Eric – sieben

Mein Schädel brummte und surrte und ich hörte meine Musik, nur verzerrt, sie hörte sich tief und gedehnt und gar nicht nach meinem Song an, es war die Stimme des Todes, die mich zu sich rief, enttäuscht, mich heute nicht bekommen zu haben. Verdammter Wodka.

„Der Arzt ist gleich bei Ihnen“, sagte die blonde Krankenschwester zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Minuten. Ich war zwar kein beschissener Arzt, aber an mir war noch alles dran und funktionierte, ich funktionierte, auch wenn ich nach Alkohol stank und der verfluchte Baum mich vorhin fast gekillt hätte.

„Es dauerte nicht mehr lange“, wiederholte die blonde Tussi noch einmal und wich nicht von meiner Seite, tänzelte hin und her, während ich auf der bescheuerten Krankenhausliege saß und in das beschissen grelle Licht blinzelte. Mein Gehirn war völlig okay, sonst würde ich ja nicht kapieren, dass die blonde Krankentussi weiter hinten mit den anderen tuschelte und meinen Namen murmelte, als wäre er ein Stück Schokotorte, sonst würde mein Gehirn auch nicht checken, dass der erste Knopf ihrer Bluse plötzlich offen stand und sie bereitwillig lächelte, jetzt wo sie ihren Kittel doch schon höher gezogen hatte, wie in einem schlechten Porno.

 

„Sind Sie betrunken?“, fragte der Arzt.

„Sind Sie es?“, fragte ich zurück.

„Wissen Sie, wo Sie sind?“, fuhr er nüchtern fort. Die verdammten Ärzte verstanden auch keinen Spaß. Der hier machte einen auf professionell, obwohl er doch genau wusste, wer ich war. Wahrscheinlich war er angepisst, weil die ganzen weißen Tussis ihn nicht ranließen und bei mir austickten.

„Sieht nach Krankenhaus aus“, entgegnete ich, blickte mich um und gähnte.

„Herr Adams, Sie hatten einen schweren Unfall. Glücklicherweise kann ich“, er betrachtete die Röntgenbilder und schob seine dünne Brille nach vorne, „keinen Bruch, sondern nur ein paar leichte Prellungen erkennen. Sie hatten wirklich einen Schutzengel, einen furchtbar aufmerksamen Schutzengel.“

Ich sah ihn ungläubig an, um seinen Hals hing eine Kette mit einem goldenen Kreuz. Der Kerl mit den zu dicken Augenbrauen konnte den Scheiß mit den Engeln nicht tatsächlich ernst meinen, das war wahrscheinlich seine Masche, um die gläubigen Frauen rumzukriegen, wenn ihn die Krankenschwestern wieder nicht ranließen.

„Wir werden uns jetzt nur noch um die leichten Abschürfungen kümmern. Sie“, er sah mich von oben bis unten an, „Sie hatten echt Glück.“ Wahrscheinlich bezog er das nicht mal auf den Unfall, sondern auf mein ganzes Leben, und wahrscheinlich hätte der Typ alles gegeben, um nur einen Tag mit mir zu tauschen.

Ich nickte. „Lag wohl an meinem Schutzengel“, sagte ich trocken und der Arzt nickte, als wäre das die einzig mögliche Erklärung.

 

„Gleich sind Sie fertig“, gurrte die blonde Schwester und desinfizierte die Schnittwunde an meinem Arm. Es waren ein paar blutige Kratzer, nicht mehr als ich mir früher an unserem Gartenzaun geholt hatte. „Es hätte schlimmer ausgehen können.“

„Schutzengel“, wiederholte ich wie eine Platte, die hängengeblieben war, und die Blonde nickte, weil der Scheiß einfach funktionierte. Das Licht stach mir noch immer in die Augen, und als Chris kam, sah er bleich wie der Tod aus.

„Eric, alles okay?“ Er stand abgehetzt vor mir.

Ich nickte, legte den Kopf an die Wand und schloss die Augen. „Nur ein paar Schürfwunden und Prellungen, Schutzengel.“

„Was hast Du nur für ein verdammtes Glück, Mann“, sagte er vorwurfsvoller als die anderen und vielleicht wünschte er sich, dass es mich doch erwischt hätte, und ich wünschte, ich hätte jetzt eine Flasche Wodka bei mir. Die blonde Tussi konnte ich wohl kaum danach fragen, nicht jetzt, nicht hier. Und dann redeten die beiden weiter und ich hörte einfach nicht mehr zu, ich driftete ab und ihre Stimmen klangen ganz entfernt, als wären sie unter Wasser und ich hatte echt keinen Bock mehr, hier zu sitzen und mich von der Tussi befühlen und von Chris bemuttern zu lassen.

„Eric, hörst du mich?“, fragte Chris irgendwann und hielt mich an der Schulter fest.

„Ich bin nicht taub.“ Langsam öffnete ich die Augen und das Licht war noch immer da, auch Chris, aber die blonde Krankenschwester war verschwunden. Dafür stand da ein beschissener Polizist in Uniform.

2 Thoughts on “Eric – sieben

  1. schon wieder Freitag 🙂
    und wieder etwas Neues von Eric…
    hach…ich liebe im Moment die Montage…
    und noch viel mehr die Freitage 🙂
    Mister bad boy …

  2. Rose Snow on 21. März 2016 at 8:39 said:

    Liebe Antje, jetzt waren wir auf der Buchmesse und sind fix und fertig, aber total happy, auch dass Eric gut ankommt! Er hat eben seine Macken … aber wer Ben kennt, wusste, dass Eric nicht irgendein Durchschnittstyp sein kann :)) Viele Grüße und einen guten Wochenstart (morgen geht es mit Esther weiter)!, Carmen & Ulli

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