Esther – 55

Eric fluchte nach einem Blick auf das Display und ich zog fragend die Augenbrauen hoch. Egal, welche Nachricht er bekommen hatte, ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Stimmung dadurch noch mieser werden konnte.

„Was ist los?“, fragte ich leise, als er nicht reagierte.

„Bandprobe“, knurrte er knapp.

„Hast du vergessen, oder was?“, fragte Hank von gegenüber und ich warf ihm einen genervten Blick zu. Flo hatte schon viele Typen gehabt, aber das war mit Abstand der präpotenteste.

Eric ignorierte Hank und beugte sich zu mir rüber. Ich atmete seinen betörenden Duft ein – eine Mischung aus Parfum, Duschgel und ihm selbst – und bekam eine Gänsehaut, als seine Lippen kurz meinen Hals streiften.

„Tut mir leid, Baby, ich muss abhauen. Sehen wir uns heute Abend in meinem Hotel?“

Ich versuchte, die abwertenden Blicke von Hank gegenüber zu ignorieren und schüttelte den Kopf. „Ich muss arbeiten, Eric, das hab ich dir doch gesagt“, flüsterte ich zurück.

„Dann morgen?“, fragte er und sein Blick konzentrierte sich ausschließlich auf mich, als würde es Flo und Hank gar nicht geben. Ich fühlte mein Herz schneller klopfen und nickte. Er grinste mich kurz an, dann drückte er mir einen schnellen Kuss auf die Lippen, verabschiedete sich von Hank und Flo mit einem Nicken und war kurz darauf in der Menge verschwunden.

„Ganz schön stressiges Leben“, bemerkte Hank, als Eric nicht mehr zu sehen war. Seine Stimme hatte so einen gewissen Unterton auf den ich nicht eingehen wollte.

„Stimmt“, entgegnete ich kühl und bemerkte, wie Flo dem Typen neben sich einen stirnrunzelnden Blick zuwarf.

„Und ihr seid jetzt richtig zusammen?“, fragte ich, um das Thema in eine andere Richtung zu lenken. Dabei hoffte ich inständig, dass die Antwort Nein war. Im gleichen Moment brachte der Kellner von vorhin Erics Wodka und stellte ihn dort ab, wo er gesessen hatte.

„Äh“, sagte Hank auf meine Beziehungsfrage.

„Nein“, erwiderte Flo schnell. „Wir sind nur ein paar Mal miteinander ausgegangen.“

Ich nickte und nahm einen Schluck von dem Wodka.

„Haben Sie inzwischen schon gewählt?“, fragte der Kellner, der neben dem Tisch stehengeblieben war. Mir war irgendwie der Appetit vergangen, aber ich bestellte dennoch etwas von der Karte, um es nicht zu zeigen.

„Und was ist mit dir und Eric?“, fragte Hank, nachdem der Kellner alle Bestellungen aufgenommen hatte und wieder verschwunden war. „Seid ihr jetzt richtig zusammen?“

Ich fing Flos Blick auf, die so aussah, als ob ihr erst in den letzten Minuten bewusst geworden war, was für einen Idioten sie da angeschleppt hatte.

„Mehr oder weniger“, antwortete ich auf Hanks Frage, weil ich mich nicht festlegen wollte.

Hank grunzte. „Ich bewundere dich, dass dich das nicht stört, mit den ganzen Ex-Freundinnen verglichen zu werden.“ Er nahm einen Schluck von seinem grünen Smoothie. „Diese Natascha, ist das nicht ein russisches Unterwäschemodel?“

Ich presste die Lippen aufeinander. „Keine Ahnung“, erwiderte ich dann kurz angebunden. Ich wusste es wirklich nicht und ich wollte es auch nicht wissen. Genauso wenig, wie ich wissen wollte, mit wie vielen Frauen Eric in seinem Leben schon geschlafen hatte. Allerdings war es schwer, solche Fragen beiseite zu drängen, wenn jemand wie Hank daher kam und genau den Finger in die Wunde legte.

„Doch, doch. Ich hab mal einen Bericht über die im Fernsehen gesehen“, setzte er hinzu. Flo fuhr sich unbehaglich durch ihre rotblonden Locken und ich hatte nicht übel Lust, auch den Rest von Erics Wodka auszutrinken. Dabei überlegte ich, ob ich auf die Toilette gehen und meine Mutter bitten sollte, mich in fünf Minuten anzurufen, damit ich unter einem Vorwand ebenfalls verschwinden konnte.

Hank schnalzte mit der Zunge. „Ganz schön schwer, mit so einer zu konkurrieren“, sagte er. „Wenn ich dir einen Tipp geben darf: Du solltest in Zukunft den Zucker bei deinen Bestellungen weglassen. Ich kann auch mit dir trainieren, wenn du Panik hast, dass er dich sonst verlässt.“

„Danke, Hank“, erwiderte ich mit einem falschen Lächeln.

Flo vergrub das Gesicht in den Händen und stöhnte auf.

„Was ist mit dir?“, fragte Hank und legte ihr fürsorglich die Hand auf die Schulter.

„Du bist furchtbar, das ist mit mir“, erwiderte sie vorwurfsvoll und schüttelte seine Hand ab. „Ehrlich, Hank, wieso musst du so ein Volltrottel sein?“

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