Esther – fünf

Es gibt Momente, die man im Leben einfach nicht vergisst. Da gibt es die guten Momente wie den ersten Kuss, die ersten Sonnenstrahlen im Frühling oder den Geruch von frisch gefallenem Schnee – und dann gibt es die schlechten Momente wie den ersten Liebeskummer, den Beinbruch beim Skifahren oder die erste Wohnung – meine erste Wohnung.

Als ich die Tür öffnete, traute ich meinen Augen nicht. Und meiner Nase. Es roch nach altem Fisch und ich musste mir meinen Schal übers halbe Gesicht ziehen, um das kleine Apartment überhaupt betreten zu können. Meine fünfundvierzig Quadratmeter, die ich mir in meinen Gedanken strahlend und einladend vorgestellt hatte, sahen in der Realität leider anders aus – sie waren weder strahlend noch einladend. Der Putz bröckelte von den Wänden, der Parkettboden war von dunklen Schlieren überzogen und die Fenster wirkten, als wären sie seit Jahren nicht geputzt worden.

„Ich kann keine lauten Nachbarn gebrauchen“, erklang in dem Moment eine kräftige Frauenstimme hinter mir, die mich herumfahren ließ.

„Wie bitte?“, fragte ich und betrachtete die dickliche Dame mit den kurzen roten Haaren, die im Türrahmen der – meiner – Wohnung aufgetaucht war und vom Gang aus hereinspähte.

„Der letzte Mieter war sehr, sehr laut. Ich kann laut nicht gebrauchen und Sie“, sie musterte mich abfällig, „Sie sehen laut aus.“

Ich atmete tief ein und überlegte, wie ich mit meinen Jeans und meinem schlabbrigen Pullover laut aussehen konnte. Die Nachbarin hob abfällig die Nase. „Sie sehen laut aus“, wiederholte sie.

„Wenn die These stimmen würde, dann müssten Sie noch viel unfreundlicher aussehen, so wie Sie mit mir reden“, entgegnete ich, weil mich das neue Apartment und die aufdringliche Nachbarin einfach nur nervten.

Vor ein paar Stunden war doch alles wieder aufwärts gegangen, dachte ich erschöpft, während ich meine neue Bruchbude betrachtete und meine Nachbarin ignorierte.

Nachdem ich Flo getroffen hatte und sie mir im Schnelldurchlauf die Universität (Hörsäle, Sekretariat, Seminarräume, Bibliothek) gezeigt hatte, hatte sich ein Gefühl der Hoffnung im mir breit gemacht. Alles hatte sich richtig angefühlt und ich war stolz, den ersten Schritt getan zu haben und gleich in die Stadt aufgebrochen zu sein.

Mike hatte in der Zwischenzeit meinen Wagen wieder fit gemacht und ich war mit dem Reserverad zu einer nahegelegenen Werkstatt gefahren, die mir einen neuen Reifen montiert hatte (natürlich stand diese Ausgabe nicht auf meinem Kostenplan, aber da ich mir ohnehin einen Job suchen musste, verbuchte ich die Sache unter unkalkulierbare Aufwendungen, die nun mal passierten).

Tatsächlich war ich danach so naiv gewesen, zu glauben, dass alles gut werden würde, dass meine Flügel sich gerade ausbreiteten und ich zum Flug ansetzte – bis ich das Apartment sah, und mit einem Knall auf dem harten Boden der Realität landete.

„Keine Musik nach acht Uhr“, murrte meine neue Nachbarin hinter mir, drehte sich um und verschwand genauso schnell, wie sie aufgetaucht war.

Ich ließ mich neben meinen Umzugskartons auf den dreckigen Boden sinken und es war mir egal, ob meine Jeans Flecken bekam. Wenigstens passte ich dann noch besser zu der Wohnung, dachte ich und versuchte die Tränen, die aus mir herauswollten, wegzublinzeln. Vielleicht war es besser, einfach wieder nach Hause zu fahren? Vielleicht war diese Stadt einfach nichts für mich?

Vorsichtig zog ich meine Liste aus meiner Jeans, entfaltete das Papier und las mir Punkt eins wie ein Mantra immer und immer wieder durch. „Esther, du wirst nicht nach Hause gehen. Du wirst die Sache durchziehen, egal wie scheiße es auch sein wird, du wirst nicht aufgeben.“

Ich atmete tief durch und wusste, dass ich es versuchen musste, das war ich mir und meinen Eltern schuldig. Zumindest einen Monat würde ich durchhalten, erklärte ich mir selbst, als meine Augen über den peinlichsten Punkt meiner Liste huschten und ich die aufkeimende Angst hinunterschluckte.

***

„Das hört sich grauenvoll an. Na, zum Glück haben wir uns hier im Café getroffen und nicht bei dir“, sagte meine Cousine und schlürfte an ihrem Cappuccino.

„Danke, du baust mich so richtig auf“, entgegnete ich und ließ mich auf dem bequemen lilafarbenen Sofa zurückfallen.

„Esther, du machst das schon. Du bist eine Kämpferin“, sagte Amy und band ihre Haare zu einem Knoten zusammen.

„Du sprichst von dir“, entgegnete ich. „Diese Stadt kann mich nicht leiden. Zuerst dieser Platten, dann diese Wohnung.“

Amy lächelte und rückte ihre schwarze Brille zurecht. „Das liegt nicht an der Stadt.“

„Super, dann liegt es also an mir“, schnaufte ich und kniff amüsiert die Augen zusammen. „Solltest du als Ärztin nicht mehr Empathie besitzen und mich einfühlsam bemitleiden?“

„Assistenzärztin – und du bist keine Patientin, Esther – auch wenn du dich wie eine benimmst.“

Ich nippte an meiner großen Tasse Chai Latte. „Ein bisschen Selbstmitleid ist doch okay, oder?“

Amy wiegte den Kopf hin und her und deutete mit Daumen und Zeigefinger einen kleinen Abstand an. „Aber nur ein bisschen.“

„Ich versuch es“, seufzte ich und blickte mich in dem halbleeren Café um, dessen Einrichtung hauptsächlich aus lilafarbenen Sofas und roten Couchsesseln bestand. Die dunkelhaarige Bedienung diskutierte gerade mit einem glatzköpfigen Typen, der wie ihr Chef aussah, und schenkte uns keine Beachtung.

„Soll ich uns noch zwei Gläser Wasser holen?“, fragte ich Amy, da ich Durst hatte.

„Gerne.“

Als ich zum Tresen ging, wurde die Diskussion immer lauter. Schließlich schrie die dunkelhaarige Frau: „Du kannst mich nicht feuern, denn ich kündige!“, drehte sich um, stapfte durch das Café und schlug die Tür hinter sich zu. Das übliche Stimmengewirr erlosch und alle Gäste blickten Richtung Tresen.

„Das kannst du nicht machen“, sagte ein schlaksiger Angestellter mit hellbraunen strubbeligen Haaren.

„Und wie ich das kann“, erklärte ihm der glatzköpfige Mann grimmig. Er drehte sich zu mir um und hielt kurz inne. Doch es schien ihm nicht peinlich zu sein, was gerade passiert war – er schien eher über etwas nachzudenken.

„Du siehst ganz ordentlich aus“, sprach er mich an. „Du kannst sicher auch Kaffee machen – das schafft ja jeder Depp.“ Seine Knopfaugen fixierten mich. „Wenn du willst, kannst du morgen anfangen.“

Ich sah ihn skeptisch an. „Wenn du netter wirst, könnte ich vielleicht wollen.“

2 Thoughts on “Esther – fünf

  1. Claudi on 1. März 2016 at 17:12 said:

    Wunderbar erfrischend – mein Tag ist gerettet! =)

    Noch 24 Tage!! *Vorfreude*

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