Eric – 103

Mann, ich hatte nie gedacht, dass es ihn gibt – diesen einen perfekten Moment, wo man das Gefühl hat, dass die ganze Scheiße, durch die man durch musste, genau zu diesem Punkt führt, zu diesem Augenblick, der allem irgendwie einen Sinn gibt.

Doch als mein Mädchen jetzt neben mir saß, ihren Kopf vertrauensvoll an meine Schulter gelehnt, und ich in die glücklichen Gesichter der Jungs blickte, da hatte ich das Gefühl: ja, das war er. Das war mein scheiß-perfekter Moment, nicht wegen der Kack-Veranstaltung, den Promis oder dem beschissenen Musikpreis – sondern weil sie hier waren: die Menschen, die mir in meinem Leben was bedeuteten, mal abgesehen von Chris und …

Ich atmete tief ein und legte den Arm um Esther, als ich an die kleine Rotzgöre dachte, für die ich heute ins Krankenhaus gefahren war. Verdammt, wenn ich so weitermachte, würde ich noch zu einem gefühlsduseligen Weichei werden, das bei Preisverleihungen genauso rumheulte wie Cliff – und Simon. Der Typ flennte ja schon, wenn wir nur auf einer Nominierungsliste standen.

„Wow“, flüsterte Esther in dem Moment, und verfolgte mit großen Augen die Eröffnungsshow, die aus jeder Menge Licht- und Soundeffekten mit irre vielen Tänzern und ebenso vielen Kostümwechseln bestand. Der riesige Videoscreen hinter der High-Tech-Bühne ließ Lichtblitze über die Wände zischen und obwohl das nicht meine Art von Musik war, machten die auf der Bühne ihre Sache ganz gut.

Nach dem Opening begann die Preisverleihung, bei der sie mit den langweiligen Kategorien starteten. Die Moderatoren machten ihre dämlichen Scherze, das Publikum lachte oder applaudierte an den richtigen Stellen und ich lehnte mich einfach zurück und ließ mich durch den Abend treiben.

Im Gegensatz zu den Jungs ging es mir ziemlich am Arsch vorbei, ob wir in den großen Kategorien „Bestes Album“, „Bester Song“, „Beste Band“ oder „Beste Performance“ absahnten. An der Kohle würde es nicht großartig was ändern und das, was mir wirklich wichtig war, hatte ich schon.

Sie.

Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie mein Blick von der Bühne hinüber zu ihr glitt. Aber es lag weder an dem Make-up noch an dem Kleid, dass ich meine Augen nicht von ihr nehmen konnte – es lag einfach an ihr. Weil ich das unglaubliche Privileg hatte, unter die ganzen Schichten sehen zu können und ihre wunderschöne Seele zu kennen.

„Hey, ist das nicht deine Ex?“, fragte Aron in dem Moment und stieß mich von der Seite an. Ich riss meinen Blick von Esther los und blickte rauf zur Bühne. Tatsächlich war Natascha eben mit einem silbernen Umschlag in der Hand hinters Mikro getreten.

„Wir kommen nun zu der Kategorie Bester Song“, hauchte sie in das Mikrofon und dann wurden die ganzen Nominierten eingeblendet. Auch wir waren mit Schwarzer Tag dabei und die Jungs konnten kaum stillsitzen, als ein Ausschnitt unseres Videoclips gezeigt wurde.

„Und der Preis für den besten Song geht an …“, sagte Natascha und zog lächelnd eine Karte aus dem silbernen Umschlag, „… Schwarzer Tag von der Band NEBEN!“

Frenetischer Applaus setzte in der Halle ein und ich sah, wie Simon und die Jungs begeistert aufsprangen, während Flo aus Leibeskräften jubelte. Im nächsten Moment wurde ich schon Richtung Bühne geschoben und blinzelte keine zwanzig Sekunden später in die grellen Scheinwerfer.

Natascha lächelte wie eine Wachsfigur, als sie uns den Preis überreichte und ich hörte anzügliche Pfiffe aus dem Saal, als sie mich rechts und links auf die Wange küsste.

„Das war doch kein Kuss!“, brüllte einer aus dem Publikum und Beifall brandete auf. Angepisst machte ich einen Schritt zurück und überließ den Jungs die Dankesrede, während mein Blick zu unserem Tisch schweifte, auf dem Esther mit Flo und Simon zurückgeblieben war. Das Einzige, was ich wollte, war in ihre Augen zu sehen, doch stattdessen starrte ich einfach nur auf einen leeren Platz und spürte, wie sich mein beschissenes Herz zusammenzog – denn Esther war einfach verschwunden.

5 Thoughts on “Eric – 103

  1. Trixi Breyer on 19. Januar 2018 at 19:09 said:

    ESTHER!!

  2. Sina on 21. Januar 2018 at 20:21 said:

    Auf dem Klo. Die Übelkeit besiegen…

  3. Alona on 22. Januar 2018 at 11:45 said:

    Stimme Sina zu, nach Draußen für die frische Luft wäre leider der Weg zu weit. Aber wen wundern denn Erics Verlustängste? Natürlich denkt er sofort, dass Esther auf und davon ist. Das dürfte ihn sowieso auf ewig begleiten. Wie schön ist dann jedesmal seine Erleichterung, wenn er sie wieder in seine Arme schließen kann.

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