Esther – 146

„Wie wäre es damit?“ Die Brautmodenverkäuferin mit den blonden Korkenzieherlocken hielt ein weißes Ungetüm mit einer riesigen Schleife auf dem Hintern in die Höhe.

„Sieht super aus“, sagte Flo von dem cremefarbenen Sofa aus, während sie eine Tüte Chips futterte. „Vorausgesetzt, du möchtest in einem Kleid, das aussieht, als wäre es ein verunglücktes Weihnachtsgeschenk, zum Altar schreiten.“

„Ich hätte gern etwas weniger … Auffälliges“, sagte ich zu der Verkäuferin, die kritisch meine Körpermitte musterte, bevor sie wieder zwischen den Stangen voller Brautkleider verschwand.

„Wir hätten in den Laden gehen sollen, wo du dein Kleid ausgesucht hast“, sagte ich dann zu Flo. „Ich hab das Gefühl, da hatten die Kleider insgesamt weniger Rüschen.“

Sie steckte sich eine Handvoll Chips in den Mund und schüttelte den Kopf so kategorisch, dass ihre offenen rotblonden Haare hin und her flogen. „Kommt nicht in die Tüte. Die waren unfreundlich.“

„Die waren nur irritiert, weil du dein Hochzeitskleid unbenutzt zurückgebracht hast.“

Sie deutete mit einem Finger auf mich, auf dem noch ein paar Chipskrümel hingen. „Bohr nicht in der Wunde, Esther.“

Ich seufzte und schaute in den Spiegel. Im Moment hatte ich das scheinbar einzige Kleid in diesem Laden an, das mir trotz meiner fortgeschrittenen Schwangerschaft noch halbwegs passte. Es war trägerlos mit einem herzförmigen Ausschnitt und war im Meerjungfrauenstil gehalten, was bedeutete, dass es bis zu den Knien eng geschnitten war und dann in einen ausgestellten Rockabschluss überging, der mit etwas Fantasie an die Schwanzflosse einer Meerjungfrau erinnerte.

„Was hältst du von dem, das ich jetzt anhabe?“

Flo schnaubte. „Soll ich ehrlich sein? Mit dem komischen Schnitt und deinem riesigen Bauch siehst du aus wie ein gestrandeter Wal.“

Ich blickte an mir herab. Mein Bauch war inzwischen tatsächlich so groß, dass ich meine Füße nicht mehr sehen konnte, was ja eigentlich total okay war – es sei denn, man wurde deshalb als gestrandeter Meeressäuger betitelt.

Als ich wieder aufblickte, fing ich die Blicke von gleich zwei Personen quer durch das elegante Brautmodengeschäft auf. Einmal den von Jackson, der neben der Tür stand und dem ein kurzes Grinsen übers Gesicht huschte, und dann den der Verkäuferin, die ehrlich geschockt wirkte. Offenbar war es ungewöhnlich, dass die Freundin der Braut so wenig Taktgefühl zeigte.

„Vielen Dank auch.“ Ich hob amüsiert eine Augenbraue, während ich Flos frustrierten Chips-Anfall ein paar Sekunden lang auf mich wirken ließ. „Und du schaufelst bereits die zweite Packung Chips in dich rein, weil du auch bald so aussehen willst wie ich?“

Flo verdrehte die Augen und öffnete dann zischend eine Dose Cola. Die besorgten Blicke der blonden Verkäuferin, die offenbar schon überall Flecken auf dem cremefarbenen Sofa befürchtete, ignorierte sie dabei fachmännisch. „Du weißt genau, dass ich mich ablenken muss.“

Ich marschierte in die Kabine und zog den Vorhang zu. Dann begann ich, mich wieder aus dem Meerjungfrauenwalkleid zu schälen. „Wegen Chris? Glaubst du noch immer, dass er dich betrügt?“

„Ich sage dir, irgendwas ist da im Busch.“ Flo war aufgestanden und zu der Kabine gekommen. „Er ist anders als sonst.“

„Vielleicht hat er einfach gerade viel in der Arbeit um die Ohren“, wiegelte ich ab und verzog das Gesicht, weil der Reißverschluss klemmte. Dann schlüpfte ich in das zweite Kleid, das die Verkäuferin für mich herausgelegt hatte. Es war sehr klassisch in der A-Form geschnitten, die laut meinem Hochzeitsplaner bei fast jedem Figurtyp gut aussah. Anders ausgedrückt: sie ließ mich auch mit riesigem Babybauch vielleicht nicht total blöd aussehen. Sanchez hatte heute eigentlich auch dabei sein wollen, war aber im Verkehr stecken geblieben, was ich gar nicht so schlecht fand. Die aufgekratzte Energie des Hochzeitsplaners kollidierte von Zeit zu Zeit mit meiner etwas behäbigeren Herangehensweise an das Thema Heirat.

Flo zog den Vorhang ein wenig beiseite und sah mir tief in die Augen. „Chris liebt seinen Job, das ist es nicht. Ich sage dir, irgendwas stimmt nicht. Er ist total komisch. Letztens hab ich ihn gehört, wie er im Badezimmer telefoniert hat. Im Badezimmer, Esther. Während gleichzeitig die Dusche an war.“

Ich runzelte die Stirn. „Hast du verstanden, was er gesagt hat?“

Flo warf mir einen düsteren Blick zu. „Nein. Aber als er später auf dem Klo war, hab ich seine Anrufliste gecheckt. Du brauchst nicht so zu schauen, ich weiß, dass das nicht richtig war. Aber immerhin weiß ich jetzt, dass er etwas vor mir zu verbergen hat.“

„Und wieso?“

Flo atmete tief ein, dabei begannen ihre Augen verdächtig zu schimmern. „Weil er etwas getan hat, das er sonst nie tut: er hat seine komplette Anrufliste gelöscht.“

One Thought on “Esther – 146

  1. Valérie on 12. Dezember 2018 at 18:28 said:

    Flo tut mir so Leid!!!😱😰😭

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