Esther – 89

Eric und ich verbrachten das ganze Wochenende im Hotel, wir genossen es, das Leben auszuschließen und unserem ganz eigenen Rhythmus zu folgen. Es war schön, ungestört Zeit mit ihm zu verbringen und zu vergessen, wer er war und was er schon alles erlebt hatte. Dass er mit vielen Frauen geschlafen hatte war nicht überraschend, und ich versuchte den Gedanken weit wegzuschieben. Auch wenn ich mich gekonnt gelassen gegeben hatte, wollte ich einfach nicht daran denken. Genauso wenig wie ich an die Barkeeperin in Vegas denken wollte, mit der zwar nichts gelaufen war, mit der aber etwas laufen hätte können. Und ich wollte nicht daran denken, dass ich irgendwann vielleicht nur noch eine von vielen war – denn so fühlte es sich nicht an.

Es fühlte sich nach mehr an. Nach viel mehr.

Und ich hoffte, dass es so blieb, dass ich nicht eines Tages aufwachen würde, um zu erkennen, dass ich mir die ganze Zeit nur etwas vorgemacht hatte. Dass meine Lebensdauer länger war als ein Tag, aber nicht länger als ein paar Wochen.

Eric war gerade unter der Dusche, als Flo mir eine Whatsapp-Nachricht schrieb.

„Und, lebst du noch?“, wollte sie wissen. Seit der Premiere, von der wir einfach abgehauen waren, hatten wir uns nicht mehr unterhalten.

Und wie!“, schrieb ich zurück. „Und bei dir? War der Abend noch schön?

Nachdem ihr euch klammheimlich aus dem Staub gemacht habt, war es nur noch schrecklich.“

„?“

„Es war soooooo toll, Esther!!!“

„Dass wir gegangen sind?“

„Nein, das ist mir nicht mal wirklich aufgefallen. Ich war zu abgelenkt. Von zwei Typen.“

Lass mich raten“, schrieb ich. „Chris und Simon.“

100 Punkte!“ antwortete sie. „Und jetzt brauche ich dringend deinen Rat. Wann können wir uns treffen?“

Ich überlegte kurz, wann wir das nächste Mal Vorlesung hatten, schon bald musste ich wieder in die Uni. „So um zehn? Vor der Vorlesung von Prof. Hatshire?“

Yep! Ich komme zu dir :)“

Bis dann!

Ich freu mich, sag deinem Typen nochmal danke für die Einladung und noch viel Spaß beim „weiterleben“ ;))

Ich lächelte kurz und legte das Handy auf den Nachttisch. In dem Moment kam Eric aus der Dusche. Er trug nur ein Handtuch um die Hüfte und seine Haare waren nass.

„Flo lässt sich bedanken“, sagte ich.

„Wofür?“, wollte Eric wissen und ging an den versteckten Kleiderschrank, um sich Klamotten rauszunehmen.

„Dafür, dass du sie auf die Filmpremiere mitgenommen hast.“

Eric schlüpfte in dunkle Boxershorts und beim Anblick seines nackten Körpers wurde mir plötzlich ganz warm. Ich konnte wirklich nicht genug von ihm bekommen.

Er musste meinen Blick bemerkt haben, denn sein Mundwinkel zuckte amüsiert.

Dann zog er sich eine dunkle Jeans an. „Dachte mir schon, dass es Flo gefällt.“

„Und wie“, sagte ich. „Sie scheint auch hin und hergerissen zu sein, zwischen deinem Cousin und deinem Manager.“

Eric stockte kurz. „Von Simon sollte sie sich lieber fern halten“, erklärte er hart und ein Schatten huschte über sein Gesicht.

Dann kam er langsam auf mich zu und setzte sich zu mir aufs Bett.

„Wieso? Der macht doch einen netten Eindruck.“

Er nickte. „Mit dem Typen ist was nicht in Ordnung“, bemerkte er kühl.

Meine Stirn legte sich in Falten, es war seltsam, Eric plötzlich so ernst zu erleben.

„Und was ist mit ihm nicht in Ordnung?“

Eric küsste meine Schulter und zog tief die Luft ein. „Ich glaube, er bescheißt uns.“

Ich stockte. „Du glaubst, er hinterzieht Gelder?“

Er nickte. „Genau, ich bin mir ziemlich sicher. Vorhin hat mir Noah eine Nachricht geschickt, ein paar Gelder fehlen, nie große Summen, aber immer wieder. Wir müssen das jetzt mal prüfen lassen, und dann schmeißen wir den Typen hochkant raus. Und verklagen ihn.“ Er machte eine kurze Pause. „Deine Freundin sollte wirklich die Finger von ihm lassen. Typen die so bescheißen, bringen nur Ärger.“

4 Thoughts on “Esther – 89

  1. Katja on 11. Oktober 2017 at 8:11 said:

    Das wäre hart, wenn Eric mit seiner Vermutung recht hat.😦

  2. Uuppsi…da bin ich aber mal gespannt….naja ich würde sowieso den Cousin bevorzugen….der scheint echte Klasse zu haben!!

  3. Trixi Breyer on 11. Oktober 2017 at 16:23 said:

    Oh oh arme Flo. Ich fand Simon von Anfang an etwas creepy. Naja wird schon.☺

  4. Vanessa on 13. Oktober 2017 at 0:54 said:

    Simon ist ja schon die ganze Zeit ziemlich unsympathisch, bin mal gespannt was Ihr Euch da ausgedacht habt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Post Navigation