Esther – 61

„Wow. Du siehst ja glücklich aus“, empfing mich Flo schlechtgelaunt und nippte an ihrem dampfenden Getränk, als wir uns vor dem Kaffeeautomaten in der Uni trafen.

„Ganz im Gegensatz zu dir“, erwiderte ich und lugte in ihren Becher. „Kein Chai Latte heute?“

„Heute brauche ich was Stärkeres“, murmelte sie und setzte sich in Bewegung. „Vorlesungen am Vormittag sollten verboten werden“, meinte sie dann zu mir.

Ich lachte. „Willst du lieber nachts hier sein?“

„Würde mich aktuell nicht stören“, gab sie zurück und wich einem entgegenkommenden Typen aus, der zuerst sie und dann mich abcheckte.

„Was ist denn passiert?“, fragte ich und hoffte, dass es nichts Schlimmes war.

„Hank“, fauchte sie.

„Oh nein. Der Idiot?“

„Hat die ganze Nacht Telefonterror gemacht“, schnaubte Flo. „Offenbar ist er es nicht gewohnt, abserviert zu werden.“

„Das tut mir leid“, sagte ich aufrichtig und fühlte mich irgendwie ein wenig mit schuld. „Wieso hast du das Handy nicht einfach ausgestellt?“

„Konnte ich nicht“, murmelte sie. „Denn nach dem Brunch mit dir hab ich Jack kennengelernt.“

„Jack“, wiederholte ich gedehnt und warf ihr einen fragenden Seitenblick zu.

„Ja, er hat mir im Bus seinen Platz angeboten.“

„Und deswegen konntest du dein Handy nicht ausschalten? Habt ihr etwa die ganze Nacht miteinander geschrieben?“

„Na ja, mehr oder weniger“, antwortete Flo spitzbübisch und lächelte zum ersten Mal an diesem Tag. „Aber erzähl: Wie war deine Nacht?“

„Schön“, antwortete ich und versuchte nicht daran zu denken, dass ich jetzt auch in Vegas sein könnte, wenn ich Erics Angebot angenommen hätte.

Flo kniff ihre braunen Augen zusammen und sah mich durchdringend an. „Was ist los? Irgendwas ist doch.“

Ich seufzte. „Du solltest Röntgenblick studieren“, antwortete ich. „Da wärst du die Jahrgangsbeste.“

„Aber auch nur bei dir“, entgegnete sie. „Man kann dir einfach jedes Gefühl im Gesicht ablesen. Also, erzähl – was ist passiert?“ Gemeinsam traten wir aus dem Gebäude auf den Campus und ich genoss die warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht.

„Eric hat mich gestern in seine Suite mitgenommen“, erklärte ich dann. „Es war unglaublich. Er hat sogar einen eigenen Swimmingpool auf der Terrasse.“

„Und?“, fragte Flo und pustete sich im Gehen eine rotblonde Locke von der Wange.

„Und jetzt ist er in Vegas und ich vermisse ihn und fühle mich irgendwie doof, weil ich zur Uni gehe, obwohl ich bei ihm sein könnte – auch wenn ich innerlich weiß, dass es die richtige Entscheidung war.“

Richtig würde ich das nicht unbedingt nennen“, gab Flo zurück. „Immerhin hast du Vegas ausgeschlagen.“

„Guten Morgen, die Damen“, erklang in dem Moment eine angenehme Männerstimme hinter uns und ich drehte mich um. Es war Liam Norris, unser Dozent. Er wurde von meiner Kommilitonin Mary begleitet, deren Augen aufleuchteten, als sie mich sah.

„Guten Morgen“, sagte ich schnell und hoffte, dass die beiden nichts von unserem Gespräch mitbekommen hatten. Seit Eric mich von der Uni auf unser zweites Date entführt hatte, sprach mich Mary jedes Mal, wenn wir uns trafen, auf ihn an.

„Hey“, murmelte Flo und kippte den Rest ihres Kaffees hinunter.

„Verzeihung, ich wollte euer Gespräch nicht unterbrechen“, sagte unser Dozent.

„Schon gut, es war nicht wichtig“, erwiderte ich rasch.

„Ich hab das Wort Vegas aufgeschnappt“, erklärte Mary und sah mich mit funkelnden Augen an. „Hat Eric da einen Auftritt?“

„Äh, ja“, erwiderte ich einsilbig, da ich jetzt nicht über Eric sprechen wollte.

„Oh mein Gott, das muss so aufregend sein!“, quiekte Mary und ich fing den interessierten Blick von Mr. Norris auf.

„Sie treffen sich noch mit diesem … Musiker?“, fragte er beiläufig nach.

Ich öffnete den Mund und spürte, wie ich rot wurde.

„Exakt“, kam mir Flo zu Hilfe. „Und obwohl Esther heute nach Vegas hätte fliegen können, hat sie sich entschieden, lieber zu ihren Vorlesungen zu gehen und für die Uni zu büffeln.“

„Ehrlich? Du könntest jetzt mit Eric in Vegas sein und bist stattdessen hergekommen?“, wiederholte Mary fassungslos.

„Manche nehmen das Studium eben ernst“, sagte Mr. Norris und zwinkerte ihr zu.

Mary schnaubte kurz und schüttelte ihre kinnlangen dunkelbraunen Haare. „Schon klar, aber wir reden hier nicht von irgendwem, sondern von Eric Adams.“ Dann wandte sie sich wieder an mich. „Stimmt es eigentlich, dass er dir ein Lied geschrieben hat, als du im Koma gelegen bist?“

One Thought on “Esther – 61

  1. Sonia on 28. März 2017 at 9:56 said:

    Ihr seid ja fies 😦 ich freu mich schon auf Freitag 😊 bin schon gespannt wie es weiter geht 😍

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