Esther – dreizehn

Meine Schicht war gerade zu Ende und ich zog meine grüne Schürze über den Kopf, als Greg das Radio lauter machte. Dort übertrugen sie das Interview dieses kaputten Typen von NEBEN, der einen Autounfall gehabt hatte und nur einsilbige Antworten gab, womit er dem Moderator das Leben zur Hölle machte.

„Ich will nicht weiter über Liebe reden. Reicht doch, wenn ich darüber singe“, sagte er in dem Moment, als mir jemand auf die Schulter tippte. Überrascht drehte ich mich um und sah Flo mit einem verschmitzten Lächeln an der Theke lehnen.
„Hey, Süße …“ Sie wickelte ihre rotblonden Locken um ihren Zeigefinger und sah mich zerknirscht an. „Ich hoffe, du redest noch mit mir.“
„Hallo, Flo“, sagte ich überrascht. „Klar rede ich mit dir.“ Die letzten Tage war ich so mit der Uni und der Arbeit im Coffeeshop beschäftigt gewesen, dass ich Flo komplett vergessen hatte. Vielleicht lag es aber auch an der Begegnung mit Tim, dass ich etwas durch den Wind gewesen war.
„Sorry wegen der Karaoke-Einlage bei der Party“, sprudelte es aus ihr heraus. „Ich wollte dich einfach nur überraschen. Ich dachte wirklich, es macht dir Spaß.“
„Kennst du irgendjemanden, dem Karaoke tatsächlich Spaß macht?“, fragte ich ungläubig.
Sie riss die Augen auf. „Kennst du irgendjemanden, dem Karaoke keinen Spaß macht?“, fragte sie im selben Tonfall zurück. „Ich meine, abgesehen von dir?“
Ich seufzte. „Keine Ahnung. Ich hatte da mal ein doofes Erlebnis, seitdem finde ich es einfach nur furchtbar. Aber das ist schon etwas länger her.“
„Tja, so war es auch bei meiner Entjungferung“, sagte Flo spitzbübisch und grinste. „Also alles, bis auf den Teil, dass ich es seitdem einfach nur furchtbar finde.“
Ich musste lachen. „Du bist echt furchtbar.“
Sie kicherte mit. „Ich weiß.“

Gemeinsam flanierten wir durch die Stadt. Flo hatte mich auf ein Versöhnungseis eingeladen, und obwohl es dafür eigentlich ein bisschen zu kühl war, genoss ich es, mit ihr durch die Straßen zu schlendern und mir von ihr den Klatsch und Tratsch aus der Uni erzählen zu lassen.
„Ich krieg von dem allen nicht viel mit … was du schon alles über unsere Kommilitonen weißt“, murmelte ich, als wir gerade an einem überdimensional großen Poster von diesem Sänger vorbeikamen, den Flo so toll fand.
„Das liegt daran, weil du deine Nase immer nur in die Bücher steckst, statt dich mal so richtig zu amüsieren“, erwiderte sie und blieb stehen. „Schau mal, sieht der nicht einfach zum Anbeißen aus?“
Ich betrachtete die Litfaßsäule mit dem Plakat skeptisch. Sein Gesicht lag beinahe zur Gänze im Schatten und das Einzige, was man gut erkennen konnte, waren seine blitzenden grauen Augen.
„Wenn du mich fragst, sieht er total kaputt aus.“
„Aber auf eine geile Art“, erwiderte sie und zog ihr bimmelndes Handy aus der Tasche. Es spielte „Grau“ und ich verdrehte die Augen.
„Jetzt hast du ihn auch schon als Klingelton drauf? Fehlt nur noch, dass du dir Band-T-Shirts kaufst und sie in die Uni anziehst.“
„Keine schlechte Idee“, grinste Flo und tippte mir auf die Nase. „Vielleicht komme ich dann in die engere Wahl für Backstage-Pässe.“
„Du gehst also zu dem Konzert?“, fragte ich und steckte den Rest von meinem Eis auf einmal in den Mund.
Flo nickte enthusiastisch. „Na und ob. Ich hab schon zwei Karten besorgt. Ursprünglich wollte ich ja mit Mike gehen, aber wie es aussieht, werden sich Mikes und meine Wege nicht mehr treffen.“
„Wieso denn dasch?“, fragte ich mit vollem Mund.
„Ich hab dir doch gesagt, er verhält sich seltsam“, erwiderte Flo. „Und deshalb ist er jetzt Geschichte. Also, was ist? Lust auf ein Konzert mit sexy Hammerkörper Hammerstimme Hammerfrisur Eric Adams?“
Ich verzog das Gesicht. „Hammerarschloch hast du vergessen. Ich hab heute im Laden ein Radiointerview gehört und der Typ ist echt widerlich.“
Flo starrte mich aus ihren schönen braunen Augen fassungslos an. „Er ist ein Rockstar, Herrgott, das nennt man Image, Esther.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das nennt man Drogenproblem, Flo.“
„Ach, Blödsinn.“ Sie hakte sich bei mir unter und wir gingen weiter. „Der tobt sich doch einfach nur aus. Immerhin ist er nur einmal jung. Und außerdem geht es ja nicht darum, ihn als Mensch zu mögen. Er muss ja nicht gleich deine große Liebe werden, immerhin geht man ja deshalb auf ein Konzert, weil einem die Musik gefällt. Und die Musik gefällt dir doch, oder?“
Ich sah sie von der Seite an und mein Mundwinkel zuckte nach oben. „Ja, die Musik gefällt mir“, gab ich zu.
„Wusste ich es doch“, sagte Flo grinsend. „Das heißt, wir haben in zwei Wochen ein Date zu einem Konzert. Und wehe, du überlegst es dir noch anders, sonst hast du kein Drogenproblem, sondern ein Flo-Problem.“

8 Thoughts on “Esther – dreizehn

  1. Ich will mehr!!!

  2. Kathi on 27. April 2016 at 16:08 said:

    Viel zu kurz!

  3. Conny on 28. April 2016 at 20:57 said:

    Kann kaum warten bis es weitergeht 🙂

    Macht weiter so!

  4. Monika on 29. April 2016 at 17:19 said:

    Ich fieber schon richtig auf das erste Treffen hin und auf mehr der beiden

    • Rose Snow on 29. April 2016 at 17:25 said:

      Ach, wie schön!! Das hören wir nämlich TOTAL gerne. Am Dienstag geht’s weiter! Viele Grüße & ein schönes WE!! Carmen & Ulli

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