Eric – elf

„Hey, Eric, lass gut sein“, mischte sich Aron ein und warf mir einen nachdrücklichen Blick zu. „Dann geh doch einfach kurz raus zum Rauchen, ist doch nichts dabei.“

Der Fotograf sah aus, als ob er jeden Moment einen Herzinfarkt bekommen würde. Sein Schädel war krebsrot und noch hässlicher als vorher.

Meine Augen verengten sich. „Stellst du dich gerade ernsthaft auf die Seite von diesem cholerischen Idioten?“, fragte ich Aron. „Wir sind ein Team, schon vergessen?“

„Fühlt sich in letzter Zeit nicht so an, als ob wir ein Team wären“, gab er zurück.

Ich sah ihn an. Ihn, Noah und Cliff, die alle zusammenstanden, als ob ich nicht dazugehörte. „Was zur Hölle soll das?“, fragte ich leise.

„Jetzt kommt mal alle wieder runter“, sagte Cliff, der schon immer der Harmoniebedürftigste von uns allen gewesen war. Er schob sich die langen Haare aus dem Gesicht. „Ist doch alles easy. Lasst uns einfach die restlichen Fotos machen.“

„Die mit den Flammen?“, fragte ich hart. „Feuer ist also okay, aber ich werde wegen einer verdammten Kippe angefuckt?“ Ich gab der Lampe neben mir einen Tritt, dass sie mit einem lauten Krachen auf dem Boden aufschlug.

„Sag mal, geht’s noch?“, brauste der Fotograf auf. „Ich werde dich verklagen! Dich und dein ganzes Management, du kannst nicht einfach herkommen und hier randalieren, wer glaubst du eigentlich, wer du bist?!“

Ich ballte die Fäuste und Cliff nahm mich bei den Schultern und dirigierte mich aus dem Raum. Von drinnen hörte ich den Affenmann schimpfen, aber Cliff schloss entschieden die Tür hinter uns und bugsierte mich in die Toilette. Nachdem auch diese Tür zu war, sah er mir fest in die Augen.

„Alter, echt jetzt, komm mal wieder runter“, befahl er. „Du bist ständig am Austicken, fällt dir das überhaupt noch auf?“

„Ich hab das nicht nötig“, fauchte ich ihn an.

„Was? Fotos mit uns zu machen? Hältst du dich für so viel besser?“

„Fängst du jetzt auch mit der Scheiße an?“ Meine Stimme war kalt wie Eis.

Cliff atmete schnaufend aus und schloss kurz die Augen. „Ich bin mir echt nicht sicher, was ich sagen soll. Du veränderst dich. Die Jungs machen sich Sorgen …“

„Die Jungs machen sich Sorgen?“, brüllte ich ihn an. „So weit ist es also schon gekommen, dass ihr hinter meinem Rücken über mich redet, als wär ich ein Problem für euch?“

Cliff hob beschwichtigend die Arme. „Hey Mann, du weißt, wir lieben dich. Aber das, was du in letzter Zeit abziehst, passt einfach nicht zum Flow der Band.“

„Passt nicht zum Flow der Band?“ Ich wurde noch lauter. „Ich BIN die scheiß Band, ich bin das beschissene Herz der Band, ohne mich gäbe es die Band gar nicht!“

Cliff wurde aschfahl im Gesicht. „Das ist echt scheiße, Eric. Ohne uns wärst du genauso wenig da, wo wir jetzt stehen.“

„Ach ja, Cliff? Denkst du, du bist der Einzige in diesem gottverdammten Universum, der ein Schlagzeug spielen kann?“ Ich sah an seinem Gesichtsausdruck, dass ihn meine Worte verletzten, aber ich konnte nicht damit aufhören. Es schwappte alles aus mir raus, ich kotzte es ihm vor die Füße und es fühlte sich gut an, wieder was zu fühlen, irgendwas, selbst wenn es nur diese unsägliche Wut war.

„Ist dir bewusst, dass ich derjenige bin, der die ganzen Lieder schreibt, die uns die Kohle bringen?“, schrie ich weiter. „Ich bin die verdammte Seele der Band!“

Cliff sah mich an. „Früher vielleicht. Jetzt bist du eher so was wie ein Zombie.“

Er sagte es ganz ruhig und ich hätte ihm dafür am liebsten in seine blöde Fresse geschlagen.

Ich musste hier raus.

Aggressiv drängte ich mich an ihm vorbei, rempelte ihn mit der Schulter an und stürmte auf die Straße. Dort nahm ich ein Taxi zum Boxclub. Normalerweise begrüßten mich die Jungs dort mit Handschlag, doch heute sagte keiner ein Wort. Und ich sah auch keinen von ihnen, mein Kopf war völlig leergefegt und mein Blick nur auf den nächsten Sandsack gerichtet. Ich steuerte ihn an und begann auf ihn einzudreschen, mit all meiner Kraft. Immer fester und schneller schlug ich zu, während vor meinem geistigen Auge die Gesichter all derer hochpoppten, denen ich verdammt gerne in die Fresse geschlagen hätte. Mein Mund verzog sich zu einer einzigen harten Linie. Zuerst sah ich den Fotografen, dann Cliff, Noah und Aron, Alex, den verdammten Scheißkerl, den gelackten Journalisten … meine Fäuste droschen immer weiter auf den Sandsack ein, ich sah Chris mit seinem vorwurfsvollen Gesicht und dann sah ich meinen Vater. Meinen Vater, immer wieder sah ich meinen scheiß Vater, und ich drosch so lange auf ihn ein, bis meine Fingerknöchel aufplatzten.

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