Eric – zwölf

Ich stand am Fenster und schaute hinaus auf den Nachmittagsverkehr. Mein Handy vibrierte nun schon zum fünften Mal in Folge und ich widerstand dem Drang, es einfach auf die Straße zu schmeißen. Stattdessen nahm ich den Anruf an.

„Hör endlich auf, mich anzurufen“, schnauzte ich ins Telefon.

„Bist du bei dem Radiosender?“, fragte Alex unbeeindruckt zurück.

„Yep“, knurrte ich.

„Gut.“ Alex klang erleichtert. „Hör zu, Eric, sie lieben deinen neuen Song, aber du darfst nicht wieder so ausrasten wie bei dem Fotoshooting.“

Ich schenkte mir ein neues Glas Scotch ein und schluckte meine Antwort mit dem Alkohol hinunter.

„Hast du mich verstanden, Eric? Es ist wichtig, dass du jetzt funktionierst. Radio 24 hat eine Reichweite, von der die anderen Sender nur träumen. Man hört das im ganzen Land.“

„Hör endlich auf, Panik zu schieben“, fuhr ich ihm drüber. „Ich bin doch kein verdammtes Kleinkind.“

„Du hast das Shooting geschmissen, Eric“, schnauzte mich Alex vorwurfsvoll an. „Die Fotos sind wichtig für eure nächste Tour. Ich kann nicht irgendeinen beliebigen Fotografen für die Promoshoots buchen, wir brauchen den besten und der hat dir jetzt Hausverbot erteilt. Außerdem will er dich verklagen, Eric, wir haben doch schon genug zu tun!“

„Bei der scheiß Retusche erkennt uns sowieso kein Schwein“, fuckte ich ihn an, „also schleif uns das nächste Mal nicht zu so einem Arschloch und mach, wofür du bezahlt wirst“

Er wurde für einen Moment still.

„Die Jungs haben sich über dich beschwert, ist dir das bewusst? Du wirst immer unberechenbarer. Vielleicht solltest du einen Entzug machen.“

Ich lachte laut auf. „Verarschst du mich gerade?“

„Viele Promis gehen in Entzugskliniken. Die Leute finden das gut, wir verpassen dir ein anderes Image“, erwiderte Alex. „Das wird funktionieren.“

„Denkst du eigentlich immer nur daran, was die Leute gut finden?“

Er schnaubte. „Nein, ich denke auch daran, was ich gut finde. Und ich finde es nicht gut, dass du die Band in den Abgrund reißt, wenn du so weitermachst.“ Er machte eine kurze Pause, dann zischte er: „Reiß dich einfach mal zusammen und benimm dich nicht wie ein beschissen verzogenes Kind, das Mami nicht mehr lieb hat.“

Das musste ich mir nicht anhören.

Wütend öffnete ich das Fenster und pfefferte das Handy auf die Straße. Ein LKW donnerte darüber und ich sah zu, wie es zu elektronischem Brei verarbeitet wurde.

„Sie … äh, Sie sind gleich dran“, sagte ein junger pickliger Praktikant mit aufgerissenen Augen, der meinen Wutanfall mitangesehen hatte. Ich griff nach meinem Glas und leerte das Zeug in einem Zug. „Großartig“, murrte ich.

 

Ich wurde in einen abgedunkelten Raum geführt und vor ein Mikrofon gesetzt. Auf der anderen Seite des Tisches hob der Radiomoderator grüßend die Augenbrauen, den ich auf einen Blick als verdammten Spießer identifizierte. Ich hatte echt die Nase voll von solchen Typen.

„Hallo und herzlich willkommen bei Radio 24“, flötete er ins Mikrofon und klang wie jemand, dem die Sonne ständig aus dem Arsch schien. „Heute haben wir einen besonderen Gast bei uns, und zwar den Leadsänger der Band NEBEN, deren neue Single „Grau“ gerade die Charts stürmt. Wir freuen uns sehr, ihn heute hier willkommen heißen zu dürfen. Hallo Eric.“

Ich beugte mich vor und nuschelte ein „Hey“ ins Mikro.

Der Moderator lächelte gekünstelt. „Eric, wo findest du die Inspiration für deine bewegenden Songtexte? Kommen die einfach so aus dir heraus?“

Ich beugte mich nach vorne. „Klar.“

Er wartete eine Weile, aber ich hatte keine Lust, das weiter zu erläutern.

„Eric, es heißt, du seist das aktuelle Enfant terrible der Musikszene. Wie gehst Du mit diesem Begriff um?“

„Geht mir am Arsch vorbei“, erwiderte ich und schielte auf die Uhr. War ich wirklich erst seit drei Minuten in dieser Hölle? Kam mir verdammt noch mal länger vor.

„Beantwortest du eigentlich deine Fanpost?“, fragte der Moderator bemüht fröhlich weiter. „Du bekommst die ja sicher tonnenweise.“

Ich atmete genervt aus. „Ist das alles, was du von mir wissen willst? Ob ich meine scheiß Fanpost beantworte? Ich les die nicht einmal.“

„Oh, da werden deine Fans aber sicher enttäuscht sein“, sagte der Moderator.

„Die sollen froh sein, dass ich lieber Songs schreibe, als irgendwelche Briefe zu beantworten“, blaffte ich zurück.

„Okay.“ Der Moderator schaute konsterniert. „Lass uns zu einem persönlicheren Thema kommen. Vor der Sendung haben uns jede Menge Leute angerufen, die wissen wollten, ob du derzeit vergeben bist.“

Ich grunzte.

„Also, wie steht es bei dir um die Liebe?“, machte er weiter. Seine Stimme klang noch freundlich, aber auf seinem Gesicht machte sich allmählich eine gewisse Verdrossenheit bemerkbar.

„Liebe ist was für die anderen“, murrte ich.

„Wieso?“

Durch die Scheiben des Studios konnte ich den pickligen Praktikanten sehen, der mich schockiert anstarrte. Keine Ahnung, warum der so schaute. Vielleicht hatte ich irgendwelche Illusionen von mir zerstört.

„Ich will nicht weiter über die Scheiß Liebe reden. Reicht doch, wenn ich darüber singe“, sagte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.

Der Moderator räusperte sich. „Okay, wir spielen jetzt den neuen Hit „Grau“. Willst du uns verraten, was er bedeutet?“

Ich starrte ihn aus trüben Augen an. Alles war irgendwie verschwommen, vielleicht hatte ich vorhin doch einen zu viel gekippt. Andererseits könnte ich den Zirkus hier anders wahrscheinlich gar nicht ertragen.

„Eric?“

Ach ja, der Scheißkerl hatte mir ja eine Frage gestellt.

„Was?“

„Ich habe gefragt, ob du uns verraten willst, ob der Song eine tiefere Bedeutung hat.“

„Nö“, sagte ich.

„Okay.“ Er drückte mit starrem Gesicht ein paar Knöpfchen und die rote Aufnahmeleuchte erlosch. Dann warf er mir quer über den Tisch einen wenig begeisterten Blick zu.

„Kaffee?“, fragte er mich.

„Danke, bin versorgt.“ Ich klopfte auf meine Lederjacke mit dem Flachmann. Eine Mitarbeiterin kam rein und stöckelte zu dem Spießer. Sie beugte sich runter und flüsterte ihm was ins Ohr. Mein Blick rutschte zu ihrem Ausschnitt und sie lächelte mir zu bevor sie hüftschwingend aus dem Raum verschwand.

„Okay, gleich geht es weiter. Noch zwanzig Sekunden.“

Der Moderator nahm einen Schluck Wasser, befeuchtete seine Lippen und setzte wieder sein beschissenes Spießerlächeln auf.

„Hier sind wir wieder zurück im Studio. Heute haben wir Eric von NEBEN zu Gast. Eric“, er wandte sich mir zu, „in den Medien kursieren Gerüchte, du hättest versucht, dich umzubringen. Auch von Alkohol- und Drogenmissbrauch war die Rede. Was möchtest du den Leuten draußen dazu sagen?“

„Eigentlich nur eins.“ Ich beugte mich nach vorne. „Kümmert euch um euren eigenen Scheiß.“

„Okay. So kann man das natürlich auch sehen.“ Er warf mir einen giftigen Blick zu. „Als Musiker mit einem gewissen Bekanntheitsgrad trägst du ja auch Verantwortung und bist ein Vorbild für jüngere Menschen, stimmst du mir da zu?“

„Ich wollte nie ein Vorbild sein. Mein Manager meint, ich soll einen Entzug machen. Er hat übrigens die gleiche Frisur wie ich, ist nur weniger geil. Kann ich ihn hier grüßen?“

„Äh …“, stammelte der Moderator.

„Hallo Arschloch“, sagte ich ins Mikro. „Ich mach das scheiß Interview, zu dem du mich gezwungen hast. Und, wie gefällt es dir?“

2 Thoughts on “Eric – zwölf

  1. Sina on 22. April 2016 at 21:19 said:

    😂😂😂😂😂😂😂
    Einfach geil seine Antworten

  2. Conny on 28. April 2016 at 20:52 said:

    Genial 🙂

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