Esther – 57 

„Und, hast du es ihm schon gesagt?“, fragte Flo kauend und schob sich noch ein Stückchen Käse in den Mund.

„Was gesagt?“, fragte ich und tauchte meinen Löffel in das Glasschälchen mit dem Erdbeerjoghurt. Es war selbstgemacht und schmeckte einfach himmlisch.

„Na, dass du ihn auch liebst“, erwiderte Flo, als wäre es das Natürlichste auf der Welt.

Ich verharrte mit dem Löffel auf halbem Weg zu meinem Mund und schüttelte nach einer kurzen Pause den Kopf.

„Was? Wieso nicht?“, fragte Flo und winkte dem Kellner. „Noch einen Chai Latte“, rief sie über das Stimmengewirr in dem vollen Laden hinweg. „Aber diesmal mit mehr Zimt!“ Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder mir zu.

Ich schluckte das Joghurt hinunter und zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung“, murmelte ich in mich hinein. „Es hat sich einfach noch nicht die richtige Gelegenheit ergeben.“

„Nicht die richtige Gelegenheit?“, wiederholte Flo schnaubend. „Ihr habt doch miteinander geschlafen, oder nicht?“

„Nicht so laut“, zischte ich, da ich nicht wollte, dass unsere Unterhaltung jeder rundherum mitbekam. Vielleicht wurde ich schon paranoid, aber seit Eric mich zum Abschied geküsst hatte, waren mir drei junge Frauen am Nebentisch aufgefallen, die immer wieder in unsere Richtung sahen.

„Okay, dann frage ich eben noch mal ganz leise“, flüsterte Flo übertrieben verschwörerisch und beugte sich über den Tisch. „Ihr habt doch Sex, oder?“

„Ja, wir haben Sex“, flüsterte ich zurück und konnte so ein verzücktes kleines Grinsen nicht unterdrücken.

„Na also“, meinte Flo. „Das ist doch die ideale Gelegenheit, um ihm mal ins Ohr zu stöhnen, dass du ihn ebenfalls liebst, oder nicht?“

Ich steckte noch einen Löffel Joghurt in den Mund und schwieg. Natürlich hatte ich mir schon Gedanken darüber gemacht, wie es bei ihm wohl ankam, dass er es schon zu mir gesagt hatte, und ich noch nicht zu ihm. Aber ich wollte diesen Satz nicht einfach nur deshalb aussprechen, weil ich „jetzt an der Reihe war“.

„Wieso ist das denn überhaupt so wichtig?“, fragte ich ausweichend.

„Du hast Recht“, sagte Flo überraschend. „Vielleicht ist es das Geheimnis, warum er so auf dich abfährt. Weil du dich ihm eben nicht so an den Hals wirfst, wie die anderen.“ Sie spießte mit ihrer Gabel ein Stück Wassermelone auf und sah mich vielsagend an.

Ich runzelte die Stirn. „Willst du damit sagen, dass er nur deshalb so interessiert an mir ist, weil ich … weil ich zu schüchtern bin, um ihm meine Gefühle zu gestehen?“

Flo seufzte schwer. „Nein, Esther. Wenn es dir hilft: Ich glaube, er steht einfach auf dich. Wahrscheinlich könntest du machen, was du willst, und es würde nichts daran ändern.“

In ihrer Stimme schwang ein kleines bisschen Entrüstung mit und ich musste lächeln.

„Du bist jetzt aber nicht eifersüchtig, oder?“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Doch, Esther, ehrlich gesagt schon“, sagte sie und schmunzelte leicht. „Aber ich vergrabe es tief in meinem Inneren.“

 

Nach dem Brunch mit Flo machte ich mich auf den Weg in die Arbeit. Es war ein schöner Nachmittag und ich versuchte, nicht zu viel über das letzte Gespräch nachzudenken. Immer wenn Flo mir Fragen zu meiner Beziehung mit Eric stellte, schlich sich so eine hässliche Unsicherheit in meinen Kopf. Es war wie ein dichter Nebel, der alle Dinge, die mir zuvor klar und eindeutig erschienen waren, auf einmal unscharf und verschwommen wirken ließ. Und dieser Nebel machte, dass ich mir plötzlich nicht mehr sicher war, warum Eric eigentlich mit mir zusammen sein wollte. Vorsichtig überquerte ich die Straße zu dem Café, in dem ich arbeitete. Dabei ratterte es in meinem Hirn. Hatte sich Eric deshalb in mich verliebt, weil ich bei unserer ersten Begegnung nicht gewusst hatte, wer er war? Lag es daran, dass ich anders war als die Frauen, die nur den Rockstar in ihm sahen? Oder reizte ihn tatsächlich meine Schüchternheit und er wollte mich auf einer unterbewussten Ebene einfach nur „knacken“, so wie Flo anfangs vermutet hatte?

Mein Herz wehrte sich gegen diesen Gedanken und ich schüttelte den Kopf, während ich zugleich schwungvoll die Tür zum Coffeshop aufdrückte. So schwungvoll, dass ich es im nächsten Moment bereute.

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