Esther – drei

 

Das Bild der nackten Tussi auf Tims Schoß drängte sich vor mein inneres Auge, aber ich schob es beharrlich zur Seite und konzentrierte mich wieder auf die Autobahn. Mein kleiner blauer Fiat vibrierte und röhrte, doch ich nahm den Fuß nicht vom Gas. Ich musste nach vorne kommen, musste Tim und unsere kleine Stadt hinter mir lassen, musste den ganzen Schmerz und die blöden Tränen und das dämliche Geheule hinter mir lassen, das mich eingeholt hatte, als ich aus seiner Wohnung zurück ins Haus meiner Eltern geflohen war.

Es tat so verdammt weh.

Wieso musste das so verdammt wehtun?

Im Radio lief schon wieder „Im Leben daneben“ von dem Sänger mit der tiefen Stimme und ich spürte, wie mir die Tränen über die Wange liefen.

Verdammt, Esther. Reiß dich zusammen, bewahre Haltung und breite endlich deine blöden Flügel aus.

 

Als ich nach den ersten 120 Meilen bei einer Tankstelle hielt, ging es mir schon etwas besser. Ich holte mein Handy aus der Tasche und entschied mich spontan, ein Foto zu machen. Dies war der erste Schritt in mein neues Leben und ich fühlte den Drang, diesen Moment festzuhalten.

Dann betankte ich meinen kleinen Fiat, der bis oben hin mit meinen Habseligkeiten vollgestopft war, tätschelte zärtlich das Autodach, schloss ab und ging in den Laden.

Ein frisch verliebtes Pärchen stand an der Kasse und beriet sich, welche Schokoriegel sie kaufen sollten. Beide hatten die Finger ineinander verschränkt und warfen sich ständig innige Blicke zu. Das Eingangssignal einer WhatsApp ertönte und ich öffnete die Nachricht. Sie kam von Tim. Darauf hatte ich jetzt echt keine Lust.

Rasch steckte ich das Telefon zurück in die Tasche, während sich das Pärchen vor mir einen Kuss gab. Ich unterdrückte den Impuls, sie vor dem Schmerz, den eine Beziehung verursachen konnte, zu warnen, kaufte eine Packung Gummibärchen, bezahlte das Benzin und ging wieder nach draußen. Mein Leben wartete auf mich. Und ich würde verdammt noch mal keine weitere Zeit damit vergeuden, Tim hinterherzutrauern.

 

„Dr. Heart“, meldete sich eine gestresste, weibliche Stimme am Telefon. Ich drückte das Handy fester an mein Ohr und atmete tief durch.

„Hallo Amy? Ich bin es, Esther. Ich bin gerade auf dem Weg in die Stadt und wollte dich fragen, ob du Zeit hast, dich zu treffen?“

Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause und ich war mir nicht sicher, ob meine Cousine zu gestresst war, um zu antworten, oder zu geschockt.

„Esther! Du kommst heute schon an?“, fragte Amy und gab gleichzeitig einer Krankenschwester irgendeine Anweisung einen Patienten betreffend, die ich nur halb verstand.

„Ja. Ich habe meine Anreise jetzt doch eine paar Tage vorgezogen“, sagte ich und blickte aus dem Fenster meines Fiats. Die Nachmittagssonne stand am Himmel und tauchte die fremde Stadt in ein weiches, angenehmes Licht. Dennoch fühlte ich mich schrecklich allein. Und aufgeregt. Und ängstlich. Und begeistert. Irgendwie alles zusammen.

„Tut mir furchtbar leid, Süße, aber ich stecke geraden mitten ein einer 12-Stunden-Schicht. Wenn Du willst, können wir uns übermorgen auf einen Kaffee treffen“, sagte Amy, während im Hintergrund eine blecherne Krankenhausdurchsage zu hören war.

„Ja, klar. Kaffee klingt gut“, gab ich schnell zurück und versuchte, mir die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. „Ich muss heute sowieso noch zur Uni und mich für den Ethik-Kurs anmelden. Da gibt es so viele Bewerber, dass …“

„Wunderbar, Süße, dann bis übermorgen“, unterbrach mich meine Cousine. „Wegen Uhrzeit und Treffpunkt schreib ich dir noch eine WhatsApp. Genieß deinen ersten Abend in der Stadt. Und lass Tim schön von mir grüßen. Ciao!“ Sie legte auf.

Ich ließ das Handy sinken, machte spontan noch ein Foto vom goldenen Licht der Nachmittagssonne und legte es auf den Beifahrersitz. Dann startete ich den Motor.

„Wenn du glücklich sein willst, dann sei es“, stand auf meiner Liste, und ich wollte jetzt verdammt noch mal glücklich sein, auch wenn ich mich gerade ziemlich allein fühlte. Entschlossen machte ich schwungvolle Musik an und parkte aus. Dann machte ich mich auf den Weg zur Uni.

 

Als die Universität schon in Sicht kam, ertönte das Eingangssignal einer WhatsApp. Und einer zweiten. Und einer dritten. Die Plings schienen gar nicht mehr aufzuhören und ich griff genervt nach dem Handy und warf einen Blick darauf. Es war Tim. Er hatte mir sieben Nachrichten geschickt. Mit einem Schnauben öffnete ich die App.

 

Esther, ich war so ein Idiot. Bitte verzeih mir.

 

Instinktiv schüttelte ich den Kopf.

 

Bitte, Esther, es tut mir total leid!

Ich weiß, dass ich ein Idiot war. Du hast allen Grund, nie wieder mit mir zu reden.

Trotzdem hoffe ich, dass du wieder mit mir redest.

Es tut mir wirklich, wirklich, wirklich leid!

Esther, bitte rede mit mir.

 

Die letzte Nachricht war ein Foto von Tim, mit einem Baseballschläger in der Hand. Darunter stand: „Nächstes Mal darfst du auch den Schläger benutzen.“

Das ganze war so verwirrend, dass ich nicht achtgab und mit dem Reifen gegen den Randstein donnerte. Es gab einen Knall, gefolgt von einem unschönen Zischen.

„Mist!“ Ich sprang aus dem Auto und sah mir den Schaden an. Mein rechter Vorderreifen lag platt auf der Straße. Super, genau das hatte ich jetzt gebraucht.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte in dem Moment eine tiefe Stimme hinter mir.

8 Thoughts on “Esther – drei

  1. (Gut wie immer :D) Ich bin gespannt wer da nun Neues in Esthers Leben tritt.
    Esthers Liste interessiert mich sehr, durch sie nimmt ihr Charakter gefühlt immer mehr Form an :).
    Freu mich auf den nächsten Eintrag!

    • Rose Snow on 17. Februar 2016 at 10:08 said:

      Hi Amy, Esthers Liste wird auch noch öfters auftauchen :)) Und wir freuen uns, wenn Du der Geschichte weiter folgst! Liebe Grüße, Carmen & Ulli

  2. Ob die tiefe Stimmt zum ehemaligen ICH von Jasper gehört? 🙂

    Tolle Geschichte, schöner Schreibstil und super Idee!

    Es ist wirklich eindeutig, dass aus Erik Ben, ein Träger des Ekels wird. Esther vollzieht hingegen noch eine Wandlung, um zu der starken, aufmerksamen Lee zu „werden“, die sie als Trägerin der Wachsamkeit verkörpert(?).

    Ich bin gespannt wie es weitergeht. 🙂

    • Rose Snow on 17. Februar 2016 at 10:07 said:

      …wir sind begeistert, was euch alles auffällt/einfällt und sind schon gespannt, wie euch die nächsten Posts gefallen! Alles Liebe, Carmen & Ulli

  3. Claudia on 17. Februar 2016 at 17:55 said:

    Wieder ein toller Abschnitt =)
    Kann eure Blogeinträge kaum erwarten! Die Spannung dieses Mal ist wirklich hoch – wer hat wohl die tiefe Stimme? Ich erwarte auch jemanden aus der Sinneswelt.

    Noch so lange warten 🙁

  4. Rose Snow on 18. Februar 2016 at 19:08 said:

    Hallo Claudia,
    nur noch einmal schlafen dann geht es weiter und dem Bad Boy! 🙂
    Und wie schön, dass ihr so mitfiebert … das gefällt uns natürlich!!
    Viele Grüße,
    Carmen & Ulli

  5. Einfach toll, wie lebendig alles rüber kommt. Kann es garnicht abwarten bis zum nächsten mal. Das mit der Liste ist, glaube ich für viele ein Anreiz über seine Einstellung nach zu denken, es macht die Geschichte so wirklich.

  6. Rose Snow on 22. Februar 2016 at 14:20 said:

    Hallo Susi, morgen geht es schon weiter!! Und das mit dem glücklich sein ist leider oft leichter gesagt, als getan – uns gefällt hier auch Mark Twain „Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden“ 🙂
    Viele Grüße, Carmen & Ulli

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