Eric – vierunddreißig

Sie sah so unglaublich verletzlich aus. Ich wollte irgendwo dagegen schlagen und sie gleichzeitig in den Arm nehmen, aber ich wusste nicht, ob ich sie bewegen durfte. Alles, was ich gewusst hatte, schien von dem Geräusch der quietschenden Reifen regelrecht pulverisiert worden zu sein, ich wusste weder ein noch aus, ich wusste nur, dass es so nicht enden konnte.

Das war kein Ende für eine Geschichte, die noch nicht mal einen verdammten Anfang gehabt hatte, das war kein Ende für sie, das durfte einfach nicht sein, so eine depressive Scheiße kam nicht mal in meinen verfickten Songs vor. Ich wollte es nicht wahrhaben, während ich auf ihren Körper starrte, der seltsam leer auf mich wirkte. Fuck, und ich wollte nicht darüber nachdenken, warum ihr Körper plötzlich so aussah oder warum ihre Wangen so bleich waren. Ihr Gesicht war so unglaublich weiß, aber das lag sicher nur an der scheiß Beleuchtung der gelben Straßenlaterne.

„Oh mein Gott“, hörte ich eine Frau hinter mir murmeln und ich wollte mich am liebsten umdrehen und ihr zurufen, dass sie ihre verdammte Fresse halten sollte, weil es keinen Grund gab, ihn jetzt auch noch hier mit rein zu bringen. Ihn, der gar nicht existierte, oder wenn er doch existierte, das größte Arschloch war, das ich je kennengelernt hatte.

Es war noch nicht zu spät, es gab noch Hoffnung, das versuchte ich mir einzureden, während ich mit den Fingern sanft über ihre Wange strich, die einzige Stelle, an der ich sie zu berühren wagte.

Sie war wunderschön. Selbst jetzt war sie noch immer wunderschön und ich versuchte, den scheiß Schmerz in meiner Pumpe zu ignorieren, als ich registrierte, dass sie aufgehört hatte zu atmen. Ich fühlte, wie mein Herz gegen meine Rippen knallte und mir selbst für einen Moment die Luft wegblieb, während ich mich ganz nah über sie beugte und mein Ohr an ihren Mund brachte.

Da war nichts mehr.

Panik überschwemmte mich, reine, nackte Panik und ich hätte sie am liebsten geschüttelt und angeschrien. Aber ich tat es nicht, ich tat gar nichts, ich fühlte mich, als hätte ich eine ganze Packung von Jacobs Beruhigungspillen geschluckt, diese kleinen, weißen, die einen von einem Trip ganz schnell wieder runterholen konnten.

Verdammt, ich war unten, so weit unten war ich überhaupt noch nie gewesen, und dann hörte ich das Geräusch einer Sirene, aber sie war zu weit weg, sie war viel zu weit weg.

Der Regen prasselte die ganze Zeit auf uns runter, aber ich spürte es nicht, ich spürte gar nichts mehr, als zwei Typen in roten Uniformen aus einem Krankenwagen sprangen und auf uns zu rannten.

Der eine kniete sich neben Esther und ich rutschte zur Seite, ich machte Platz, es war so ziemlich das Einzige, das ich gerade zusammenbrachte. Der andere begann mir irgendwelche Fragen zu stellen, die ich alle nicht beantworten konnte, und ich hätte am liebsten geschrien.

Sie war tot, ich musste sie nur ansehen und wusste, dass sie tot war, dieser Scheißkerl in seinem Auto hatte sie getötet und ein Teil von mir wollte sich in seine Dreckskarre setzen und so lange über ihn drüberfahren, bis er nur noch Matsch war. Ein anderer Teil wollte nur noch schreien und der größte Teil saß einfach nur da und versuchte, Fragen zu beantworten, die keinen Sinn ergaben.

Ich musste nur in das Gesicht von dem ersten Typen sehen, um zu wissen, wie das hier ausgehen würde, er hatte kein Hoffnung, das konnte ich sehen, ich erkannte die scheiß Hoffnungslosigkeit, wenn sie mir begegnete, ich wusste, wie sich das anfühlte und ich hasste es, das alles hier, das ganze Leben.

„Und weg!“, rief der Sanitäter, genau wie in den beschissenen Filmen, und dann hörte ich nur noch das Summen des Defibrillators, der ihr Herz schockte.

5 Thoughts on “Eric – vierunddreißig

  1. Sabine Hennrich on 23. September 2016 at 8:57 said:

    Oh mein Gott, Gänsehaut pur. Geniale Idee, die Story weiterzuschreiben und ich hoffe sehr auf ein Happy End…. Die Charakter sind unglaublich liebevoll beschrieben und man kann sich die 2 Lebhaft vorstellen.
    Ihr seid echt der Hammer.
    Ich habe alle 8 Sinne Bände verschlungen! Und jetzt der Blogroman….. SOOOOOOOOO genial, Ihr nehmt einem mit auf eine tolle Reise….
    Ich freue mich schon auf den nächsten Teil von 8 Sinne. Ich bin ein großer Fan von Euch!

  2. Rose Snow on 23. September 2016 at 16:28 said:

    Liebe Sabine,
    und wir sind große Fans von unseren Fans 😉 Hach. Deine Nachricht geht direkt ins Herz, wir freuen uns total, wenn unsere Geschichten auch ankommen und auf ihre Art bewegen. Und auch für uns ist es eine Reise – der Proviant auf dieser Reise sind eure motivierenden Worte (sonst würden wir unterwegs wahrscheinlich draufgehen ;))
    In diesem Sinne: ein schönes Wochenende!
    Carmen & Ulli

  3. Helene on 23. September 2016 at 17:38 said:

    Ich hoffe nein ich bete das der nächste teil handelt davon wie sie im Krankenhaus aufwacht!!

  4. Büsra on 24. September 2016 at 14:23 said:

    Ihr seid einfach der Wahnsinn! Habe erst vor 3 Tagen die „8 Sinne – Reihe“ zum 2. mal komplett durchgelesen und warte schon voller Spannung auf den 8. Teil! Diese Blogroman ist beim Warten ein großer Trost! 🙂 bitte hört nie auf zu schreiben! Eure Bücher sind eine Bereicherung. Echt super schön, dass Ihr beide uns einen Einblick in Eure Fantasiewelt gebt und viele Menschen so mitreissen könnt! 🙂

    Toller Schreibstil! Einfach grossartig; immer weiter so!

    Ich bin schon fleissig am weiterempfehlen!

  5. Rose Snow on 25. September 2016 at 9:00 said:

    Liebe Büsra,
    vielen lieben Dank für dein Feedback!!! Heute hat das Warten ein Ende, Band 8 ist da :))!!
    Und bei deinen Worten werden wir ja ganz rot!! Dass du uns dann auch noch weiterempfiehlst, freut uns riesig :))!!
    (Mann, wie viele !!! waren das jetzt eigentlich?! :))
    Liebe Grüße & hab noch einen schönen Sonntag!
    Carmen & Ulli

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