Typ direkt und lächelte auf eine ungute Art.

„Was soll das heißen, sie arbeitet nicht mehr hier?“, fragte ich nach und versuchte, ruhig zu bleiben. Wie gerne hätte ich jetzt einfach irgendwo dagegengetreten, gegen die Theke, die Sitzmöbel oder den beschissenen Kerl vor mir.

„Esther hatte heute ihren letzten Tag“, erklärte er endlich. „Zum Glück. Du kannst dir nicht vorstellen, wie anstrengend das ist, wenn dir eine immer das Ohr von ihrem Freund ablabert. Jetzt ist sie endlich bei ihm.“ Er sah auf seine Armbanduhr. „In dieser Sekunde müsste ihr Flieger gehen. Sie ist zu ihm nach Paris gezogen – in die Stadt der Liebe, passend, oder?“

 

Esther – achtundzwanzig

Ohne auf Gregs wütendes Gesicht zu achten, drehte ich ihm den Rücken zu und verließ den Coffeeshop. Mein Herz schlug schnell, und meine Beine fanden denselben Takt, als ich entschied, heute zu Fuß nach Hause zu gehen. Die Sonne schien und ein lauer Wind wehte. Ich blickte in den wolkenlosen Himmel und musste lächeln.

Es hatte sich gut angefühlt, Tim Lebwohl zu sagen. Und es hatte sich gut angefühlt, Greg, der sich als komplettes Arschloch entpuppt hatte, endlich einmal die Meinung zu geigen. Doch was sich heute mit Abstand am besten angefühlt hatte, war ihm begegnet zu sein.

Dem Typen mit den blauen Augen und den dunklen Haaren, die ihm wild ins Gesicht hingen. Ich kam an einem Poster von NEBEN vorbei, das in dem Schaufenster eines Plattenladens hing, und warf einen kurzen Blick darauf. Der Typ aus dem Café hatte irgendwie Ähnlichkeit mit diesem Eric, der ein Supermodel nach dem anderen datete. Wahrscheinlich war ich nicht die erste, der diese Ähnlichkeit aufgefallen war – und wahrscheinlich nervte es den Typen mit den strahlend blauen Augen ständig mit so einem kaputten Kerl wie diesem Eric Adams vergleichen zu werden.

Ich musste kurz grinsen, als ich an Flo dachte – sie würde definitiv ausrasten, wenn ich ihr von meiner heutigen Begegnung erzählen würde. Doch ich hatte nicht vor, irgendwem davon zu erzählen.

Eigentlich hatte ich aber auch nicht vorgehabt, irgendeinem Typen meine Nummer zu geben und ich verstand auch nicht, was der Kerl so an sich hatte, dass ich plötzlich ganz aufgeregt geworden war und an nichts anderes mehr denken konnte. Aber irgendetwas war da, das spürte ich.

Ich spürte auch meinen Magen, der laut knurrte und kaufte mir einen Hotdog an einem der Eckstände.

„Mit Senf und Ketchup?“, fragte der Verkäufer.

Ich nickte, gab ihm das Geld und biss einmal kräftig ab, als mein Telefon läutete. Von einer Sekunde auf die andere schoss mein Puls in die Höhe und ich zog mit der rechten Hand mein Handy umständlich aus meiner Umhängetasche. Ich beruhigte mich wieder, als ich sah, dass es nur meine Mutter war.

„Hallo Mama“, sagte ich und klemmte mir das Telefon zwischen Kopf und Schulter.

„Hallo Esther“, erwiderte sie, „wie geht es dir, mein Schatz?“

„Danke, gut. Ich esse gerade einen Hotdog“, sagte ich und biss von dem Brötchen ab.

„Das ist schön, mein Liebes“, sagte sie. „Es ist gut, wenn du was isst. Du bist immer so dünn und zerbrechlich, nicht, dass es dir irgendwann einmal zu viel wird und dein Körper zusammenbricht. Bei der ganzen Arbeit und dem vielen Lernen.“

Ich schüttelte den Kopf, kaute und wischte mir etwas Ketchup aus dem Gesicht. Meine Mutter machte sich ständig Sorgen um mich – ob ich genug aß, warm genug angezogen war, ob ich genügend Vorräte zu Hause hatte und auch die Tür gut verschloss. Es war reizend, wie sie noch immer auf mich achtgab, selbst wenn ich inzwischen erwachsen war.

„Du musst dir keine Sorgen machen, Mama“, erklärte ich weiterkauend, während ich durch die Straßen lief. „Mir geht es gut. Ich habe auch Papas Geschenk fertig.“

„Das ist schön, wir freuen uns auf dich! Vor allem Tante Melody. Sie hat dich schon eine Ewigkeit nicht gesehen und kann gar nicht glauben, dass du jetzt studierst, in der großen Stadt“, sagte meine Mutter anerkennend und räusperte sich dann. „Ich will nicht neugierig sein, aber was ist denn eigentlich mit Tim? Er hat bei uns angerufen und uns angefleht, mit dir zu reden. Dein Vater und ich haben natürlich nein gesagt, denn das ist deine Sache, Schatz.“ Sie machte eine kurze Pause und fragte dann etwas leiser: „Wie geht es dir denn nach der ganzen Geschichte mit ihm?“

Und schon wieder hörte ich ihre Sorge, ihre Sorge, dass ich von der Männerwelt so enttäuscht war, dass ich alleine mit einer Katze in einem Einzimmerapartment enden würde.

„Es ist okay“, beteuerte ich und der Wind blies mir durch die Haare, „es ist wirklich okay. Tim nervt mich einfach nur, aber es ist vorbei. Und ich denke … vielleicht war es so auch besser so. Immerhin erfahre ich lieber jetzt, dass es solche „Ausrutscher“ bei ihm gibt, als in zehn Jahren.“

„Da hast du völlig recht, Liebes“, bekräftigte meine Mutter, „und der junge Mann kann mir nicht erzählen, dass er einfach so in eine Frau gerutscht ist.“

Ich kicherte. „Mama!“

„Na, ist ja wahr. Also – du hast was Besseres verdient, Schatz. Und ich bin mir sicher, dass irgendwo dieser Bessere auf dich wartet. Nenn’ mich altmodisch, aber ich glaube an die große Liebe. Schließlich stehe ich jeden Morgen mit ihr auf.“

Ich biss noch mal von meinem Hotdog ab und seufzte. „Hey, ihr macht es mir ganz schön schwer. Wenn ich euch als Vorbild nehme, werde ich mich mit nichts zufriedengeben, außer mit dem Perfekten.“

„So soll es auch sein, Esther“, erklärte mir meine Mutter und eine gewisse Ernsthaftigkeit hatte sich in ihre Stimme geschlichen. „Gib dich nicht mit weniger zufrieden.“

„Ich werde daran arbeiten“, sagte ich und dachte an den Typen aus dem Coffeeshop, der sich irgendwie nicht nach weniger anfühlte.

 

Eric – achtundzwanzig

„Erzähl keinen Bullshit“, sagte ich.

Der Typ in der grünen Schürze zuckte mit den Schultern. „Glaub es, oder nicht, mir egal.“ Er wandte sich demonstrativ dem Mann hinter mir zu. „Der Nächste.“

Ich biss die Zähne zusammen, aber es änderte nichts. Ich konnte nichts anderes tun, als zu akzeptieren, dass Esther im Flieger nach Paris saß. Auf dem Weg zu ihrem Freund.

Sie war weg.

Der Gedanke machte mehr mit mir, als ich für möglich gehalten hätte und ich dachte, was ich alles für die Nummer dieser Frau tun würde.

Es war absurd.

Es war erbärmlich.

Ich zog die Kapuze tief ins Gesicht und trat hinaus auf die Straße. Die Wolken ballten sich am Himmel und es sah aus, als ob es jeden Moment zu regnen beginnen würde.

Ich stand da eine Weile und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich dachte an die Bulldogge und für einen Sekundenbruchteil überlegte ich, ob ich zu ihr gehen sollte, darauf hoffend, dass sie eine vernünftige Erklärung dafür hatte, wie es sein konnte, dass sich meine Brust wie ein einziges, schwarzes Loch anfühlte, und das nur, weil eine Fremde nach Paris zu ihrem Freund gezogen war.

Irgend so ein Typ blieb neben mir stehen und stierte mir ins Gesicht. „Hey, bist du nicht dieser Sänger?“, rief er begeistert und starrte mich an wie so eine scheiß Zirkusattraktion. Ich drehte mich um und ging davon.

„Hey Mann, kann ich für meine Freundin ein Autogramm haben?“ Er lief mir nach, lief neben mir her und ich konnte es nicht ab, dass er jetzt hier war, dass er eine Freundin hatte, dass es ihm gut ging, während mein ganzes Leben nur ein großer Haufen Scheiße war. Ein Haufen Scheiße, der wie Gold glänzte, weil ich die Kohle hatte, und die Weiber und den Porsche und die beschissene Suite, wo sie mir jeden Tag hinterherräumten und mein Bett machten und meine Sachen wuschen und wo schon mal eine Schwarzhaarige mit Arschgeweih neben die Badewanne reihern durfte, weil es immer jemand anderen gab, der den Dreck wegmachte.

„Lass mich in Ruhe“, knurrte ich und ging schneller.

„Jetzt sei doch nicht so“, rief der Typ und fasste mich am Ärmel.

Ich fuhr zu ihm herum. „Fass mich nicht an.“

Er wich einen Schritt zurück. „Mann, ich hab’s ja nicht geglaubt, aber du bist echt so ein Arsch, wie sie überall schreiben.“ Er schüttelte den Kopf, drehte sich um und ging davon.

Ich sah ihm nach und fing die Blicke von zwei Vierzehnjährigen auf, die mich von der gegenüberliegenden Straßenseite mit ihren Handykameras filmten. Neben ihnen war ein alter Mann stehengeblieben und starrte zu mir rüber.

Ich hatte so genug.

Ich hatte so genug von diesem Leben, von diesem ständigen Erkanntwerden, von diesem ständigen Beobachtetwerden, von diesem ständigen Beurteiltwerden, von dieser ständigen, ständigen Aufmerksamkeit, ich hatte so genug von ihnen allen und dieser Stadt und mir selbst, dass ich einfach nur weg sein wollte.

 

Das Handy vibrierte und ich stand da noch immer auf der Straße und ließ mich anglotzen. Langsam fuhr ich mit der Hand in die Tasche und holte es raus. Das Display zeigte Cliff.

In letzter Zeit schickten sie immer ihn vor, weil er noch den besten Draht zu mir hatte, aber ich wollte trotzdem nicht mit ihm reden. Gleichzeitig wusste ich, dass das scheiß Handy wieder und wieder klingeln würde, wenn ich jetzt nicht ranging, und darauf hatte ich noch weniger Bock.

Langsam setzte ich mich wieder in Bewegung und nahm den Anruf an.

„Was willst du?“, blaffte ich in den Hörer.

Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause, wahrscheinlich war er überrascht, dass ich beim ersten Versuch schon abhob.

„Hey Mann, sorry wenn ich dich bei was gestört hab.“

Ich schloss kurz die Augen. „Ist schon gut. Was ist los?“, fragte ich einen Tick freundlicher.

„Ich wollte dich nur an den Termin morgen Nachmittag erinnern. Da irgend so ein Idiot Alex gefeuert hat, brauchen wir einen neuen Manager, weißt du?“ Ich hörte das Grinsen aus seiner Stimme und spürte, wie meine Mundwinkel zuckten.

„Ist gut“, murmelte ich. „Ich hab’s nicht vergessen.“

„Gut.“ Cliff klang erleichtert. „Dann bis später, Mann.“

„Bis später.“ Ich legte auf. In der nächsten Sekunde bimmelte das Ding erneut. „Was denn noch?“, knurrte ich ins Telefon.

„Eric?“, fragte eine leise Frauenstimme.

 

Esther – neunundzwanzig

„Und es ist wirklich okay, wenn Sie auf Newton aufpassen?“, fragte ich meine Nachbarin, von der ich bislang nur wusste, dass sie Kent mit Nachnamen hieß und gerne Cognac trank. Und einen Mann hatte, der vor drei Jahren gestorben war und ihr viel bedeutet hatte – und natürlich, dass sie es nicht laut mochte.

„Wenn Sie mich noch einmal fragen, werde ich tatsächlich nein sagen“, knurrte die Nachbarin mit den kurzen roten Haaren und grinste dann. „Ich mag Katzen, ich kann sogar ganz freundlich zu ihnen sein – selbst wenn ich nicht freundlich aussehe.“ Sie hob herausfordernd die Augenbrauen und ich dachte an meine erste Begegnung mit der Nachbarin zurück, auf die sich ihre Anspielung bezog – damals hatte ich auch das erste Mal meine kleine Bruchbude gesehen, die zwischenzeitlich zu einem gemütlichen Heim geworden war.

„Dann bringe ich Ihnen, bevor ich gehe, noch den Schlüssel vorbei“, sagte ich und hielt mich am Treppengeländer fest. Die Nachbarin schüttelte den Kopf. „Nix da, der Kater kommt einfach zu mir.“

Ich stutzte. „Aber, was ist mit Ihren Möbeln … ich meine, ich kann nicht garantieren – Newton ist zwar sehr vorsichtig, aber ich bin mir nicht sicher, ob er nicht doch seine Krallen an ihren schönen Möbeln …“

„Darum kümmere ich mich schon, machen Sie sich darüber keine Sorgen. Sie sind außerdem doch nur zwei Tage fort … müssen Sie nicht noch packen?“ Natürlich verstand ich den Wink und dass ich mich schon anhörte wie meine eigenen Mutter. Anscheinend hatte sich das Sich-sorgen-Gen auch auf mich übertragen.

„Gut, ich gehe ja schon“, schmunzelte ich und machte mich auf den Weg nach oben.

 

Es war seltsam. Ich würde nur zwei Tage weg sein, ich würde nach Hause fahren, zum sechzigsten Geburtstag meines Vaters, aber irgendwie fühlte sich das Wegfahren, das Sachen packen und meine kleine Bruchbude verlassen, merkwürdig an. Langsam schloss ich den Zippverschluss der braunen Reisetasche, in die ich ein hübsches Kleid, ein paar Anziehsachen und das Geschenk eingepackt hatte und streifte noch einmal leicht wehmütig durch mein Apartment, das sich in den letzten Wochen stark verändert hatte und zu meinem Heim geworden war. Ich mochte den Teppich, den ich über die dunklen Schlieren am Holzboden gelegt hatte und die helle Wandfarbe, die nicht nur die Wasserflecken verdeckte, sondern die Wohnung auch viel freundlicher machte. Kurz blieb ich an der Wand stehen, an der ich neun Bilderrahmen so aufgehängt hatte, dass sie zusammen ein Quadrat ergaben. Es war eine Mörderarbeit gewesen, die richtigen Abstände auszumessen – doch jetzt war ich sehr stolz auf die Konstellation und freute mich jedes Mal, wenn ich daran vorbeiging. Vor allem das Bild in der Mitte, die Zeichnung des Jungen, das lose A4-Blatt, das ich in einem hübschen, goldenen Rahmen untergebracht hatte, zog mich jedes Mal in seinen Bann. Rundherum hing eine bunte Mischung aus Schwarz-Weiß-Fotografien und kleiner Kunstdrucke wie der „Kleine Dampfer“ von Emil Nolde, die „Sternennacht“ von Van Gogh und „Le Parlement“ von Monet. Es waren alles Bilder, die mich auf ihre eigene Art berührten, aber das des Jungen stach trotzdem hervor.

Ich holte tief Luft, ging in die Küche und packte ein paar Dosen Katzenfutter in eine Tüte mit ein wenig Katzenspielzeug, dann holte ich Newton und brachte ihn zu meiner Nachbarin, die mich schnell wieder fortschickte, um endlich mal aus der lauten Stadt rauszukommen.

 

Als ich gerade auf dem Weg zu meinem Auto war, rief Flo an.

„Wo bist du gerade? Heute Abend findet die Party des Jahres statt, Esther – und ich werde keine Ausrede dulden, gar keine“, lautete ihre Begrüßung.

Ich lächelte. „Ich bin gerade auf dem Weg nach Hause. Mein Vater feiert seinen sechzigsten Geburtstag.“

Flo brummte am anderen Ende der Leitung. „Shit, das ist eine verdammt gute Ausrede.“

„Die Party wird sicher auch ohne mich großartig“, versuchte ich sie aufzumuntern, „nimm doch einfach Ryan … Tyler … oder Michael mit?“ Bei den ganzen Typen in Flos Leben kam ich langsam echt durcheinander.

Flo seufzte. „Die sind doch schon alle Geschichte, Esther.“

Ich lachte. „Jetzt schon? Die hast du doch erst vor kurzem kennengelernt.“

„Ja“, sagte sie etwas verstimmt, „aber irgendwie … na ja, ist ja auch egal. Viel wichtiger: Gibt es eine neue Geschichte in deinem Leben?“

 

Eric – neunundzwanzig

Ich blieb mitten auf der Straße stehen.

„Eric?“, wiederholte die Frauenstimme und ich fühlte, wie meine Pumpe ins Stocken geriet und dann umso schneller weiter pochte.

„Woher hast du meine Nummer?“, fragte ich. Meine Stimme klang nicht so cool, wie ich es mir gewünscht hätte, sie klang rau und kratzig und ich schluckte schwer.

„Ich …“ Sie machte eine Pause. „Chris hat sie mir gegeben.“

Ich sagte nichts.

„Ich wollte mich schon früher bei dir melden“, fuhr sie leise fort.

Ein bitteres Lachen kam aus meiner Kehle, eigentlich mehr ein Krächzen und die ersten Regentropfen fielen vom Himmel.

„Wie viel früher?“, fragte ich, obwohl ich wusste, dass es besser gewesen wäre, jetzt einfach die Klappe zu halten. „Meinst du ein paar Jahre früher, als ich meinen ersten Plattenvertrag in der Tasche hatte? Oder meinst du noch früher, meinst du die Zeit, als ich im Heim saß?“

Sie schwieg und ich lenkte meine Schritte automatisch Richtung Bahnhof, weil der Regen immer stärker wurde.

„Ich hatte viel Zeit, nachzudenken, Eric“, sagte sie.

„Das glaub ich dir gern“, erwiderte ich und beschleunigte meine Schritte. „Ist ja auch schon eine Weile her.“

„Ich verstehe, dass du wütend auf mich bist.“ Ihre Stimme klang erstaunlich ruhig, aber ich wollte mir jetzt keinen Kopf darüber machen, ob sie sich verändert hatte und ob sie plötzlich zu einem anderen Menschen geworden war.

„Ich bin nicht wütend“, erwiderte ich ruhig. „Wütend würde voraussetzen, dass ich noch irgendwas für dich empfinde.“

Sie sog die Luft ein. „Eric, ich wünsche mir eine zweite Chance. Ich würde dich gern sehen und mit dir über alles reden. Man liest in der Zeitung so viel und ich … ich mache mir Sorgen um dich.“

„Tatsächlich“, knurrte ich. Ich hatte das Bahnhofsgebäude erreicht und trat in die große Eingangshalle. Hunderte Menschen eilten zu ihren Bahnsteigen, die meisten fuhren wahrscheinlich nach Hause und zu den Menschen, die sie liebten.

„Ich habe Angst, Eric“, flüsterte sie. „Ich habe Angst, dass ich eines Tages die Zeitung aufschlage und darin lesen muss …“ Sie stockte. Ich setzte mich auf eine Bank und machte die Augen zu und trotz der Worte meiner Mutter sah ich in meinem Kopf ständig nur Esther vor mir.

Ich sah ihr Gesicht, ich sah ihr Haar und ich sah ihre sanften, braunen Augen, die direkt in mich hineingesehen hatten. Ich konnte nicht glauben, dass sie jetzt weg sein sollte. Ich wollte es einfach nicht glauben.

„Du sagst ja gar nichts“, flüsterte meine Mutter.

„Es gibt auch nichts mehr zu sagen.“

„Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen.“ Ihre Stimme klang erstickt und sie begann zu weinen. Es rüttelte alte Erinnerungen in mir wach, Erinnerungen, die unter einer dicken Schicht aus Staub und Dreck tief in mir vergraben lagen. Nur zu gut konnte ich mich an ihr Schluchzen erinnern, das mich so viele Nächte in den Schlaf begleitet hatte. Es war etwas, das ich wahrscheinlich nie vergessen würde, genau wie andere Leute sich an den Geruch der Kekse ihrer Großmutter erinnerten, oder an die Mottenkugeln im Schrank.

„Ich habe das Haus gekauft“, sagte ich.

„Was?“ Sie schniefte und ich hörte, wie sie sich in ein Taschentuch schnäuzte.

„Das Haus“, wiederholte ich langsam. „Ich habe es gekauft. Und dann habe ich es abreißen lassen. Es ist jetzt weg. Genau wie du damals.“

Ich wartete nicht, ob sie noch etwas sagte, ich legte einfach auf und schaltete das Handy auf lautlos.

Der Zeiger der großen Bahnhofsuhr rückte wieder eine Minute weiter und ich stand langsam auf. Die Zeit lief nur in eine beschissene Richtung, sie lief verdammt nochmal nicht rückwärts und deshalb hatte es auch keinen Sinn, sich ständig umzudrehen und in der Vergangenheit herumzustochern.

Als mich jemand von hinten anrempelte, sah ich deshalb auch nicht hin, ich drehte mich einfach weg und ging auf den Ausgang zu.

 

Und, ihr Lieben? Habt ihr es geschafft, stückchenweise zu lesen? 🙂 
Wenn ja: Gratulation! Jetzt ist es ja gar nicht mehr lange hin bis zum nächsten Teil am 23. August!
Wenn es euch aber nicht gelungen ist, können wir euch als kleinen Trost Sommer mit Happy End empfehlen. Das ist die menschliche Geschichte von Logan, den ihr im neuen Band der Acht Sinne aus Sicht von Ben kennenlernen könnt. Logan ist wie der Bruder, den Ben nie hatte, und das Buch ist ähnlich geschrieben wie unser Blogroman.

Hier geht’s zur Leseprobe:

 

Amy

Ich setzte gerade Wasser auf, als es an der Tür klingelte. Leicht genervt ging ich aus der Küche. Ich wollte jetzt keine Gesellschaft haben, ich wollte einfach nur meinen Tee trinken und meinen Gedanken nachhängen. Als ich die Eingangshalle schon halb durchquert hatte, klingelte es zum zweiten Mal. Diesmal blieb der Besucher länger mit dem Daumen auf dem Klingelknopf.

„Ich komme schon“, rief ich und öffnete gereizt die Tür.

Draußen stand derselbe dunkelblonde Typ, den ich schon auf dem Friedhof gesehen hatte, und an seiner halb erhobenen Hand sah ich, dass er eben im Begriff gewesen war, ein weiteres Mal zu klingeln.

„Soll ich die Tür noch mal schließen? Dann können Sie ein drittes Mal klingeln“, sagte ich frostig und versuchte das seltsame Gefühl aus meinem Körper zu verjagen, das mich bei seinem Anblick überkommen hatte. Aus der Nähe bemerkte ich erst, wie attraktiv er war und dass er die unglaublichsten Augen besaß, die ich je bei einem Mann gesehen hatte. Sie waren hellblau und stachen aus seinem Gesicht regelrecht hervor. Unwillkürlich musste ich an Gletschereis denken und genau so kalt war auch sein Blick.

„Danke für das Angebot, aber ich möchte nicht noch mehr Zeit verlieren als ohnehin schon“, entgegnete er mit einer Stimme, die meine Nervenenden zum Vibrieren brachte. „Sind Sie Amy?“ Er sprach meinen Namen mit einem leicht abfälligen Unterton aus und schlagartig erlosch jegliches Vibrieren. Der Typ war einfach nur ein Arsch.

„Ja, ich bin Miss Turner“, antwortete ich kühl und sah ihm direkt in seine Gletscheraugen. „Und Sie sind?“

„Mister Jackson“, erwiderte er im gleichen Tonfall.

„Und was kann ich für Sie tun, Mr. Jackson?“ Noch während ich das sagte, begann der Teekessel in der Küche zu pfeifen und ich drehte mich halb um.

„Für den Anfang könnten Sie mich reinlassen“, meinte er.

 

Logan

Das Anwesen war riesig, aber ich sah auf einen Blick, dass es dringend eine Generalsanierung gebraucht hätte. Das schmiedeeiserne Tor zur geschwungenen Auffahrt rostete vor sich hin und vom Mauerwerk des Herrenhauses bröckelte der Putz ab.

Unwillig ließ ich meinen Blick über den Garten schweifen. Er hatte einen gewissen wildromantischen Charme, aber mir war momentan nicht nach Romantik zumute.

Nachdem ich kurz bei der Beerdigung vorbeigeschaut und mich dort absolut fehl am Platz gefühlt hatte, war ich zu der Adresse dieses Notars gegangen. Dort hatte ich eine geschlagene Stunde gewartet, bis er endlich seinen Arsch von der Beerdigung zurück in sein Büro geschafft hatte.

Und dann hatte der Kerl schon mit dem ersten Satz, der aus seinem elendigen Mund kam, verschissen.

„Oh mein Gott. Sie sehen genauso aus wie Ihr Vater, als er noch jung war“, stammelte er und ich hätte ihm dafür am liebsten eine verpasst. Aber da er nur ein Idiot war und nicht so aussah, als ob er einer Fliege was zuleide tun könnte, knurrte ich ihn nur an, dass ich nicht viel Zeit hätte.

Und hier stand ich nun, vor diesem abgefuckten Herrenhaus und mit der beschissensten Firma, die sich ein Mensch nur ausdenken konnte. Happy End Love. Schon allein der Name brachte mich dazu, mein Frühstück in den Seerosenteich mit den verfluchten weißen Schwänen kotzen zu wollen.

Genervt drückte ich die Klingel. Auch hier hatte der Zahn der Zeit überall genagt. Die Steinfliesen der Treppe waren an mehreren Stellen gesprungen und der Türrahmen war deutlich verzogen.

Von drinnen war kein Geräusch zu hören und ich klingelte ein zweites Mal. Konnte ja nicht sein, dass das Tor sperrangelweit offen stand und keiner da war.

Dabei atmete ich tief aus. Ich war so verdammt wütend, dass ich am liebsten mit der Faust in das bröckelnde Mauerwerk geboxt hätte. Denn das Testament meines beschissenen Erzeugers sah vor, dass ich die Angestellten nicht kündigen oder degradieren durfte. Ich musste diese Amy als Managerin behalten, sonst würde mein gesamtes Erbe auf sie übergehen – einfach so. Mit einem Fingerschnippen.

Der Arsch schaffte es noch aus dem Grab, über mein Leben zu bestimmen. Angepisst hob ich die Hand und wollte eben ein drittes Mal klingeln, als die Tür mit Schwung aufgemacht wurde. Ich starrte direkt in das Gesicht einer jungen Frau mit langen, dunklen Haaren, die genauso verärgert aussah, wie ich mich fühlte.

„Soll ich die Tür noch mal schließen? Dann können Sie ein drittes Mal klingeln“, meinte sie kalt und reckte ihr zartes Kinn in die Höhe. Sie war schöner, als ich erwartet hatte, aber ich versuchte mich von der Tatsache nicht ablenken zu lassen. Hatte Harry sie etwa flachgelegt? Hatte er ihr deshalb seine Firma vererben wollen, wenn ich mich nicht an seine Bedingungen hielt?

„Danke für das Angebot, aber ich möchte nicht noch mehr Zeit verlieren als ohnehin schon“, entgegnete ich knapp. „Sind Sie Amy?“

„Ja, ich bin Miss Turner“, entgegnete sie kühl und sah mir direkt in die Augen. „Und Sie sind?“

„Mister Jackson“, antwortete ich im gleichen Tonfall.

„Und was kann ich für Sie tun, Mr. Jackson?“ Noch während sie das sagte, setzte ein hohes Pfeifen ein, das nach einem Teekessel klang. Sie drehte sich halb um und ihre seidigen braunen Haare flossen ihr über den Rücken.

„Für den Anfang könnten Sie mich reinlassen“, sagte ich gelassen.

Der Teekessel schien ihr verdammt wichtig zu sein, denn sie nickte nur abgelenkt und durchquerte dann mit schnellen Schritten die Eingangshalle. Ich betrat das Haus und blickte mich um. Es war seltsam, an einem Ort zu sein, der für ihn ein Zuhause gewesen war, und ich schob die Gefühle rasch zur Seite. Ich musste fokussiert bleiben.

Die Erbschaftsbedingungen besagten zwar, dass ich niemanden entlassen durfte – aber ein Schlupfloch hatte Harry übersehen. Wenn ich diese Amy Turner und den Rest der Mannschaft dazu brachte, freiwillig zu gehen, würde ich das Anwesen einfach verkaufen können.

„Möchten Sie auch einen Tee?“, rief diese Miss Turner aus der Küche. Ihre Stimme hatte einen leicht rauchigen Klang, den ich ziemlich sexy fand, aber das würde ihr auch nicht helfen.

4 Thoughts on “4 Wochen Blogroman … denn wir machen Sommerpause!

  1. Josi on 25. Juli 2016 at 23:53 said:

    Einteilen? o.O Was ist das denn? D:
    Ich hab es nicht geschafft :/ Genauer gesagt habe ich heute alle bisher erschienenen Teile des Blogromans in einem Rutsch gelesen 😀
    Ihr habt es wie auch mit der Acht Sinne Reihe wiedermal geschafft, mich zu fesseln. Jetzt heißt es dafür leider gleich zweifach warten. Zumindest weiß ich, dass es sich lohnen wird 😉

    Ich wünsche euch einen schönen Urlaub und erholt euch gut! 🙂

  2. Dinah on 26. Juli 2016 at 12:43 said:

    Oh man, jetzt habe ich tatsächlich Eintrag 1-29 in einem Ruck durchgelesen. Wirklich toll geschrieben! So toll, dass ich schon von der Welt der Sinne geträumt habe! Aber die Geschichte von Logan und Kassandra bzw. Logan und Amy hebe ich mir für meinen eigenen Urlaub auf! Mal sehen ob ich das durchhalte. 🙂
    Euch einen schönen Urlaub,
    liebe Grüße,
    Dinah

  3. Büsra on 6. August 2016 at 18:33 said:

    Ihr seid einfach der Wahnsinn, habe so eben auch diesen Blogroman zu Ende gelesen. Band 7 aus Bens Sicht habe ich schon seid 2 Tagen hinter mir und ich bin so gespannt auf den 8. Teil und den 9. und den 10. und 11. und 12. (… und den 1826. …) :))) bitte hört nie auf zu schreiben! Es ist eine Bereicherung. Echt super schön, dass Ihr beide uns einen Einblick in Eure Fantasiewelt gebt und viele Menschen so mitreissen könnt!

    Toller Schreibstil! Einfach grossartig; immer weiter so!

    Ich bin schon fleissig am weiterempfehlen! 🙂

    Schönen Urlaub! 🙂

  4. July on 7. August 2016 at 21:22 said:

    Na ihr acht Sinne Erfinder und Unterstützer!
    Ich habe die acht Sinne Reihe erst gerade entdeckt und innerhalb meines zwei Wöchigen Urlaubes alle 7 Bücher und Bens Teil gelesen und ich bin begeistert! Euer Schreibstil ist genial und total fesselnd. Man möchte gar nicht mehr aufhören zu lesen! Ich warte nun schon sehnsüchtig auf alle noch folgenden Bände und bin ein Fan!

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