Eric – fünfzehn

Das Fenster musste ich nicht einschlagen, um hineinzukommen. Die Scherben lagen am Boden, die Fenster waren dreckverschmiert und kaputt, das ganze scheiß Haus war verwaist und verlassen, selbst das Schild, auf dem „Haus zu verkaufen“ stand, war schäbig und abgefuckt, keiner wollte die Bude haben. Es lag an der Gegend, es lag an dem Haus, es lag an denen, die ehemals darin gewohnt hatten.

Fuck. Was machte ich nur hier? Ich hätte Alex anrufen können, ich hätte mich von der Limousine abholen lassen können, ich hätte mit den Jungs Party machen, mich volllaufen lassen und zwei heiße Chicks in die Suite mitnehmen können, ich hätte alles machen können, anstatt hier in der Dunkelheit zu stehen.

Ich atmete tief ein, holte mein Handy aus der Hosentasche, sieben verpasste Anrufe, ich steckte das Handy zurück, zog den Ärmel meines Sweatshirts über die Hand und griff von außen durch das zerbrochene Fenster, um es zu öffnen. Einen Moment zögerte ich, dachte an Champagner und laute Musik, hatte den Impuls wegzurennen, aber etwas zog mich hinein, etwas hielt mich hier fest. Langsam stieg ich durch die Scheibe, hinein in das schäbige Haus, hinein in meine Vergangenheit.

 

Es roch kalt und versifft. Die Tapete hing in langen Streifen von den Wänden, der Putz bröckelte von der Decke und der Staub kroch über den Boden. Ich stand im Wohnzimmer, am Holzfußboden konnte ich durch das Licht des Mondes die Kerben der alten Couch und des Fernsehstuhls erkennen, und ich sah viel mehr, ich sah ihn, wie er darin hockte und sich ein Bier nach dem anderen reinknallte, ich sah ihn, wie er schrie, wie er nach ihr schrie, obwohl sie schon längst nicht mehr da war.

Ich sah das Football T-Shirt, das er so gerne trug, die abgewetzten Jeans und die Sandalen, die ihn weich und harmlos wirken ließen, obwohl er es nicht war. Sein Geruch nach Rasierwasser und Bier war wieder da, der Klang seiner Stimme, wenn er einmal sprach, das Geräusch, wenn sein Auto in die Einfahrt fuhr und das Knallen der Autotür. Seine schweren Schritte auf der Veranda.

Ich hörte, wie die Haustür krächzte, wenn er sie öffnete, ich hörte das Aufreißen der Bierdosenlasche und das Zischen der Kohlensäure, das erste Geräusch, wenn er im Haus war. Ich hörte, wie er es gierig hinunterstürzte und die Dose dann zerquetschte, um sie in die Ecke zu pfeffern, wie er mich rief, um sie aufzuheben und in den Müll zu tragen, wie er mich rief, um den Müll hinauszubringen, meinen Arsch zu bewegen und endlich mal für Ordnung zu sorgen.

Automatisch ging ich durchs Wohnzimmer, vorbei an der Küche, in der ich sie das letzte Mal gesehen hatte, vorbei an dem Geruch nach Pancakes mit Honig und Zimt. Ich sah ihre langen blonden Haare und den schmalen Rücken, ich sah, wie ihr linkes Bein zu der Musik im Radio mitwippte, ich ging vorbei an ihrer summenden Stimme, die nach Hoffnung klang, aber schon so bald verstummte, ich ging die Treppe hinauf, die dritte Stufe quietschte wie damals.

Meine Beine steuerten auf mein altes Zimmer zu, ich öffnete die dunkle Tür und betrat den leeren Raum, an dessen Wänden noch die Reste der alten Klebestreifen hingen. Ich hatte alles mit Postern der Bands vollgehängt, ich hatte ihre Musik gehört, um die beschissenen Geräusche des Hauses nicht hören zu müssen, um es nicht in seiner vollen Wucht zu ertragen, ich sah mich mit zwölf auf dem Bett sitzen, summend und hoffend, und ich sah, wie die Hoffnung Tag für Tag starb.

 

Der Typ am anderen Ende der Leitung gähnte. „Es ist fast Mitternacht, haben Sie keine Uhr? Wer zum Teufel ruft um die Zeit an?“, murrte er ins Telefon.

„Ich werde das Haus kaufen“, sagte ich.

Der Makler räusperte sich und klang gleich viel wacher. „Wie bitte?“

„Das Haus in der Lilian Street“, erklärte ich.

„Das Haus in der Lilian Street …“, wiederholte der Typ und schien nachzudenken, wahrscheinlich konnte er es selbst nicht glauben, dass jemand die Bruchbude wollte. „Meinen Sie wirklich das Haus in der Lilian Street?“

„Genau das meine ich.“

„Ich liebe Käufer, die genau wissen was sie wollen“, seine Stimme war plötzlich total freundlich, „Sie haben sich hier für ein äußerst reizendes Häuschen entschieden, ich gebe zu, dass noch die ein oder andere Sache gemacht werden muss, aber wenn Sie es renovieren lassen …“

„Ich werde das Haus nicht renovieren“, unterbrach ich den Typen hart. „Ich möchte, dass Sie das Scheißding abreißen.“

4 Thoughts on “Eric – fünfzehn

  1. Kris on 13. Mai 2016 at 8:46 said:

    Hallo Rose Snow,

    das ist ein schöner Blogroman und ich freue mich immer auf die neuen Folgen, aber so langsam könnte schon ein bisschen was „voran“ gehen mit der Geschichte. Findet ihr nicht? Da es ja jede Woche nur 1-2 Seiten gibt, erfordert ihr uns Lesern schon viel Geduld ab.. Zumal wir ja eigentlich auf den neuen Band warten und uns mit dem Blogroman nur die Zeit bis dahin vertreiben. Esther und Erics Wege sollten sich daher langsam mal kreuzen.. Ich bin gespannt!

    • Rose Snow on 13. Mai 2016 at 21:45 said:

      Liebe Kris, wir schreiben schon fleißig an Band 7 – und wenn euch der Blogroman die Wartezeit etwas verkürzt, umso besser! Deswegen veröffentlichen wir auch 2 Mal in der Woche, und sind total happy, wenn euch Eric und Esther auch Freude bereiten 🙂 Du musst Dich leider noch etwas gedulden, denn wir sind gerade dabei uns gerade etwas ganz Besonderes für euch zu überlegen … aber pssst mehr verraten wir noch nicht … wir wünschen dir schöne Pfingsten, und hauen in die Tasten!! Alles Liebe, Carmen & Ulli

  2. 01mee on 3. Juni 2016 at 19:46 said:

    Hex ihr zwei ich liebe eure bücher 😍 und frei mich schon auf den nächsten Teil – hoffe dauert nicht mehr solange bis er rauskommt LG😀😊

    • Rose Snow on 5. Juni 2016 at 9:42 said:

      Liebe Laura, es dauert gar nicht mehr so lange …. um die zwei Wochen :))) Viele Grüße!! Carmen & Ulli

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