Eric – sechsunddreißig

Sie sah mich an. Scheiße, sie hatte tatsächlich die Augen offen und sah mich an und ich … ich saß hier nur wie der letzte Vollhonk und glotzte zurück.

Meine Pumpe ging, als wäre ich einen Marathon gerannt, und fuck, sie war einfach umwerfend. Ich war mir sicher, dass niemand, der gerade aus dem Koma aufgewacht war, schöner hätte sein können als sie. Ihre braunen Augen schimmerten und in ihnen lag so viel Gefühl, als hätte sie bei meinem Song gerade tatsächlich zugehört.

Und Mist, ich starrte sie noch immer an, ohne ein Wort zu sagen. Ich musste was tun, ich musste einen gottverdammten Arzt holen, ich musste die scheiß Gitarre wegpacken und jetzt verdammt noch mal in die Gänge kommen. Ich sprang auf. Das Adrenalin brachte mich zum Zittern und ich fragte mich, wie ich auf sie wirkte. Ich hatte seit ihrem Unfall nie mehr als drei Stunden am Stück geschlafen, ich war ein wandelndes Wrack und ich wollte nicht, dass sie mich so sah.

„Ich … bin gleich wieder da“, stammelte ich, ich klang wie so ein beschissener Schuljunge, und dann rannte ich raus auf den Flur und versuchte, eine Krankenschwester zu finden, die mich nicht sofort von der Station jagte, weil die Besuchszeiten schon lang vorbei waren oder noch nicht angefangen hatten. Mein Blick irrte durch den Korridor und ich sah keine einzige verdammte Schwester, dafür entdeckte ich Esthers Eltern, die gerade um die Ecke bogen. Sie sahen beide total fertig aus und ein kleiner Teil von mir wollte es ihnen nicht sagen. Dieser beschissen egoistische Teil von mir wünschte sich, dass sie jetzt einfach umdrehen und noch nen Abstecher die Cafeteria machen würden, damit ich die Zeit mit Esther verbringen konnte.

Ich hasste mich selbst dafür. Sie kamen immer näher und fuck, ich konnte ihnen das nicht vorenthalten.

„Sie ist wach“, sagte ich quer über den Flur. Meine Stimme war nicht mehr als ein raues Krächzen.

„Sie ist wach?“, rief ihre Mutter und schlug sich die Hand vor den Mund. „Wirklich?“

Ich nickte, obwohl ich eine Scheißangst hatte, dass ich es mir nur eingebildet hatte und dieser Moment nie wirklich existiert hatte. Fuck, ich stand so neben der Spur, dass mein ganzer Körper zitterte, ich fühlte mich wie damals, in der Nacht, als sie sie eingeliefert hatten.

„Ist schon ein Arzt bei ihr?“, rief ihr Vater und ich schüttelte den Kopf. Dann stürmte die Mutter an mir vorbei ins Zimmer und der Vater rief nach einem Arzt und innerhalb von Sekunden war der verdammte Krankenhausflur voll mit Leuten.

Es war genau das, was ich nicht wollte, und doch war es das einzig Richtige. Sie brauchte jetzt ihre Eltern und sie brauchte einen Arzt und ich musste meine verfluchten Gefühle hinten anstellen, wenn ich nicht der größte Schlappschwanz auf der gottverdammten Welt sein wollte.

Eine blonde Krankenschwester drängte sich an mir vorbei und ich wich an die Wand zurück, dabei sah ich aus dem Augenwinkel den ersten Typen mit einer Kamera und hätte ihm am liebsten sein scheißteures Equipment in die Fresse gestopft. Ich machte einen Schritt weg von Esthers Zimmer und zog mir die Kapuze über den Kopf. Hinter dem ersten war jetzt noch ein zweiter Typ mit Kamera aufgetaucht und auch ihm hätte ich jetzt gerne so richtig, richtig wehgetan. Stattdessen drehte ich mich um und ging auf das Ende des Flurs zu. Ich wusste, dass ich jetzt abhauen musste, wenn ich ihnen Esther nicht zum Fraß vorwerfen wollte – und obwohl ich das wusste, war es eines der schwersten Dinge, die ich je tun musste.

 

***

 

„Hey Alter“, sagte Chris und seine Stimme holte mich ein wenig aus der Scheiße in meinem Kopf. Wenn auch bei weitem nicht genug.

„Versuch dich doch mal zu entspannen“, sagte Chris und ich wusste, dass er es nett meinte.

„Fick dich“, sagte ich.

„Sie ist aufgewacht, das ist doch super.“ Mein Cousin sah mich aus seinen Hundeaugen an und ich umklammerte das beschissene Whiskeyglas noch fester.

„Ja, echt super“, murrte ich. „Und ich kann sie nicht wiedersehen.“

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