Esther – 101

„Natascha! Zeig uns dein Lächeln!“ – „Natascha, hierher!“ – „Natascha, dreh dich doch mal!“

Die Rufe wollten gar nicht mehr aufhören und spätestens, als Melody Carter von Flashlight ihr Mikrofon zurückzog, obwohl ich ihre Frage noch nicht beantwortet hatte, war mir klar, dass sich ihre Prioritäten durch das Auftauchen des russischen Unterwäschemodels soeben verschoben hatten. Was ich nicht schlimm fand, überhaupt nicht, Flo aber schon.

„Sag mal, hast du das gerade gesehen?“, stieß sie hervor, als Melody sich rasch für das Gespräch bedankte und uns dann stehenließ.

Gleichgültig zuckte ich mit den Schultern. „Wir sind eben keine Promis, Flo. Auch wenn du wie eine heiße Sängerin aussiehst.“ Dabei betrachtete ich hingerissen ihre rotblonde Lockenmähne, die ihr glänzend über die Schulter floss und ihr Flammen-Outfit perfekt abrundete. Kein Wunder, dass Simon sie zuvor die ganze Zeit angestarrt hatte, wie ein Verhungernder ein Stück Brot. Apropos.

„Wo ist denn Simon?“, fragte ich und wandte suchend den Kopf, wobei ich zu ignorieren versuchte, dass wir uns mitten auf einem roten Teppich befanden, der fast ebenso gut besucht war, wie der von den Oscars – und dass eben Justin Timberlake an uns vorbeigelaufen war.

„Keine Ahnung“, antwortete Flo stirnrunzelnd. „Er kann nicht weit sein, vorhin hat er gerade noch telefoniert.“ Nach einem Augenblick erhellte sich ihr Gesicht. „Da, er redet offenbar gerade mit einem von der Security.“ Stirnrunzelnd beobachtete Flo die Szene. „Okay, das sieht eher aus, als würden sie streiten. Ich geh mal nachsehen, was los ist.“

Ich nickte und sah ihr zu, wie sie ihr rotes Chiffon-Kleid raffte und auf den Security-Typen zusteuerte, der mit Simon ein Stück abseits der Fotografen diskutierte.

Da ich keine Lust hatte, in meinen mörderisch hohen Schuhen den ganzen Weg zurückzulaufen, blieb ich einfach stehen und beobachtete die Stars, die vorbeizogen. Die meisten sahen aus, als würden sie wirklich Spaß haben, während ein paar anderen die Nervosität vor der Preisverleihung ins Gesicht geschrieben stand. In diesem Moment erhaschte ich einen Blick auf Natascha, die ich bisher auszublenden versucht hatte.

Das russische Model trug ein silbernes kurzes Kleid, das ihren perfekten Körper ideal in Szene setzte und kaum etwas der Fantasie überließ. Es hatte einen metallischen und futuristischen Style – ebenso wie ihre Haare, die sie heute hochgesteckt trug. Unterschiedlich große glänzende Metallstücke waren darin eingeflochten worden und ließen sie in Kombination mit dem glänzend silbrigen Augen-Make-up so aussehen, als käme sie direkt von einem Star Wars Set.

Obwohl das Kleid jetzt nicht unbedingt meinem Geschmack entsprach, musste ich zugeben, dass es an Nataschas perfektem Körper fantastisch aussah – was mit Sicherheit auch ein Grund dafür war, warum die Fotografen in ihrer Nähe so ausrasteten.

Da ich nichts Besseres zu tun hatte, blieb ich am Rand des roten Teppichs stehen und beobachtete sowohl Natascha, als auch Melody Carter, die vergeblich versuchte, ein Interview zu bekommen und sich dann einem anderen Promi zuwandte, als ein kurzer Tumult hinter den Absperrungen am oberen Ende des roten Teppichs ausbrach. Neugierig blickte ich in diese Richtung und spürte in meinem Inneren ebenfalls einen Tumult ausbrechen, als ich ein junges Mädchen hysterisch Erics Namen schreien hörte.

War er etwa gerade gekommen?

Mit klopfendem Herzen versuchte ich über die vielen Köpfe der Menschen hinweg etwas zu erkennen, als Natascha gerade an mir vorbeistolzierte. Durch das viele Posieren dauerte ihr Walk über den roten Teppich ewig, wobei sie nicht so aussah, als ob sie das stören würde.

„Natascha, du siehst fantastisch aus!“, rief einer der Fotografen und sie wandte lächelnd den Kopf in seine Richtung, als ihr Gesicht plötzlich von innen zu strahlen begann. Gebannt folgte ich ihrem Blick und fühlte, wie sich mein Magen verkrampfte, als ich erkannte, dass es Eric war, den sie so anstrahlte – und der auch noch sexy zurücklächelte. Daraufhin streckte sie ihm ihre Hand entgegen und Eric setzte sich in Bewegung, während die Paparazzi ringsum total ausrasteten. Ich hörte, wie ihre beiden Namen unablässig durch die Luft flirrten und wünschte mich in diesem Augenblick weit, weit weg. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, hierherzukommen – selbst mit dem Designerkleid und dem Styling würde ich doch immer nur das einfache Mädchen bleiben, während eine Frau wie Natascha viel besser zu Eric passte.

Mit zusammengeschnürter Kehle machte ich einen Schritt zurück und begegnete in diesem Moment Erics blauen Augen, die mich auf eine Art ansahen, als ob sie direkt in meine Seele blicken könnten.

2 Thoughts on “Esther – 101

  1. Sarah on 2. Januar 2018 at 11:03 said:

    Ich bin sehr auf seine Reaktion gespannt und kann den Freitag nicht abwarten 🤗
    Ich bin schon sehr gespannt was ihr 2018 alles für uns zaubert!

  2. Valérie on 20. Mai 2018 at 9:23 said:

    Ach, Esther tut mir so Leid!!!!

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