Esther – 76

Sie saß an einem Tisch ganz weit hinten, auf einer Bank an der Wand. Ihre schwarzen Haare fielen ihr ins Gesicht und sie wirkte blass. Ich fragte mich, ob das an der Krankheit oder ihrer Aufregung lag, aber trotz allem wirkte sie nicht schwach.

Eric zögerte einen Moment, aber dann ging er auf sie zu und ich folgte ihm.

„Hey“, sagte er, als er den Stuhl zur Seite zog und sich darauf setzte. Ich ließ mich neben ihm nieder.

Das Mädchen hob den Blick und sah Eric und mich an.

„Hi“, sagte sie und ihre Stimme klang tiefer, als ich es erwartet hatte.

„Hi, Zoe, ich bin Esther“, sagte ich und streckte ihr die Hand hin. Okay, vielleicht war das noch old-school und unpassend, aber ich wusste nicht, wie die Verhaltensetikette für solche Begegnungen lautete.

Zoe zögerte einen Moment, dann gab sie mir kurz die Hand. Ihre Finger waren kalt und sie zog sie auch gleich wieder zurück.

Eine stämmige Frau mit roten Locken und wippendem Gang kam auf uns zu. Sie trug eine Schürze und lächelte uns an. „Zwei neue Gäste, wie schön. Was darf ich Ihnen bringen? Wir haben gerade wunderbaren Apfelkuchen im Angebot, den Sie sicher schon gerochen haben, denn er duftet herrlich.“

Ich wartete einen Augenblick, und als keiner reagierte, übernahm ich das.

„Ich hätte gern ein Stück von dem Apfelkuchen“, sagte ich und sah Zoe aufmunternd an. „Du auch?“

Sie schüttelte nur den Kopf.

„Willst du vielleicht etwas trinken?“

„Eine Cola.“

„Also eine Cola und einen Kaffee“, sagte ich lächelnd. „Eric?“

Eric schüttelte auch nur den Kopf.

„Das war’s dann“, sagte ich.

„Sie sollten wirklich den Apfelkuchen kosten“, probierte es die Dame noch einmal und strahlte Eric an. „Der schmeckt wie gesagt … einfach himmlisch.“

Eric reagierte nicht, es war, als wäre er in einem anderen Universum.

„Ich kann Ihnen auch gern nur ein kleines Stück zum Kosten bringen“, plapperte die Dame weiter. Ich wollte gerade etwas erwidern, als Eric mir zuvorkam. „Dann bringen Sie gleich den ganzen Kuchen“, sagte er und seine Stimme troff vor Desinteresse.

Die Augen der Bedienung begannen zu leuchten. „Wirklich? Den ganzen Kuchen?“, fragte sie und fuhr sich über ihre weiße Schürze, die sie über einem blau geblümten Kleid trug.

„Ja, den ganzen Kuchen“, bestätigte ich schnell, nur, um sie einfach loszuwerden.

Sie trippelte lächelnd davon und Zoe ließ sich weiter nach hinten auf die Bank sinken. Die Geste hatte etwas Abwehrendes an sich und ich überlegte, was wohl in ihr vorgehen mochte.

„Hast du so viel Hunger, dass du einen ganzen Kuchen bestellen musst?“, fragte sie abschätzig und strich sich ihre dunklen Haare zurück. Sie trug einen grauen Sweater und ihre Augen waren fast so blau wie die von Eric. Ich versuchte, weitere Gemeinsamkeiten auszumachen und sah sie aufmerksam an. Sie hatte ein ähnlich kantiges Gesicht, aber sonst glichen sie sich kaum.

„Vielleicht“, antwortete Eric auf Zoes Frage und ließ sich auch auf seinem Stuhl nach hinten sinken. „Also.“

„Also was?“, fragte sie.

Erics Gesicht zeigte keine Regung. „Warum bin ich hier.“

Zoe schnaubte. „Das weißt du doch.“

Eric schüttelte den Kopf. „Sag du es mir.“

Die Kellnerin kam und stellte den großen Teller mit dem Apfelkuchen lächelnd auf den Tisch, daneben den Kaffee und die Cola für Zoe.

„Wenn Sie noch einen Wunsch haben, rufen Sie mich einfach“, erklärte sie.

„Das machen wir“, sagte ich und war froh, als sie sich wieder anderen Gästen widmete. Zwischen Zoe und Eric herrschte eine unangenehme Spannung, und ich überlegte kurz, ob ich sie besser allein lassen sollte, ließ es dann aber bleiben. Eric hatte gewollt, dass ich mitkam, auch wenn ich mich jetzt völlig fehl am Platz fühlte.

„Also“, wiederholte Eric mit einer stoischen Gelassenheit, die all seine Emotionen in sich verschloss.

„Ma hat dir doch gesagt, worum es geht“, fauchte Zoe und es war nur eine kleine Bewegung, die sonst keiner bemerkte, aber Eric zuckte bei ihren Worten kurz zusammen.

One Thought on “Esther – 76

  1. Trixi Breyer on 12. Juli 2017 at 0:56 said:

    Oh oh ich bekomm Angst😰😰😰😰😰
    Ich freu mich ich freu mich

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