Eric – eins

Die Scheinwerfer blendeten mich, mein Schädel dröhnte und die hysterischen Fans kreischten. Ich wünschte, es wäre schon zwei Stunden später, aber es war nicht zwei Stunden später, es war jetzt und ich musste da gleich raus.

„Alles klar?“, fragte ich die Jungs, und Aron und Noah nickten, während Cliff einfach nur stumm dastand und sich in sich selbst zurückzog. Keine Ahnung, was er da genau machte, vielleicht irgend so ein Meditationsding, aber von dem Scheiß hatte ich keine Ahnung. Ich hatte nur Ahnung von Musik und das war’s auch schon wieder, aber da die Musik für den Porsche draußen verantwortlich war, reichte das doch.

„Lass uns die Scheiße rocken“, grinste Noah und boxte mir spielerisch gegen den Bizeps, wahrscheinlich musste er noch die Spannung vor dem Auftritt abbauen. Für einen Moment versuchte ich mich daran zu erinnern, wann ich das zuletzt gefühlt hatte, kam aber nicht drauf und betrat die Bühne.

Sofort schwoll das Kreischen und Johlen an und ich spürte den Kick, als ich nach vorn ans Mikro trat. Die Halle war zum Bersten gefüllt und die Luft schmeckte nach Euphorie und Alkohol. Ich inhalierte tief, aber das Zeug, das ich eingeworfen hatte, wirkte nicht mehr und der Abend würde verdammt lang werden.

Noah positionierte sich links hinter mir, Aron rechts, Cliff nahm seinen Platz am Schlagzeug ein und der fetzige Sound der E-Gitarre ließ das Gekreische in den Hintergrund treten.

Meine Augen glitten über die vordersten Reihen und fingen den Blick einer Brünetten auf, die mir lasziv zulächelte. Ich sah sie einen Moment lang an. Geile Titten, aber das war’s leider auch schon wieder. Betont langsam nahm ich das Mikro aus dem Ständer.

„Hey“, sagte ich und das Gekreische wurde endlich leiser. Meine Stimme klang noch scheiße von dem ganzen Tequila letzte Nacht, aber da sie auf das Raue abfuhren, war es egal. „Wir spielen heute einen neuen Song.“ So, genug Intro. Ich drehte mich zu Noah um und gab ihm ein Zeichen, wollte die Sache einfach schnell durchziehen. Plötzlich kam mir wieder die Scheiß SMS von Chris in den Sinn und ich ballte die freie Hand zu einer Faust. Ich hatte echt keinen Bock auf seine beschissenen Vorwürfe, Cousin hin oder her. Noah stimmte die ersten Töne an und ich versuchte, Chris zu vergessen, versuchte, alles zu vergessen und nur den Beat zu spüren. Die Musik flutete durch die Halle, die Scheinwerfer blendeten wieder und ich schloss einfach die Augen. Ließ den Kopf in den Nacken fallen und bewegte den Körper im Rhythmus. Ich wusste, dass sie das anmachte. Langsam hob ich das Mikro an die Lippen und begann zu singen.

 

Ohne Flügel geboren – in der Welt verloren

die Vergangenheit bleibt … aber dich nicht mehr treibt

ohne Sterne die Nacht

die dich dunkel macht

sie lacht dir ins Herz

und du fühlst nur den Schmerz

und du lachst blöd zurück

denkst kleines Drecksstück

du bekommst das nicht mehr

… denn alles ist leer

 

Sie gingen sofort mit. Hinter mir drosch Cliff auf das Schlagzeug ein und vor mir war diese wogende Masse an Körpern, von denen ich einen oder zwei vielleicht später noch zu mir ins Hotel holen würde. Ich ließ die Beats durch mich hindurchfließen und schaltete mein Denken aus. Schaltete den kompletten scheiß Apparat aus und ließ mich einfach in die Musik fallen.

Wenn man den Zustand mal erreicht hatte, war es ganz leicht. Ich wusste, ich musste nur noch eine Weile so weitermachen, musste fliegen und abheben, und dann würden sie ausrasten und die ersten BHs auf die Bühne schmeißen.

 

„Super Gig“, grinste Noah und klatschte mit Cliff und Aron ab. Ich ging zur Bar und schenkte mir einen Whiskey ein, während die anderen über den Auftritt laberten. Die Energie summte regelrecht zwischen ihnen und ich fuhr mir durch die Haare, während ich einen großen Schluck nahm. Die letzte SMS von Chris ging mir noch immer im Kopf herum, obwohl ich versuchte, stattdessen an die Titten von dieser Brünetten zu denken.

Scheiß drauf, brachte ja doch nichts. Ich zog das Handy aus der Tasche und warf einen Blick drauf.

7 verpasste Anrufe, alle von Alex. Ich hatte keinen Bock, diesen geldgeilen Sack von einem Manager zurückzurufen und rief die Kurzmitteilungen auf.

 

Hey, Eric, wollen wir uns das Wochenende treffen und wieder mal über alte Zeiten quatschen? Melde dich. Chris.

 

Hey Eric. Hast du meine Nachricht bekommen? Ich weiß, dass du in der Stadt bist. Das Netz sagt, dass du keinen Auftritt hast – und komm mir jetzt nicht mit einem Privatgig, für so ne Scheiße seid ihr zu groß und das weiß ich.

 

Halloooo, Eric?

 

Bist du inzwischen abgekratzt?

 

Meine Finger verharrten über der letzten SMS von Chris.

 

Okay, Eric. Du hast also keinen Bock, mich zu treffen. Habs verstanden. Seit der Sache damals bist du echt noch abgefuckter als du ohnehin schon warst. Glückwunsch, irgendwann wirst du auch den letzten richtigen Menschen vergrault haben, bist du völlig allein dastehst.

 

„Hey, Eric, kann’s losgehen?“, fragte mich Cliff und ich steckte rasch das Handy zurück in die hintere Jeanstasche.

„Klar“, murmelte ich und stand auf. Der Boden drehte sich leicht unter mir, aber es war noch nicht so schlimm.

„Findest du, ich bin abgefuckt?“, fragte ich Cliff. Es kam einfach so raus und er sah mich ungläubig an.

„Hey Mann, du bist der abgefuckteste von uns allen“, lachte er und klatschte mir auf die Schulter. „Deswegen stehen auch die ganzen Weiber so auf dich.“

7 Thoughts on “Eric – eins

  1. Angela on 5. Februar 2016 at 17:40 said:

    Hallo,

    also genau so stelle ich mir Eric vor. Super geschrieben und frue mich sehr auf nächste Woche.

    Liebe Grüße Angela

    • Rose Snow on 5. Februar 2016 at 17:45 said:

      Liebe Angela, jetzt kommt das Wochenende – und dann noch so eine Nachricht von Dir, perfekt!! :)) Vielen Dank & liebe Grüße, Carmen & Ulli

  2. Carina on 6. Februar 2016 at 18:13 said:

    JIp … genauuu so is Eric…. ich kann nur nochmal sagen … wie sehr ich den Stil mag mit dem Ihr schreibt *_* fesselnd und frech =) bitte noch vieeeeeeeeeeeel mehr davon =) superschönes Restwochenende euch …. <3

    Lg Carina

  3. Claudia on 8. Februar 2016 at 2:28 said:

    Habe nun auch mal in den Blodroman geschaut und bin gespannt auf mehr 😀
    Der Schreibstil gefällt mir, die Unterschiede dabei zwischen Esther und Eric sind so treffend.
    Ich habe mich gefragt, ob die Tage eurer Veröffentlichung bewusst gewählt sind =) Für Eric ist wohl immer Freitag – Beginn eines langen Wochendes. Esther lebt immer mitten in der Woche =)

    Ursprünglich hatte ich angenommen, dass die Vorgeschichte der beiden in Band 6 eindeutiger wird, aber die Einleitung von euch klingt ja nicht so – ich hatte gedacht, dass ihre Zeit als Menschen noch mehr mit der Sinneswelt verwoben wäre. Ich bin weiter gespannt =)

    • Rose Snow on 9. Februar 2016 at 14:30 said:

      hallo Claudia, auch in Band 6 wird es Infos zur Menschenwelt geben … soviel sei schon mal verraten :)) Und ja, die Tage sind bewusst gewählt – schön, dass es Dir aufgefallen ist!! Viele Grüße, Carmen & Ulli

  4. Ja klingt irgendwie total nach Ben 🙂
    LG Calia

  5. Pingback: Blogtour (mit Gewinnspiel): Acht Sinne – Tag 6 – Fantasy gegen Liebesromane | Booklove

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