Eric – 153

Mann, ich war wahrscheinlich in meinem ganzen Leben noch nie so nervös gewesen. Unruhig nestelte ich an dem Kragen meines Hemdes herum, während ich meinen Blick über die Waldlichtung gleiten ließ.

Entgegen der Befürchtung des Hochzeitsplaners war dieser Ort perfekt. Nach einem Fußmarsch von ungefähr fünf Minuten erreichte man die kreisrunde Lichtung, die groß genug war, um der gesamten Hochzeitsgesellschaft Platz zu bieten. Das Sonnenlicht fiel schräg durch das Blätterdach der riesigen Bäume und verlieh dem Ort etwas Friedvolles, das sich nur schwer in Worte fassen ließ.

Langsam atmete ich aus. Vielleicht lag es einfach daran, dass ich heute heiratete, dass mir so weich gespülte Gedanken durch den Kopf schossen. Möglicherweise war das etwas, das allen Männern passierte, die neben einem blumengeschmückten Hochzeitsbogen auf ihre Braut warteten. Vielleicht redete nur keiner darüber – und bei Gott, ich würde es auch nicht tun.

Chris stellte sich neben mich und klopfte mir auf die Schulter. „Alles klar?“

Da ich das Gefühl hatte, vor lauter Anspannung kaum sprechen zu können, beschränkte ich mich auf ein knappes Nicken. „Weißt du, wo Esther ist?“

Mein Cousin schüttelte den Kopf. „Nö. Aber sie kommt sicher, mach dir keine Sorgen. Flo ist bei ihr und wird sie notfalls an einer Kette hinter sich her durch den Wald schleifen, damit ihr heute endlich heiraten könnt.“

„Ich hoffe nicht, dass meine zukünftige Frau diese Art von Ermunterung braucht“, knurrte ich, während ich unsere Freunde und Verwandten musterte, die sich auf der kleinen Lichtung eingefunden hatten.

Esthers Mutter strahlte mich überglücklich an, während ihr Dad zumindest ein wohlwollendes Nicken für mich übrighatte. Nicht weit entfernt entdeckte ich die Jungs, die gemeinsam mit Simon aufgekreuzt waren und total gelöst wirkten. Nachdem wir in den letzten Tagen lange Gespräche darüber geführt hatten, ob wir dem Vergleich zum Wohle der Band zustimmen sollten, um die Plagiatsvorwürfe auf diese Weise aus der Welt zu schaffen, hatte sich ausgerechnet Cliff schließlich dagegen ausgesprochen. Stattdessen hatten wir die Entscheidung gefällt, für unser Recht zu kämpfen.

Es hatte gutgetan, als Gruppe wieder miteinander klarzukommen. Es hatte auch gutgetan, mit Aron endlich wieder normal reden zu können, was die Situation mit Noah ebenfalls entspannte.

Heute Morgen hatten wir dann erfahren, dass der Richter zu unseren Gunsten entschieden hatte. Es war fast so etwas wie ein verdammtes Hochzeitswunder.

„Mann. Ich hätte nie gedacht, hier mal mit dir zu stehen“, murmelte Chris in diesem Moment auf diese scheiß sentimentale Art, die ich gerade nicht gebrauchen konnte.

„Kein Tränendrüsen-Geschwafel“, stellte ich klar und fing den Blick von Zoe auf, die soeben in einem hübschen hellgelben Brautjungfernkleid durch die Bäume auf die Lichtung trat. Sie reckte lächelnd den Daumen in die Höhe, was bedeutete, dass Esther auf dem Weg war.

Vor lauter Erleichterung wurden mir Waschlappen beinahe die Knie weich.

„Okay. Kein Gesülze.“ Chris rempelte mich mit der Schulter leicht an. Offenbar dachte der Idiot, das würde seinen Weichspülgang neutralisieren. „Hätte nie gedacht, dass du mal so eine klasse Frau wie Esther abkriegst. Immerhin warst du ziemlich lange ein ziemlich großes Arschloch.“

„Danke.“ Nun musste ich doch grinsen.

„Gern geschehen.“ Er grinste ebenfalls.

In diesem Moment sah ich sie.

Das Streichquartett, das sich auf Sanchez’ Anweisung hin am Rande der Lichtung auf weißen Klappstühlen eingefunden hatte, begann zu spielen, während Esther in einem atemberaubenden weißen Kleid durch die blumengeschmückten Bäume trat. Der schimmernde Stoff ihres Rockes war bodenlang und umspielte sie sanft bei jedem ihrer Schritte, sodass es aussah, als würde sie über die Lichtung schweben. Ihre blonden Haare glänzten im Sonnenlicht und fielen ihr zusammen mit dem hauchzarten Schleier auf die nackten Schultern. Ein Strauß zerbrechlicher gelber Blumen vervollständigte das feenhafte Bild, das sie abgab. Esther war so überirdisch schön, als stammte sie nicht von dieser Welt. Bei ihrem Anblick begann ich wie ein Vollidiot zu strahlen.

„Wow“, sagte Chris leise neben mir, und ja, verdammt: In diesem einen Punkt hatte er völlig recht.

 

2 Thoughts on “Eric – 153

  1. Stefanie on 8. Februar 2019 at 12:32 said:

    So romantisch… dabei hat die Hochzeitszeremonie noch nicht mal begonnen. Wie schön, die Jungs der Band haben sich wieder vertragen. Wobei Eric wohl einen großen Teil der schlechten Stimmung zu verantworten hatte. Ich hoffe, er verhält sich jetzt auch den anderen Bandmitgliedern fair(er). Also dauerhaft. Da die Plagiatsvorwürfe aus der Welt geschafft sind, sollten jetzt alle die Feier genießen können. Auch eine tolle Gelegenheit wieder mehr zusammenzuwachsen.

  2. Trixi on 8. Februar 2019 at 17:23 said:

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