Eric – dreiunddreißig

„Mann, das hört sich gar nicht nach dir an“, sagte Chris und setzte sich vorsichtig im Bett auf.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.“

„Und du hast sie vorher noch nie gesehen?“

Ich zuckte wieder mit den Schultern und das Schulterzucken ging mir schon selbst am Arsch. Keine Ahnung was mit mir los war, wahrscheinlich war es die ganze Aufregung wegen Chris, das beschissene Krankenhaus oder der Schlafentzug.

„Du solltest dich hinlegen“, sagte Chris.

„Kann ich nicht.“

„Natürlich nicht, Mann! Was hockst du eigentlich noch hier rum? Du solltest sie suchen gehen, immerhin hat dir der Kaffeetyp nur Bullshit erzählt, das ist doch klar.“

Eine Krankenschwester kam rein, kontrollierte Chris’ Werte, nickte zufrieden und ging dann wieder hinaus.

„Nach der Story hält sie mich doch für einen Idioten.“

„Das bist du ja schließlich auch“, sagte Chis und grinste.

„Pass nur auf. Nur weil du hier einen auf Krankenhaus machst, heißt das nicht, dass ich dich nicht verprügeln würde“, sagte ich und mein Mundwinkel zuckte.

„Pass du nur auf“, entgegnete Chris, „nur weil ich hier im Krankenbett liege, heißt das nicht, dass ich dich nicht krankenhausreif schlagen kann.“

Ich lächelte und sah mir meinen lädierten Cousin an, der hier lag, in diesem weißen Krankenhausbett mit den Schläuchen und Verbänden und hier schon wieder einen Spruch nach dem nächsten abließ und total gelöst wirkte. Mann, war ich dankbar, dass er noch lebte.

„Was, heulst du jetzt gleich?“, fragte Chris.

„So ne Todeserfahrung bekommt dir nicht gut“, antwortete ich und lehnte mich am Stuhl zurück. „Du wirst recht wagemutig für deine Begriffe.“

Chris rieb sich über die Wangen. „Naja, wenn man schon so knapp mit dem Leben davonkommt, darf man doch ein wenig riskieren. Natürlich nicht so viel wie du. Mein Schutzengel braucht ja anscheinend etwas, bevor er in die Gänge kommt – er ist nicht gerade der schnellste.“

Ich lächelte.

„Apropos“, machte Chris weiter, „du solltest jetzt auch schleunigst in die Gänge kommen. Mach dich endlich zu deiner Esther auf.“

Ich rieb mir über die Augen.

„Jetzt ist nicht die Zeit, um hier bei mir zu hocken“, sagte Chris, „jetzt ist die Zeit, um dem da“, er zeigte auf die Stelle, wo mein Herz sitzen musste, „zu folgen. Ich weiß, du wirst gleich wieder einen Würgereiz bekommen – aber lass dir von jemandem, der gerade mit dem Leben davongekommen ist, sagen, dass das Leben zu kurz ist. Verdammt, Eric, ich weiß, dass das ein total abgedroschener Spruch ist, aber er ist nur deswegen so abgedroschen weil er einfach stimmt.“

 

Als ich aus dem Krankenhaus ging, regnete es noch immer. Seit Chris’ Unfall hatte es nicht aufgehört, es war, als würde der Himmel den ganzen Scheiß loswerden wollen, den er sonst immer mit sich herumschleppte.

Ich ging zu dem Café, ging alles zu Fuß, durch den Regen, ich fühlte die Müdigkeit in meinen Knochen, spürte die Aufregung in mir und hatte ganz vergessen, wie spät es war. Mein Handy hatte keinen Akku mehr und ich wusste, dass es besser gewesen wäre, in die Suite zu gehen, zu duschen und ne Runde zu schlafen – aber das Leben war zu kurz und ich hatte verdammt nochmal genug gewartet.

Als ich die Straße zu dem Café einbog, als ich dorthin rannte und mir die ganzen Leute mit den gesenkten Köpfen entgegenkamen, hatte ich Angst, noch vorher umzukippen, aber ich konnte nicht anders. Und es haute mich wirklich fast um, als ich vor dem Café stand, dessen Tür schon verschlossen war.

„Wie spät ist es?“, fragte ich einen Typen, der an mir vorbeiging. „Kurz nach sieben“, antwortete er und ging weiter und ich begann an der Scheißtür zu rütteln, ich konnte keinen Moment mehr länger warten.

Ich war zu spät, vielleicht war ich einfach schon wieder zu spät, schoss es mir durch den Kopf und ich schlug resigniert mit der Faust gegen die Tür. Das Café war geschlossen und sie war weg. Ich fuhr mir durch die nassen Haare, ich hätte am liebsten gegen die Tür getreten, ich hätte am liebsten mein Leben getreten, als ich mich umdrehte und auf die Straße blickte.

Da stand sie.

Die Welt um mich herum wurde still, ich hörte den Regen nicht mehr und auch nicht die Leute, die an mir vorbeigingen, ich sah nur sie, wie sie da stand und lächelte. Etwas in mir begann zu strahlen und dann sah ich den schwarzen Wagen, ich sah wie er von links kam und zu schnell fuhr, wie er zu bremsen versuchte, ich hörte das laute Quietschen der Reifen, ich sah, wie das Auto gegen ihren Körper knallte und sie nach hinten geschleudert wurde.

Ich rannte los, rannte zu ihr, während ich hoffte, dass das eben nicht wirklich passiert war und ich den Scheiß nur geträumt hatte, ich wollte den Autofahrer nicht hören, der etwas von einem Krankenwagen rief, ich lief zu ihr, vorbei an den anderen quietschenden Autos und fiel vor ihr auf die Knie. Das Blut rann über ihre Stirn, hinunter zu den braunen, sanften Augen und ich brüllte diesen verdammten Schutzengel an, so laut ich konnte.

5 Thoughts on “Eric – dreiunddreißig

  1. carmencitha on 16. September 2016 at 8:08 said:

    puh, dass treibt mir die Tränen in die Augen…

  2. Zum Glück hab ich schon alle bis zum aktuellen 8 Sinne Buch verschlungen sonst könnte ich jetzt nicht mehr aufhören zu heulen 😣

  3. Helene on 16. September 2016 at 20:55 said:

    Wow!!! Mal wider ein total mitreißende „Folge“, ihr macht das wirklich sooo gut das ich zu Gefühlsausbrüchen neige und damit meine Freunde verstöre;-).Ich habe echt schon so viel gelesen das mich fast nichts mehr schockt aber dieser Blogroman (+Acht Sinne1-7) schafft es mich ausrasten zu lassen.
    Ein dickes Dankeschön dafür, an euch zwei:-*.

  4. Oh mein Gott oh mein Gott. Jetzt kommt bei beiden diese Woche diese herzzereisende Szene. Traurige Szene.. bloß gut das es das Buch der Sinne gibt und es mit den Beiden da weiter geht. Ich liebe eure Bücher und man hat das Gefühl mitten drin zu stecken. Einfach toll. Ich warte schon sehnsüchtig auf Ben und Lees Fortsetzung. Macht weiter so. Ihr seid spitze

  5. Rose Snow on 17. September 2016 at 8:28 said:

    Ihr Lieben, vielen Dank für euer Feedback!!
    Eure Worte versüßen uns die Tage ungemein und wir versprechen zwei Dinge:
    1. es geht nächste Woche mit Eric & Esther weiter und wir werden eure Tränen trocknen und
    2. Band 8 der „Acht Sinne“ lässt nicht mehr allzu lange auf sich warten!

    Wir wünschen euch allen ein wunderschönes Wochenende!!
    Alles Liebe,
    Carmen & Ulli

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