Eric – zweiundzwanzig

„Noch einmal, Jungs. Das können wir besser“, sagte Aron und warf mir einen harten Blick zu. Ich fuhr mir mit dem Handrücken über die Stirn und wischte den Schweiß ab.

„Kann mal jemand die beschissenen Scheinwerfer ausmachen?“, brüllte ich quer durch die Fabrikhalle ins pechschwarze Dunkel, wo dem Beleuchter wahrscheinlich einer abging, weil er mir den scheiß Strahler die ganze Zeit direkt in die Augen knallen konnte.

„Mach mal halblang“, sagte Noah. „Ohne Licht können wir nicht spielen.“

„Dann solltet ihr es vielleicht lernen“, fauchte ich und gab der leeren Bierdose neben mir einen Tritt.

Es kotzte mich an. Einfach alles hier kotzte mich an.

Ich hatte keinen Bock auf den scheiß Gig, ich hatte keinen Bock auf Noahs besserwisserische Kommentare und ich hatte keinen Bock auf die scheiß Location, wo sie früher Schweine geschlachtet hatten.

„Ich glaub, wir könnten alle mal eine kurze Pause vertragen“, meinte Cliff beruhigend.

Unser Zen-Mönch. War ja klar.

„Vielleicht reicht eine kurze Pause nicht“, schnappte ich. „Vielleicht bräuchte ich einen verdammten Monat auf den Malediven, um weniger die Schnauze voll von euch zu haben.“

Eisige Stille folgte auf meine Worte. Dann knallte Aron seine Gitarre in die Ecke und stampfte von der Bühne.

„Ähm … Entschuldigung.“ Die Kleine, die uns vorhin den Kaffee gebracht hatte, winkte unsicher aus dem Backstage-Bereich mit einem Telefon herum. „Hier will Sie jemand sprechen.“

Ich fühlte mich nicht angesprochen und sah weg. Cliff ging langsam hin und hielt das Handy an sein Ohr. Dann sagte er „Hallo“, und dann verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck, während er einfach nur zuhörte.

 

„Die Live-Übertragung ist Geschichte.“

„Was?“ Noah sprang auf. „Was soll das heißen, Geschichte?“

„Das heißt, dass sie es jetzt doch nicht machen.“ Cliff hatte der Kleinen das Handy zurückgegeben und strich sich die langen Haare zurück. „Irgendwelche Tierschützer haben sich quergestellt, weil die hier früher Schweine geschlachtet haben. Und MTV hat daraufhin einen Rückzieher gemacht.“

„Verdammte Kacke!“, fluchte Aron und vom Rand der Bühne und hieb mit der Faust gegen die Wand.

Ich sah ihnen zu, sah die Frustration in Cliffs Gesicht und die blanke Wut bei Aron und empfand einfach gar nichts.

„Was sollen wir jetzt machen?“, fragte mich Noah.

Ich zuckte mit den Achseln. „Gar nichts. Ist doch scheißegal.“

„Eric, die wollten das bei den Music Awards bringen. Einen Scheißdreck ist das egal.“

„Alex hätte gewusst, was zu tun wäre“, knurrte Aron.

Ich schnaubte. „Na klar. Als ob Alex der scheiß Messias gewesen wäre.“

„Du hättest ihn nicht feuern dürfen.“

Ich fuhr herum. „Ich hab den Scheißkerl eingestellt, lange bevor es einen von euch in der Band überhaupt gab, also sag mir nicht, dass es nicht mein verdammtes Recht war, ihn auch wieder zu feuern!“

„Eric, bitte“, murmelte Cliff.

Ich drehte mich zu ihm um. „Wisst ihr was? Probt den Dreck einfach ohne mich.“

 

Als ich am Abend wieder aufkreuzte, tigerte Noah wie ein Besessener hinter der Bühne auf und ab.

„Scheiße, ich dachte, du tauchst gar nicht mehr auf“, zischte er und die Piercings in seiner Lippe reflektierten das Licht der Scheinwerfer. Mir gings nicht gut und ich stützte mich an der Wand ab. Vielleicht hatte mich so eine scheiß Grippe erwischt, vielleicht hätte ich auch einfach mal wieder mehr als zwei Stunden am Stück schlafen müssen, aber ohne Pillen ging da gar nichts mehr.

Gerade wurde die Vorband fertig.

„Noch 2 Minuten“, sagte irgendwer von irgendwo und ich stützte mich noch immer an der Wand ab, die sich langsam drehte.

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