Eric – siebzehn

„Was? Du willst ein Auto klauen?“ Marco verschüttete etwas von seinem Bier und Joe lachte wieder seinen hysterischen Lacher.

„Mann, du hast mehr Kohle als alle Leute hier zusammen und willst was klauen?“

Ich hielt mich an dem Tisch fest. Der ganze Raum drehte sich, aber es war mir irgendwie noch nicht genug. Ich hatte immer noch das Gesicht von dem Scheißkerl vor Augen, der nicht unter dem Scheißhaus begraben lag, sondern irgendwo noch existierte.

„Ich hab gewusst, dass ihr es nicht bringt“, sagte ich.

„Du weißt einen Scheißdreck“, sagte Marco.

Zehn Minuten später rasten wir über die Landstraße.

 

Es tat gut, wieder am Steuer zu sitzen, selbst wenn die Karre totaler Schrott war. Aber sie hatte eine Ladefläche, auf der Joe stand und sich die Seele aus dem Leib brüllte, während Marco neben mir auf dem Beifahrersitz hockte und wie ein kleiner Junge lachte.

Wir waren alle wie kleine Jungs in dem Moment und es fühlte sich gut an. Ohne darüber nachzudenken, lenkte ich den Schrotthaufen zu dem Heim, in dem ich die fünf beschissenen Jahre bis zu meiner Volljährigkeit verbracht hatte. Ich ließ den Motor laufen und stieg aus. Das Haus war noch genauso hässlich wie in meiner Erinnerung, wenn nicht sogar noch hässlicher. Ich starrte auf den kahlen Klotz und hatte das Gefühl, gleich kotzen zu müssen.

Alles kam wieder, die Tage, in denen ich mich einfach nur in meinem Zimmer verkrochen und auf dem Bett gelegen hatte, ohne irgendwas zu tun, die Tage, in denen ich darüber nachgedacht hatte, aufs Dach zu klettern und nen großen Schritt zu machen, die Tage, die sich zu Wochen, zu Monaten und Jahren gedehnt hatten.

„Sie haben es vor ungefähr einem Jahr geschlossen“, sagte Joe, der umständlich von der Ladefläche des Pick-ups geklettert war. „Was willst du hier?“

„Keine Ahnung“, sagte ich und ich wusste es tatsächlich nicht. Am liebsten hätte ich es angezündet, aber dann dachte ich, dass da drin wahrscheinlich irgendwelche Penner lebten, die sonst nirgendwohin konnten und stieg wieder in die Schrottkarre.

„Lasst uns fahren.“

„Lasst uns was Verrücktes tun!“, schrie Marco, sprang in den Wagen und drehte das Radio bis zum Anschlag auf. Zum Glück spielten sie nicht schon wieder einen meiner Songs und ich stieg aufs Gas.

 

Der Wind heulte durch die offenen Fenster, die Kälte kribbelte auf meiner Haut und ich fühlte mich seit langem wieder lebendig.

„Fahr zum Fluss“, grölte Joe von der Ladefläche und ich fuhr zum Fluss. Dann hielten wir an der Brücke und der Wind peitschte uns entgegen.

Als Kinder hatten wir hier oft die Nachmittage totgeschlagen, wenn keiner von uns nach Hause wollte und es sonst nichts zu tun gab. Ich stellte mich an das Brückengeländer und blickte hinunter in das tosende Wasser. War scheiße hoch.

Marco kam und klopfte mir so fest auf die Schulter, dass ich das Gefühl hatte, gleich vornüberzufallen.

„Was ist los, Mann? Noch immer Höhenangst, so wie früher?“, grölte er und Joe lachte wieder seinen hysterischen Lacher, den er immer nur dann bekam, wenn er zu viel Alk intus hatte.

„Was hast du vorher gesagt, dass wir es nicht bringen?“ Marco grinste mich irre an und schwang sich auf die Brüstung. Der Wind toste um seinen schmächtigen Körper und Joe lachte schon wieder oder noch immer.

„Schiss, Kleiner?“, schrie Marco von der Brücke und im nächsten Moment war ich bei ihm und richtete mich schwankend auf. Der Fluss schoss fünfzig Meter unter uns brausend über die Steine. Als Kinder hatten wir da drin mal einen toten Hund treiben gesehen. Ich wusste es noch wie heute. Der Köter hatte mir so leidgetan, dass er mich bis in meine Träume verfolgt hatte. Ich beugte mich etwas nach vor und starrte hinunter ins schwarze Wasser.

Wie sich die Dinge änderten. Heute dachte ich, dass es manchmal besser sein konnte, tot zu sein, als lebendig zu sein.

In dem Moment fuhr mir ein Windstoß in den Rücken und ich hatte das Gefühl, zu fallen.

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