Eric – fünfzig

„Du hättest auch sagen können, dass du mich liebst“, flüsterte ich ihr zwei Wochen später ins Ohr, als wir gerade hinter der Bühne auf unser Zeichen warteten.

„Was?“, schnaufte Esther abgelenkt und ich sah, wie sich ganz entzückende rote Flecken auf ihrem Hals und Dekolleté ausbreiteten.

„Als ich dir meine Liebe gestanden habe“, murmelte ich und küsste sie sanft auf den Hals, „hast du nachher nur Okay gesagt.“

„Okay“, antwortete sie und holte tief Luft.

Ich musste grinsen. „Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“

„Oh mein Gott, wir sind gleich dran. Ich hätte dir nie von der Liste erzählen sollen!“, brach es aus ihr heraus. Ein dünner Schweißfilm bedeckte ihre Haut und ich machte vorsorglich einen Schritt zur Seite.

„Du wirst jetzt aber nicht wieder hinter die Bühne kotzen, oder?“

„Ich habe nicht hinter die Bühne gekotzt, Eric“, berichtigte sie mich schnaufend. „Ich habe auf die Bühne gekotzt. Vor allen Leuten aus meiner Klasse. Es war demütigend!“

„Und genau deswegen sind wir hier … um dieses Trauma zu überwinden. Wie lange ist das jetzt her? Sieben Jahre?“

„Acht“, murmelte sie und presste sich die Hand auf den Magen. „Ich bin einfach nicht der Typ für Karaoke“, fuhr sie dann fort. Du stehst vielleicht auf so was, aber ich …“

„Ich weiß, du stehst darauf, Paragraphen auswendig zu lernen“, neckte ich sie und konnte es noch immer nicht fassen, dass wir jetzt wirklich zusammen waren. Es war das verdammt nochmal größte Abenteuer meines Lebens, und obwohl ich jedem Paparazzo, der ihr zu nahe kam, am liebsten die Eier zerquetscht hätte, hielt ich mich zurück. Esther hatte mir versichert, dass sie sich einem Leben in der Öffentlichkeit gewachsen fühlte – zumindest mehr, als einem Leben ohne mich. Scheiße, so etwas hatte eine Frau noch nie zu mir gesagt und wenn ich an den verfluchten Kerl da oben glauben würde, dann würde ich ihm jeden Tag auf Knien danken, dass er sie mir geschickt hatte.

„Und jetzt kommen Eric & Esther mit dem Song Eternal Flame“, kündigte uns der Moderator von dem kleinen Karaoke-Club an. Esther wurde schneeweiß und umklammerte meine Hand so fest, dass ich keine Chance gehabt hätte, wegzulaufen, selbst wenn ich gewollt hätte.

Mit einem Grinsen zog ich sie auf die Bühne und die paar Rentner, die sich um die kleinen runden Tische versammelt hatten, klatschten müde.

„Mein Gott“, stammelte Esther neben mir und ich küsste sie kurz auf den Mund.

„Du darfst Eric zu mir sagen.“

Sie wirkte kurz irritiert und blitzte mich dann genervt an. Ihr Gesichtsausdruck war so süß, dass ich laut lachen musste. Die Musik setzte ein und ich verpasste meinen Einsatz, obwohl ich ihr hoch und heilig hatte versprechen müssen, mit dem Song zu starten.

„Sing!“, zischte mir Esther zu. „Du bist ein verdammter Rockstar, sing endlich!“

Noch immer grinsend setzte ich ein: „… give me your hand, darlin’ – do you feel my heart beating – do you understand … do you feel the same?“

Sie holte tief Luft. „Am I only dreaming? Is this burning an eternal flame?“

„Davon bin ich überzeugt“, flüsterte ich ihr ins Ohr. Sie blickte lächelnd zu mir hoch und sang weiter. Es war großartig. Sie konnte überhaupt nicht singen und ich liebte sie. Ich liebte alles an ihr. Ich liebte ihre schiefen Töne, ich liebte ihren Mut, sich hier mit mir auf die Bühne zu stellen und vor einer Handvoll halbtauber Rentner zu performen, obwohl das ihr persönliches Armageddon war. Vor allem liebte ich sie dafür, dass sie nicht so aussah, als ob sie mir jetzt noch auf die Füße kotzen würde.

Wie so ein verliebter Trottel sang ich mit ihr diesen uralten Song zu Ende und fuck, für sie war ich gern ein verliebter Trottel.

„Gott sei Dank“, flüsterte sie, als das Lied zu Ende war und die halbtauben Rentner pflichtschuldig klatschten. „Endlich ist dieser elendige Punkt auf meiner Liste erledigt!“

„Jep, Karaokesingen hast du geschafft“, murmelte ich in ihr Ohr und zog sie ganz nah an mich. „Und was steht als nächstes auf unserer Liste?“

 

3 Thoughts on “Eric – fünfzig

  1. Aljona on 13. Januar 2017 at 10:01 said:

    Ich konnte mir die beiden richtig gut vorstellen😄…zum Lachen und dahinschmelzen😍

    Da ich so ungeduldig war, habe ich schon im Buch gelesen wie es weiter geht und jetzt freue ich mich auf Dienstag!

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende

  2. Anja Schmidt on 16. Januar 2017 at 19:59 said:

    Toll toll toll… Gibt es ein 2. Buch oder nur ein Epilog? Würde gern wiSven wie es weiter geht

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