Eric – 51

Sie klammerte sich an mich fest, und es war ein so unglaubliches Gefühl, mein Mädchen im Arm zu halten, dass ich sogar meine beschissene Höhenangst für den Moment vergaß. Und dann ging alles ganz schnell. Der Typ mit dem Ziegenbart zählte von fünf rückwärts nach unten, ich hörte das Wort „Bungee“ und dann hörte ich nichts mehr.

Esther und ich kippten engumschlungen seitwärts von der Plattform, der Wind brauste an uns vorüber, und ich dachte für einen Moment, dass es wahrscheinlich das war, was die Leute fühlten, wenn sie sich von einem Hochhaus in den Tod stürzten.

Unter ihnen nichts als Leere und die Gewissheit, absolut keine Kontrolle mehr zu haben. Esther schrie und ich brüllte ebenfalls und dann – nach einer Ewigkeit und doch viel zu schnell – gab es schon einen Ruck, der uns wieder zurück nach oben schleuderte, und plötzlich wusste ich, was sie damit meinte, zu fliegen.

Wir erlebten einen Moment der Schwerelosigkeit, ihr warmer Körper schmiegte sich an meinen und ich hörte ihr entzückendes Lachen. Und plötzlich war da ein Gefühl in meiner Brust, als ob ich zu klein wäre für all meine Empfindungen, als ob sie mehr Platz brauchten, weil sie so verdammt überwältigend waren, und dann pendelten wir langsam aus und ich sah in ihre strahlenden Augen.

„Das war unglaublich“, hörte ich Esther sagen und konnte nur nicken. Sanft strich ich ihr eine dunkelblonde Haarsträhne von ihrer Wange.

„Willst du nochmal?“, fragte ich rau und brachte sie damit erneut zum Lachen. Dann blickte sie mich an und schüttelte den Kopf.

„Nein, Eric“, entgegnete sie mit Bestimmtheit. „Jetzt machen wir etwas anderes. Etwas, das sich für dich verrückt anfühlt.“

Wir schwangen noch sachte hin und her und dann kam der Erdboden immer näher und das Bungee-Team befreite uns von unseren Gurten und den Fußmanschetten. Schließlich stand ich auf dem weichen Gras und versuchte, ein bisschen weniger zu zittern und ein bisschen mehr wie der Typ auszusehen, dem die Mädels ihre BHs auf die Bühne warfen.

„Wie war’s?“, fragte einer der Bungee-Leute und Esther strahlte ihn überglücklich an. „Es war unbeschreiblich“, meinte sie. Dann griff sie nach meiner Hand und wir gingen ein paar Schritte nebeneinander durch das weiche Gras. Hinter ihr leuchteten die Berggipfel im Sonnenlicht und der Anblick erinnerte mich an einen verdammt kitschigen Cowboyfilm.

„Also“, nahm sie unsere Unterhaltung von vorher wieder auf und ich sah, wie ihr Körper von all dem Adrenalin regelrecht vibrierte. „Was machen wir jetzt?“

Ich warf ihr einen intensiven Blick zu. „Ich hätte da schon eine Idee“, erklärte ich ihr heiser.

Sie stockte für einen Moment und an dem Ausdruck ihrer Augen wusste ich genau, dass sie an letzte Nacht dachte. Dann biss sie sich auf die Lippen.

„Gleich hier?“, fragte sie herausfordernd und ihr Tonfall machte mich total an. Ich zog sie an der Hand zu mir heran und nickte.

Sie schnaubte amüsiert und schüttelte den Kopf. „Das zählt doch nicht, Eric.“

„Wieso nicht?“

„Weil es nicht verrückt genug ist“, erwiderte sie ernst und schlang ihre schlanken Arme um meinen Nacken. Dann blickte sie mich durchdringend an. „Sag mir: Was ist so verrückt, dass du es jetzt auf keinen Fall mit mir tun würdest?“

Ich zog eine Augenbraue hoch und ließ meine Hände zu ihrem Hintern hinunterwandern. „Mit dir in die Kirche gehen“, erwiderte ich mit einem spöttischen Lächeln.

Sie lächelte zurück. „Wann warst du denn das letzte Mal in der Kirche?“, fragte sie neugierig.

Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

Ihre Augen begannen unheilvoll zu leuchten und ich schüttelte den Kopf. „Nein, Esther.“

„Wieso nicht?“

„Weil ich keinen Bock auf den ganzen Scheiß hab“, erwiderte ich ruppig.

Sie sah mich unbeeindruckt an. „Das heißt, du machst es nicht, weil es zu verrückt ist?“

Ich schnaubte.

„Also?“, hakte sie nach und ihr Blick bohrte sich in meinen.

Ich schüttelte den Kopf. „Schön. Dann fahren wir eben in so eine verfluchte Kirche.“

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