Eric – 56

Nach dem Gespräch mit Simon ging ich zurück zu den Jungs und erklärte Noah, dass wir uns in Grönland zwar die Eier abfrieren würden, sie aber auf mich zählen könnten.

„Wie meinst du das, auf dich zählen?“, fragte Noah irritiert, nachdem ich das Studio betreten hatte.

Ich stellte das Mikro ein und zuckte mit den Schultern. „Wir sind schließlich eine Band“, murmelte ich. „Und wenn ihr der Meinung seid, dass uns Grönland größer macht, dann machen wir eben so ein beschissenes Unplugged-Ding in ’nem Iglu.“

„Was redest du da von einem Iglu?“, wollte Aron wissen und runzelte die Stirn. Irgendwie sah der Typ immer angepisst aus.

„Das war Noahs Idee“, antwortete ich. „Wir fliegen drei Wochen nach Grönland. Deswegen ist das scheiß Studio so kalt. Um uns schon mal darauf einzustimmen.“

„Bullshit“, erwiderte Aron.

„Ich hab’s auch nicht geglaubt, aber Simon meinte, das würde uns einen neuen Markt eröffnen“, antwortete ich trocken. „Zuerst hat er abgestritten, was davon zu wissen, aber dann war er Feuer und Flamme.“

„Fuck“, murmelte Aron und baute sich vor Noah auf. „Bist du jetzt zufrieden?“, knurrte er ihn an. „Noah wollte dich nur verarschen“, stieß er dann in meine Richtung hervor. „Kann doch keiner damit rechnen, dass unser idiotischer Manager auf die Idee anspringt.“

„Echt? Du hast mich verarscht?“, fragte ich Noah, der gar nicht mehr so happy aussah.

„Mann, das war doch nur ein Witz“, verteidigte er sich.

„Ein Witz?“, wiederholte ich emotionslos.

„Ja, Mann, ein Witz. Fuck, du hast Simon nicht wirklich von Grönland überzeugt, oder?“

Ich sah ihm so lange ins Gesicht, wie ich es aushielt, ohne zu lächeln. Dann grinste ich ihn an. Noah deutete meinen Gesichtsausdruck richtig und fuhr sich durch die Haare. „Fuck, Alter, du hast mich voll erwischt.“

Ich hob bezeichnend beide Augenbrauen. „Das ist dir hoffentlich eine Lehre.“

„Für Noah ist doch nichts eine Lehre“, meinte Cliff schmunzelnd und dann grinste sogar Aron.

 

Die restliche Probe lief richtig gut und wir arbeiteten auch noch an zwei neuen Songs. Das hatten wir schon lange nicht mehr gemacht und es fühlte sich richtig an. Irgendwann kam sogar der verdammte Techniker und stellte die Klimaanlage neu ein und nach über zehn Stunden ging ich mit einem Gefühl aus dem Studio, das ich schon lange nicht mehr erlebt hatte, und von dem ich erst jetzt merkte, wie sehr es mir gefehlt hatte: Zufriedenheit.

Draußen auf der Straße war es schon dunkel, als ich mich auf dem Weg zum Hotel machte. Ich zog mir die Kapuze meiner Jacke in die Stirn und ließ mich durch die Stadt treiben. Ich mochte die Nacht. Im Schutz der Dunkelheit konnte ich in der Menge untertauchen und mich wie ein ganz normaler Typ fühlen. In der Nacht wurde ich nicht angestarrt, ich wurde nicht angefasst und fotografiert. In der Nacht ließen sie mich in Ruhe. Mehr noch, viele Menschen machten sogar einen Bogen um mich, als ob die Dunkelheit ein Teil von mir war, dem sie lieber nicht zu nahe kommen wollten. Keine Ahnung ob das wirklich so war, oder ob sich das nur mein krankes Hirn zusammenfantasierte. Seit ich Esther kannte, dachte ich weniger über diese ganze Scheiße nach.

Esther war wie ein kühler Wind, der über mich hinwegstrich und mich dabei sanft beruhigte. Ich konnte ihren Einfluss nicht sehen, ich konnte es nur fühlen, und das Einzige, was mir dabei Angst machte, war, wie schnell ich mich an diese Linderung gewöhnt hatte. Es fühlte sich an, als wäre ich jetzt schon abhängig von ihr, als wäre sie meine verdammte Droge, und ich wollte nicht abhängig sein, von keinem einzigen Menschen auf der Welt.

Ein Park mit hohen Bäumen kam jetzt in Sicht und in diesem Moment klingelt mein Handy. Ich holte es aus meiner Jeans und meine Pumpe beschleunigte ihren Takt, in der Hoffnung, dass sie es war.

Dann blickte ich auf das Display und schluckte. Mein verfluchtes Herz unterschied nicht zwischen gut und schlecht, es pochte einfach noch schneller. Doch diesmal war es ein Scheißgefühl, das damit einherging, und ich starrte auf den beschissenen Namen meiner beschissenen Mutter. Und noch während ich den Anruf wegdrückte wünschte ich, ich müsste das nicht fühlen.

One Thought on “Eric – 56

  1. Mein Gott… der arme Kerl! Ich würde ihn gern in den Arm nehmen und trösten…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Post Navigation