Eric – 55

Obwohl der Taxifahrer auf dem Weg zum Studio einen Großteil der Verkehrsregeln ignorierte, kam ich eine halbe Stunde zu spät zur Probe.

„Und wieder mal der Letzte“, erklang Arons angepisste Stimme, als ich das kalte Studio betrat. Keine Ahnung, was mit der Klimaanlage los war, aber seit dieser Simon unser Manager war, fror man sich hier immer die Eier ab.

„Hat es hier absichtlich Temperaturen wie am Nordpol?“, knurrte ich, ohne auf Arons pussyhaften Kommentar einzugehen.

„Hey Mann, schön dass du es geschafft hast“, sagte Noah und stellte die E-Gitarre zur Seite. „Die Temperatur hier soll uns schon mal auf unseren neuen Gig einstimmen. Hat dir Simon noch nichts gesagt? Wir machen eine Grönland-Tournee.“

„Wir machen was?“, wiederholte ich gepresst.

„Eine Grönland-Tournee“, sagte Noah und grinste. „Drei Wochen in Kälte und Eis.“

„Nicht dein Ernst“, murmelte ich und drehte mich auf dem Absatz um.

 

Eine Minute später platzte ich in das Büro von Simon hinein. Er saß gerade über einen Stoß Papiere gebeugt und fuhr so heftig zusammen, als hätte ich ihn bei etwas Verbotenem erwischt.

„Eine Grönland-Tournee?“, fragte ich hart. „Seit wann entscheidest du einfach irgendwelche Dinge, ohne dich mit uns abzusprechen?“

Simon schnappte sich die Papiere und ließ sie schnell in seiner Schreibtischschublade verschwinden. Dann räusperte er sich vernehmlich. „Hallo, Eric. Schön, dass du heute da bist.“

„Hast du mir nicht zugehört?“, fragte ich hart.

Simon lächelte gezwungen und stand auf. „Grönland? Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“

„Ich spreche von der verdammten Tournee“, erwiderte ich. „Drei Wochen in Kälte und Eis.“

Unser neuer Manager – der inzwischen gar nicht mehr so neu war – verschränkte die Arme vor der Brust. Dabei bemerkte ich, dass seine Hände leicht zitterten.

„Kann es sein, dass dich einer der Jungs verarscht hat, Eric?“, fragte Simon nun. „Ich hab keine Grönland-Tournee geplant.“

Ich kniff die Augen zusammen. „Hast du nicht?“

„Hab ich nicht.“ Simon schüttelte den Kopf. „Grönland. Also ehrlich. Ich will euch dort sehen, wo der Schotter wächst.“

„Und wo wächst der Schotter?“, fragte ich.

„Vegas“, grinste Simon und wirkte nun schon wesentlich selbstsicherer. „Am Wochenende findet dort ein New Rock & Pop-Musikfestival statt. Und ich hab organisiert, dass ihr da auftretet.“

„Und wieso weiß ich auch davon nichts?“, murrte ich, weil es mich noch immer anpisste, dass Noah mich verarscht hatte und ich ihm auf den Leim gegangen war.

„Keine Ahnung, ich hab euch allen eine Mail geschickt. Oder soll ich dich in Zukunft lieber anrufen?“, fragte Simon.

„Nicht nötig“, murrte ich und nahm mir vor, meine Mails regelmäßiger zu checken. Fehlte noch, dass ich seine nervige Stimme öfter als nötig im Ohr hatte.

„Gut“, sagte Simon. „Dann wäre das ja geklärt. Ach, und Eric?“

„Was?“, fragte ich, denn ich hatte jetzt schon die Schnauze voll von dem Gespräch.

„Platz nicht mehr einfach so in mein Büro. Wenn die Tür geschlossen ist, hat das einen Grund, okay?“

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Und welchen? Dass du dir vor deinen Provisionsabrechnungen einen runterholst?“

Simon errötete und sein Adamsapfel hüpfte auf und ab, als er schluckte. „Ich denke, es ist eine legitime Bitte, Eric.“

„Ja ja, schon gut“, knurrte ich, wobei es mir ein wenig seltsam vorkam, dass er auf dem Thema so herumritt. Möglicherweise versteckte er irgendwelche Pornobilder zwischen den Abrechnungen.

„Mir ist auch eine Sache wichtig“, erklärte ich ihm dann. „Erstens: Lass endlich einen Techniker kommen, der die Klimaanlage neu einstellt. Und zweitens: Ruf im Laufe des Tages Noah in dein Büro und erklär ihm, das eine Nummer geplant ist, auf der er Ukulele spielen muss.“

„Hä?“, machte Simon.

„Tu’s einfach“, erwiderte ich und konnte ein Grinsen bei der Vorstellung von Noahs Gesichtsausdruck nicht unterdrücken.

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