Eric – fünf

Ich träumte gerade von einer scharfen Rothaarigen, als mich das Klingeln meines Handys aus dem Dämmerschlaf riss und an mir zerrte, wie ein Wolf an seiner Beute. Stöhnend griff ich nach dem Scheißding und warf einen Blick auf das Display.

Chris. Mal wieder.

Ich biss die Zähne zusammen, der Typ ließ einfach nicht locker.

„Bin grad beim Vögeln. Verpiss dich“, schnauzte ich ins Telefon.

„Erzähl keinen Scheiß“, erwiderte mein Cousin. „Weißt du, Eric – ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der es merkt, wenn du lügst.“ Ich hörte den Ansatz eines Lächelns aus seiner Stimme, aber im nächsten Moment wurde er ernst. „Hör zu, Mann, es tut mir leid, wie das letzte Gespräch gelaufen ist. Lass uns die Sache vergessen. Ich fahr morgen nach Hause und wollte meinen letzten Abend mit meinem stinkreichen, scheißberühmten Cousin verbringen. Und wage es nicht, nein zu sagen, ich bin nämlich schon in der Hotellobby.“

Ich warf einen Blick auf die Digitalanzeige des Weckers neben meinem Bett. 19.45 Uhr.

„Du kommst mich um Viertel vor Acht abholen – wie so eine scheiß Prinzessin?“

„Genau. Wie so eine scheiß Prinzessin“, erwiderte Chris. „Bist ja auch eine. Also komm runter, ich setz mich hier so lange in einen dieser superbequemen Stühle.“ Damit legte er auf.

Ich starrte für einen Moment auf das Handy in meiner Hand und war mir nicht sicher, ob ich grinsen sollte. Chris war der Einzige, der so ungezwungen mit mir redete – selbst die Jungs hielten sich da mehr zurück. Und obwohl er mich oft nervte, hatte ich irgendwie Bock darauf, Zeit mit jemandem zu verbringen, der mir nichts vormachte.

Langsam schwang ich die Beine aus dem Bett, nahm eine heiße Dusche und starrte im Spiegel dem zerstörten Typen entgegen. Mein Gesicht war in den letzten Wochen schmäler geworden und meine Augenringe tiefer und dunkler. Ich brauchte wirklich mal eine Dosis Schlaf, aber schlafen konnte ich genug, wenn ich tot war.

 

„Hey, Alter, es tut gut, dich zu sehen.“ Chris’ sanfte braune Augen blickten mich warmherzig an und erzeugten ein ungutes Gefühl bei mir. Ich war nicht der Typ für verbales Kuscheln.

„Schon gut“, sagte ich und klopfte ihm kurz auf die Schulter. „Hab einen neuen Wagen. Willst du fahren?“

Er schluckte. „Du meinst …?“

„Klar“, erwiderte ich, während ich in die Tasche langte, die Autoschlüssel hervorkramte und ihm zuwarf. „Aber fahr nicht wieder wie so eine verdammte Pussy.“

 

Natürlich fuhr er wieder wie eine verdammte Pussy. Und obwohl ich das nie zugegeben hätte, war es ganz okay für mich. Irgendwas war mit meinem Magen, der fühlte sich schon die ganze Zeit nicht gut an.

„Wo willst du hin?“, fragte Chris, während er mit einem verzückten Lächeln durch die Straßen cruiste.

„Keine Ahnung, irgendwohin, wo man mich nicht kennt“, knurrte ich und zog die Kapuze über den Kopf. Chris hielt bei einer roten Ampel und ich blickte stur geradeaus. Im Auto neben uns wurde heftig gestikuliert und als ich einen Blick zur Seite riskierte, kreischten die beiden Mädels darin laut auf und ließen das Fenster runter. Ich schaute wieder zurück auf die Straße und hoffte, dass die verdammte Ampel bald auf Grün springen würde.

„Wenn du nicht erkannt werden willst, hättest du dir einen silbernen Volvo kaufen müssen“, sagte Chris und grinste mich an.

„Einen Volvo?“, wiederholte ich fassungslos.

„Oder einen Opel. Halt was Schlichteres als einen schwarzen Porsche.“

„Sag bloß, du würdest jetzt lieber in einem klapprigen Opel sitzen“, gab ich zurück.

„Ich geb gar nichts zu“, murmelte Chris mit einem Lächeln, und als die Mädels nebenan ihre Handys zückten, sprang die Ampel endlich auf Grün und Chris stieg aufs Gas.

 

Das Lokal, das er ausgesucht hatte, war mir zu voll, aber ich wollte die Stimmung zwischen uns nicht gleich wieder in die Scheiße reiten und sagte nichts.

„Dort in der Mitte ist noch was frei“, sagte Chris und steuerte einen Tisch an, auf dem noch die leeren Biergläser von den Leuten vor uns standen.

Ich zog mir die Kapuze noch tiefer ins Gesicht und die Schultern hoch, während ich ein „Okay“ murmelte. Ich wollte hier nicht rumzicken, aber ne dunkle Ecke wäre mir echt lieber gewesen.

„Jetzt mach dir mal nicht ins Hemd. Die werden dich schon nicht erkennen“, gab Chris entspannt zurück, als das erste Blitzlicht eines Fotoapparats aufleuchtete.

One Thought on “Eric – fünf

  1. Kathrin on 4. März 2016 at 14:35 said:

    In der Hoffnung, dass es noch nicht gesagt wurde… aber mich erinnert Chris an Simon.. er ist der einzige, der Eric/Ben erträgt, egal wie eklig dieser zu ihm ist. Zudem erfreut er sich durch Eric/Ben an Aufmerksamkeit und Geld, OHNE etwas selbst dafür zu tun… 😉

    Ich freue mich wirklich auf Band 6, denn ich stellte mitten im Urlaub bestürzt und nichtsahnend den Cliffhanger in Band 5 fest, um dann zu erfahren, dass es Band 6 noch gar nicht gibt. Hatte mir als Urlaubslektüre -dank Amazonempfehlung – nämlich gleich alle 5 Bände gegönnt und innerhalb von viel zu kurzer Zeit komplett durch gelesen. Band 1 war noch etwas holprig bzw nicht immer verständlich geschrieben, aber von Buch zu Buch habt ihr euch super gesteigert und es immer spannender gestaltet. Weiter so! Freue mich ein deutsches Autorenduo zu unterstützen und trotz meines „höheren“ Alters bei dieser Geschichte so mitzufiebern! 🙂

    Grüße Kathrin

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