Esther – 100

Das Blitzlichtgewitter war überwältigend. Obwohl ich erst vor kurzem eine ähnliche Situation mit Eric durchlebt hatte, fühlte ich mich völlig überfordert, als ich mit Simon und Flo in dem Wagen saß, der uns direkt zum roten Teppich brachte, und überall die vielen Fotografen und die Security sah.

„Ist das denn normal, dass so viele von den aufgeblasenen Typen mit Sonnenbrille hier rumlaufen?“, fragte Flo und beugte sich ein wenig in meine Richtung, um aus dem Fenster zu sehen. Bei der Bewegung raschelte der Stoff ihres schulterfreien roten Kleides, dessen Oberteil aus Kunstleder in einen weiten Chiffonrock überging, der farblich einer lodernden Flamme nachempfunden war und sie mindestens genauso heiß aussehen ließ.

„Klar. Hier ist schließlich die Crème de la Crème der Musikszene“, gab Simon bemüht ruhig zurück, obwohl ich sah, dass er immer wieder nervös auf sein Handy schielte.

„Wo ist Eric?“, hörte ich mich fragen und hätte mir gewünscht, dass meine Stimme weniger piepsig geklungen hätte. Aber die vielen Menschen da draußen mit all den Kameras und den Blitzlichtern ließen die Erinnerungen an die bösartigen Zeitungsberichte wieder hochkommen. Und obwohl ich stark und selbstbewusst sein wollte, war ich doch dankbar dafür, dass Flo meine Hand drückte.

„Ich hab ihm vorhin eine Nachricht hinterlassen. Er ist sicher schon auf dem Weg“, gab Simon gepresst zurück.

„Und der Rest der Band?“, wollte Flo wissen und sah so aus, als hätte sie sich am liebsten ihre Nase am Autofenster platt gedrückt.

„Die sind schon im Backstagebereich“, sagte Simon. „Für die Nominierten gibt es einen eigenen Zugang zum roten Teppich. Eigentlich war geplant, dass wir zu ihnen stoßen, aber wegen dieses verdammten Staus mussten wir nun ein wenig umdisponieren.“ Mit diesen Worten gab er dem Chauffeur ein Zeichen, sich in der Kolonne einzureihen, die zum allgemeinen Eingang führte. Mit jedem Meter, den das Auto zurücklegte, spürte ich, wie ich nervöser wurde und mein Blick hinaus zu den Menschenmassen glitt, die sich gegen die Absperrungen drängten und begeistert die Namen der Künstler riefen, die über den roten Teppich schritten.

„Oh Gott, ist das Beyoncé?“, quietschte Flo in dem Moment und ich legte kurz die Hand auf meinen Magen, der sich noch immer nicht beruhigt hatte. Vielleicht hatte ich ihn mir gestern Abend bei dem Fressgelage mit Zoe in Erics Suite verdorben – oder es war einfach nur Lampenfieber und die Aufregung vor dem, was uns erwartete.

„Wir müssen gleich raus“, sagte Simon und gab uns ein Zeichen, als der Wagen vor dem roten Teppich hielt. Dann wurde die Tür von außen geöffnet und ich hatte das Gefühl, aus meiner geschützten Blase hinaus in eine andere Welt gestoßen zu werden. Ständig wurden berühmte Namen geschrien und die Journalisten, die seitlich des roten Teppichs standen, hielten ihre Mikros übertrieben lächelnd irgendwelchen Promis unter die Nase. Sobald ich ausstieg, hatte ich den Eindruck, dass sich unzählige Blicke, Scheinwerfer und Filmkameras auf mich richteten, während das unaufhörliche Klicken der Fotoapparate ringsum anschwoll.

„Wow. Das ist eine wesentlich größere Nummer als die Filmpremiere“, raunte mir Flo zu und ich nickte, während ich mich halb umdrehte und auf Simon wartete. Er stieg eben aus der Limousine und schickte noch rasch eine Textnachricht ab, bevor er das Handy verschwinden ließ und stattdessen ein gezwungenes Lächeln aufsetzte. Dann griff er nach Flos Hand und nickte mir aufmunternd zu.

Ich atmete tief durch und blickte auf die Strecke, die vor uns lag. Der rote Teppich beschrieb eine große Kurve bis zum Eingangsbereich des National Music Theatres, in dem die Preisverleihung stattfinden würde. Direkt vor den weit geöffneten Türen befanden sich auch die Fotowände, vor denen die Stars posierten, bevor sie im Inneren des riesigen Gebäudes verschwanden.

„Ihr seht absolut fantastisch aus“, erklärte Simon, während er gleichzeitig in die Kameras strahlte, „also vergesst nicht zu lächeln. Und erwähnt bitte, dass eure Kleider von Cara Blackwater sind, falls ihr gefragt werdet.“

„Melody Carter von Flashlight“, erklang in dem Moment eine Stimme links von mir und ich lächelte die dazugehörige Frau wie angewiesen an, während Simon einen Anruf bekam und hinter mir zurückblieb. „Sie sehen absolut bezaubernd aus“, fuhr Melody Carter an mich gerichtet fort und der Kameramann hinter ihr filmte von meinem Gesicht abwärts über das goldglänzende Traumkleid, das ich trug. „Darf ich fragen, was Sie heute Abend tragen?“

„Das ist eine Robe aus der neuen Kollektion von Cara Blackwater“, gab ich pflichtschuldig zurück, während Flo sich an meine Seite gesellte und ebenfalls ein paar Worte mit der Journalistin wechselte. Simon war einige Schritte zurückgefallen und sprach erregt in sein Telefon, während sein Blick immer wieder über die Menschenmassen vor dem National Music Theatre glitt.

„Haben Sie schon einen Favoriten bei der heutigen Preisverleihung?“, wollte Melody als nächstes von uns wissen und ich setzte gerade zu einer Antwort an, als der Blick der Journalistin an mir vorbei schweifte und plötzlich Nataschas Name die Luft erfüllte.

One Thought on “Esther – 100

  1. Trixi Breyer on 3. Januar 2018 at 14:13 said:

    Ohoh

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