Esther – eins

Jemand hat mir einmal gesagt, dass man nur springen muss – und dann sieht man schon, was passiert. Entweder es wachsen dir Flügel, oder du landest auf dem Boden, zersprungen und in Scherben zerteilt. Die Idee mit den Flügeln gefiel mir und ich spürte, wie der Geruch nach Freiheit, nach Neuem, nach Aufbruch ein warmes Kribbeln über meinen Körper rauschen ließ und ich schon die Stadt, meine neue Wohnung und mich in ihr vor mir sah. Ich fühlte, wie ich meine Flügel ausbreitete und zu fliegen begann. Alles schien auf einmal erreichbar; ich war plötzlich irgendwie groß und stark und bereit, diesen neuen Schritt zu gehen, weg von meiner Familie, weg von Tim, weg von der Gewohnheit und dem Alltag.

Und wie jedes Mal dauerte es nicht lange, bis ich im nächsten Moment den Boden auf mich zurasen sah, ich fühlte wie die Schwerkraft an mir zog und mich fallen ließ. Alles Neue verlor seinen Glanz und ich wurde zu einer unscheinbaren Person in einer glänzenden Stadt, die nicht auf mich gewartet hatte.

Ich atmete tief ein, versuchte die Gedanken, die mich nicht weiterbrachten als genau dorthin, wo ich schon tausende Male gewesen war, zur Seite zu schieben und konzentrierte mich auf Punkt drei auf meiner Liste.

„Esther, riskier es, trau dich. Wenn du dich nicht bewegst, darfst du dich nicht wundern, wenn du am Ende noch genau dort stehst, wo du angefangen hast.“

Ich lächelte kurz, faltete den Zettel und steckte ihn in meine Hosentasche, während ich den Einkaufswagen vor mir herschob. Die Liste für Tims Überraschungsessen hatte ich im Kopf, ich musste noch Wein, Tomaten, Milch, Käse, Zwiebel, Hack und Rucola für den Salat besorgen. Tim liebte es, wenn ich ihm Lasagne kochte, er liebte Italien und einfach alles an dem Land, obwohl er nur einmal dort gewesen war. Sein Italienisch war grottenschlecht, was ihn jedoch nicht davon abhielt, es anzuwenden, wann immer ihm jemand mit italienisch klingendem Nachnamen begegnete (was hier bei uns nicht allzu oft der Fall war). Mit seinen blonden Haaren und dem frechen Grinsen konnte Tim zwar nicht unitalienischer aussehen, aber es gefiel mir, mit welcher Leidenschaft er zumindest dieser Sache nachging.

Ich griff nach den Tomaten, packte sie in eine Papiertüte und rollte den Einkaufswagen Richtung Kühltheke. Nachdem mir an der Kassa eingefallen war, dass ich wegen der Petersilie noch einmal zurück musste, stellte ich mich neu an, zahlte, ging nach draußen und hievte die Einkaufstaschen in meine kleine Schrottkarre. Den blauen Fiat hatte ich von meinem Vater geschenkt bekommen und als ich ihn damals zu meinem 18. Geburtstag entdeckte, mit all seinen Dellen und Kratzern – und dann ins Gesicht meines Vaters blickte, der sich freute, mir so ein schönes Geschenk machen zu können – hatte ich Tränen in den Augen. Meine Eltern waren nicht reich, nicht reich im klassischen Sinn – aber das, was sie hatten, war weit mehr wert. Ihre Liebe war tief und bedingungslos und manchmal verfluchte ich sie, dass sie so glücklich waren, denn nun strebte ich insgeheim nach nichts anderem, wobei mir klar war, dass man im Leben einfach Abstriche machen musste.

Ich startete den Wagen und drehte die Musik an. Im Radio lief irgendein Song, den ich nicht kannte. Es war ein ruhiges, fast trauriges Lied und der Rhythmus gefiel mir. Die Stimme des Sängers klang dunkel und gebrochen, aber total einnehmend und schon nach kurzer Zeit summte ich ein wenig mit und dachte daran, wie dankbar ich war, dass Tim mich in meinen Plänen bestärkte, dass er zu mir stand, anstatt mich zu blockieren. Immerhin mussten wir in Zukunft eine Wochenendbeziehung führen, die Stadt lag mehr als fünf Stunden von unserem Heimatort entfernt und ich kannte Beziehungen, die aus lapidareren Gründen auseinandergegangen waren. Ich konnte mich wirklich glücklich schätzen, dass Tim zu mir hielt und immer sagte, dass ich meinen Traum verwirklichen sollte.

Unwillkürlich lächelte ich.

Ich würde studieren. Ich würde nicht mehr in dem Jeansladen arbeiten, ich würde zur Uni gehen und Vorlesungen besuchen, ich würde hart büffeln und eine hervorragende Anwältin werden – ich würde erfolgreich werden und meinen Eltern etwas von dem, was sie für mich aufgebracht hatten, zurückgeben können. Ich würde zurückkommen und Tim würde sein eigenes Klempnergeschäft eröffnen und wir würden in eine große Wohnung ziehen und glücklich werden; wir würden unser eigenes Märchen leben.

Ich parkte das Auto vor Tims Wohnhaus, stellte den Motor ab, nahm die Tüten aus dem Kofferraum und schloss ab. Der frische Nachmittagswind wehte mir entgegen und ich zog meinen Herbstmantel etwas enger, während ich in meiner Handtasche nach dem Hausschlüssel kramte. Bei all dem unnützen Zeug brauchte ich eine gefühlte Ewigkeit, bis ich Tims Schlüssel fand und das Haustor öffnete, wo ich wie immer den Umstand verfluchte, dass es hier keinen Aufzug gab. Dann atmete ich tief durch und erklomm die fünf Stockwerke wie ein Bergsteiger, der besonderen Wert auf Routine legt. Ab dem 3. Stock begann ich zu schnaufen, im 4. Stock machte ich eine kurze Pause und im 5. Stock angekommen hoffte ich inständig, dass ich nichts im Auto vergessen hatte.

Schwer atmend öffnete ich die Wohnungstür, stellte die Tüte ab, während Musik an mein Ohr drang. Hatte Tim vergessen, das Radio abzustellen?

Mein Puls schoss in die Höhe, als ich seltsame Geräusche vernahm und feststellen musste, dass nicht nur ich schwer atmete. Erst jetzt sah ich die hohen schwarzen Pumps, die nicht mir gehörten, neben Tims Turnschuhen stehen.

Nein, dafür gab es sicher eine rationale Erklärung. Die musste es geben. Meine Beine setzten sich von ganz allein in Bewegung und steuerten die Schlafzimmertür an. Auch wenn es vielleicht klüger gewesen wäre zu gehen, wusste ich, dass ich es nicht konnte, ich wusste, dass klug jetzt keine Kategorie war, ich legte meine Hand auf die Türklinke und öffnete langsam die Tür …

27 Thoughts on “Esther – eins

  1. oltersdorf on 2. Februar 2016 at 16:40 said:

    fängt ja schon mal super an…… da freu ich mich ganz doll auf Freitag. Aber das seid doch wieder typisch ihr. Ihr könnt doch nicht an der Stelle aufhören und uns bis Freitag hängen lassen. 😉

    Super Idee jedenfalls mit dem Blogroman und ich freue mich immer von euch zu hören. Obwohl ich ja dachte, ihr seid gerade im wohlverdienten Urlaub…..

    • Rose Snow on 2. Februar 2016 at 16:52 said:

      Sind wir ja auch … eigentlich … aber das musste noch sein! Wir sind schon super gespannt, wie euch Eric & Esther gefallen werden – uns haben sie ja ein wenig verzaubert 🙂 Viele Grüße, Carmen & Ulli

  2. Carmencitha on 2. Februar 2016 at 17:29 said:

    oooh, dass fängt sehr gut an. Ich freue mich auf die Geschichte von Esther und Eric. Sie haben ja auch später ein anziehendes Miteinander. Irgendwie kann keiner ohne den anderen…
    Super toll geschrieben. 🙂

    • Rose Snow on 2. Februar 2016 at 20:28 said:

      Danke für das Kompliment! Und wir sind schon sehr gespannt, was ihr zu Eric sagt 🙂
      Viele Grüße, Carmen & Ulli

  3. Neiin!! ;( Was ist das für ein Ende? ihr wollt uns nur wieder auf die Folter spannen….geht es dann mit dieser Geschichte erst nächste Woche Dienstag weiter?
    Lg
    Chiara *-*

  4. Rose Snow on 2. Februar 2016 at 20:29 said:

    Liebe Chiara,
    ja, mit Esther geht es erst am Dienstag weiter. ABER: Eric ist am Freitag dran & hoffentlich versüßt Dir der die Wartezeit!
    Viele Grüße, Carmen & Ulli

  5. Nina on 2. Februar 2016 at 21:40 said:

    Ich finde es voll cool, dass ihr jetzt einen Blogroman zu den beiden schreibt, ich wollte schon immer wissen was mit den beiden passiert ist 🙂

    Ich freu mich schon sehr Freitag Eric’s Geschichte zu lesen.

    Liebe Grüße
    Nina

    • Rose Snow on 2. Februar 2016 at 21:51 said:

      Liebe Nina, wie schön, dass Dir die Idee gefällt!
      Es macht uns auch richtig Spaß, Eric & Esther zu schreiben – auch wenn es etwas anderes ist und die Magie … sie ist schon da … aber eben anders 🙂
      Liebe Grüße, Carmen & Ulli

  6. Carina on 3. Februar 2016 at 12:22 said:

    Wow wahnsinn …. schon dieser 1. Teil hat mich total gefesselt…. ich mag Eure Art zu schreiben. Ich freue mich auf jede weitere Episode und freue mich auf Freitag wenn es mit Eric los geht….

    LG Carina <3

    • Rose Snow on 3. Februar 2016 at 13:16 said:

      Danke Carina, das freut uns sehr! Nur noch 2 mal schlafen und dann gehts mir Eric los! Viele Grüße, Carmen & Ulli

  7. Susi on 4. Februar 2016 at 10:35 said:

    Ich bin jetzt schon ganz hin und weg. Ihr könnt so fesselt schreiben “ einfach genial“. Ich freue mich schon auf die Fortsetzungen.

    LG Susi

  8. Angela on 4. Februar 2016 at 13:02 said:

    Hallo ihr Lieben,

    ich bin zwar noch nicht lange dabei aber die fünf Bücher der acht Sinne habe ich förmlich verschlungen. Freue mich auch sehr auf das nächste. Um so erfreuter war ich als ich eure Email bekommen habe mist Esther und Eric. Ich bin sehr gespannt was die beiden für ein Leben hatten.
    Und mit Esther fängt es ja schon mal sehr gut an. Bin sehr gespannt wie es weiter geht und wie ihre Reaktion auf diese Situation sein wird.

    Liebe Grüße Angela

    • Rose Snow on 4. Februar 2016 at 15:38 said:

      Liebe Angela,
      förmlich verschlungen? Das hören wir so unglaublich gerne!! Morgen gehts auch gleich weiter mit Eric … da sind wir schon supergespannt, was ihr zu ihm sagen werdet!!
      Viele Grüße,
      Carmen & Ulli

  9. Dani on 5. Februar 2016 at 11:35 said:

    Ich freue mich so! Super Idee mit dem Blogroman, dachte schon das Warten auf das nächste Buch wird unerträglich 😉 Wird er denn etwa solange fortgeführt, bis Band 6 erscheint?

    Liebe Grüße und danke für eure tolle Geschichte und die Welt, die ihr damit geschaffen habt 🙂 Das war eine einzigartige und wundervolle Idee.

    • Rose Snow on 5. Februar 2016 at 13:27 said:

      Liebe Dani, vielen Dank für Dein Feedback!! Wir haben geplant, den Blogroman mindestens bis zu Erscheinen von Band 6 laufen zu lassen – und wenn die Leute Lust drauf haben, dann auch noch länger 🙂 Liebe Grüße, Carmen & Ulli

  10. Vielen, vielen lieben Dank ihr zwei!
    Dieser kleine Zusatzband (Ich sag jetzt mal Zusatzband 😉 ) ist einfach toll! Man lernt Ben und Lee in ihrem früheren Leben kennen, was ich ja extremst spannend finde. Das wollte ich schon sooo lange, und jetzt ist es möglich! 😀
    Ich drucke mir diese Kapiteln jetzt immer aus und hefte sie in eine Mappe zusammen. Mein eigenes kleines Zusatzbüchlein! 😉

    Ich werde darüber auch noch in meinem Blog berichten. Für Fans der Reihe ist das einfach wunderbar!

    Also tausend Dank dafür 😀
    Ich drück euch <3

    • Rose Snow on 27. Februar 2016 at 22:37 said:

      Liebe Julia, ach, wir werden bei Deinen Zeilen ja ganz rot!! Es freut uns total, dass Dir die Idee gefällt 🙂 Da wir die Vergangenheit der beiden nicht zu intensiv in den 8 Sinnen beleuchten konnten, musste einfach der Blogroman her – auch um euch ein wenig die Wartezeit zu verkürzen … denn wir schreiben ganz fleißig an Band 6 … und da wird noch einiges passieren 🙂
      Alles Liebe, Carmen & Ulli

  11. Toll, dass man hier etwas von der Vorgeschichte von Ben und Lee erfährt. Tolle Idee so ein Blogroman und ich bin schon gespannt wie es weitergeht.

    LG Calia

    • Rose Snow on 10. März 2016 at 10:23 said:

      Liebe Calia,
      es freut uns sehr, dass Dir der Blogroman gefällt 🙂 Vielleicht sieht man sich ja demnächst wieder auf Lovelybooks? Wir würden zu Ostern gern mit der nächsten Leserunde starten 🙂
      Liebe Grüße,
      Ulli & Carmen

  12. Venies on 9. März 2016 at 9:48 said:

    Oh klasse Euer Blogroman!! Ich habe es gerade erst entdeckt. Hatte mich immer gefragt wie das Leben der Beiden vorher war. Ich bin schon so gespannt…

    • Rose Snow on 10. März 2016 at 10:24 said:

      Liebe Venies,
      wie schön, dass Du hierhergefunden hast 🙂 Und wir sind gespannt, was Du zum Verlauf der Geschichte sagst 🙂
      Liebe Grüße,
      Ulli & Carmen

  13. Sophie on 10. März 2016 at 19:52 said:

    Ich mag die Buecher und habe sie alle verschlungen und warte auf den 6. Band 😀 Kann es kaum erwarten!! Umso schoener dass ich hier noch den Blog Roman habe :Dich finde es wirklich sehr spannend und super geschrieben. Mich wuerde Simeons altes Ich auch sehr interessieren…ich mag ihn irgendwie!
    Viel Spass und Erfolg beim Schreiben!

    Liebe Gruesse
    Sophie

    • Rose Snow on 11. März 2016 at 8:21 said:

      Danke für das tolle Feedback, Sophie! Band 6 ist schon im Lektorat und wir fiebern der Veröffentlichung mindestens genauso entgegen, wie ihr 🙂
      Nur noch 4 Blogroman-Beiträge, dann ist es schon soweit 🙂
      Viele Grüße,
      Ulli & Carmen

  14. Pingback: Blogtour (mit Gewinnspiel): Acht Sinne – Tag 6 – Fantasy gegen Liebesromane | Booklove

  15. Cornelia Auer on 15. Juni 2017 at 19:40 said:

    Ein toller und vor allem spannender Anfang, da kann man gar nicht erwarten wie es weiter geht. Bei Lee und Benni kann ich ja auch nicht aufhören zu lesen….Ihr seid einfach die Besten. Danke für eure Bücher 😊 Liebe Grüße aus Wien von Conny

    • Rose Snow on 16. Juni 2017 at 7:56 said:

      Danke für dieses wunderschöne Feedback und viele Grüße zurück nach Wien aus Wien und Hamburg 🙂

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