Esther – fünfundzwanzig

 

Der Typ starrte mich intensiv an. „Haben wir …“ Er räusperte sich. „Haben wir uns schon mal irgendwo gesehen?“ Der Blick aus seinen blauen Augen machte etwas mit mir und ich hatte das Gefühl, es war mehr als nur ein blöder Anmachspruch, ich hatte das Gefühl, er meinte das wirklich ernst.

Mein Herz schlug noch immer wie verrückt und ich war so nervös wie schon lange nicht mehr.

„Sicher nicht“, sagte ich rasch und hätte mir im nächsten Moment am liebsten auf die Zunge gebissen. Warum sagte ich so etwas? Hastig nahm ich die Münzen entgegen, die er in der Hand hielt. Dabei berührten sich unsere Finger und ich fühlte, wie mir die Hitze in die Wangen schoss. Verdammt, was war nur los mit mir? Mal ehrlich, sooo toll sah er ja nun auch wieder nicht aus, obwohl ich auch das Gefühl hatte, ihn schon mal irgendwo gesehen zu haben.

Rasch wandte ich den Kopf ab.

„Wollen wir das ändern … Ich meine, ich würde das gern ändern“, sagte er mit einem schiefen Lächeln.

Ich konnte nicht anders, als ihn anzustarren, und in dem Moment spürte ich Gregs Blick auf mir, der mit versteinerter Miene den Espresso zubereitete.

„Sag jetzt bloß nicht, das ist dein Freund“, raunte der Fremde und seine tiefe Stimme jagte mir einen Schauer über die Haut.

„Nein – ich …“, ich atmete tief ein, „tut mir leid, ich muss jetzt wirklich weiterarbeiten.“ Bemüht höflich nahm ich Blickkontakt mit dem korpulenten Mann hinter dem Typen auf, aber er rührte sich nicht von der Stelle.

„Wie heißt du?“, fragte er mich.

„Esther“, antwortete ich leise und hoffte, dass Greg aufhören würde, mich mit Blicken zu erdolchen.

„Ihr Espresso ist fertig“, fauchte Greg und knallte den Kaffee unsanft auf den Tresen.

„Ich nehme gleich noch einen“, gab der Fremde unbeeindruckt zurück und ignorierte das tiefe Seufzen hinter sich.

„Noch einen Espresso?“, fragte Greg genervt.

Er schüttelte den Kopf. „Mach lieber zwei Chai Latte draus. Extra groß, extra Milch, extra Milchschaum, extra Zucker und extra Zimt.“

Gregs ganzer Körper spannte sich an und ich musste mir mit aller Gewalt auf die Zunge beißen, um nicht zu lachen.

Der Typ mit den blauen Augen wartete, bis Greg sich wieder zur Kaffeemaschine umgedreht hatte und schob mir eine Serviette über den Tresen. „Schreib mir deine Nummer auf.“

Es war nicht das erste Mal, dass ein Mann mich um meine Nummer bat, aber Himmel, mein Herz hatte dabei noch nie so verrückt gespielt.

„Und bis ich es mache, bestellst du die ganze Karte rauf und runter?“, fragte ich bemüht ruhig und zog eine Augenbraue hoch.

Er grinste mich an und dann passierte etwas, was sonst eigentlich nur ganz selten passierte: Ich handelte spontan. Ohne auf Gregs giftige Blicke zu achten, nahm ich den Kugelschreiber, der neben der Kassa lag und schrieb meine Nummer auf die Serviette. Dabei fühlte ich seine blauen Augen auf mir und war froh, dass meine Hand nicht zitterte.

„Was ist denn hier los, macht einer von euch vielleicht mal eine zweite Kassa auf“, schnappte mein Chef, der eben aus dem Hinterzimmer kam, in mein Ohr und ich fuhr zusammen.

Der Typ mit den blauen Augen grinste mir zu, griff nach der Serviette und seinem Espresso und verließ den Laden. Ich bemühte mich, ihm nicht zu auffällig hinterher zu starren, während ich den Schein in die Kasse stopfte, den er für die beiden Chai Latte liegen gelassen hatte.

„Hier bitte. Zwei Chai Latte, extra groß, extra Milch, extra Milchschaum, extra Zucker, extra Zimt“, knurrte Greg und stellte die Getränke neben mir auf den Tresen, bevor er sich dem nächsten Gast in der Schlange zuwendete.

Ich nippte an dem viel zu süßen Getränk und musste lächeln. Dann fragte ich die nächste Kundin nach ihren Wünschen und obwohl mich zwei junge Mädchen die ganze Zeit über seltsam ansahen, während sie irgendwelche Nachrichten in ihre Handys tippten, konnte ich nicht anders, als mich beschwingt und leicht zu fühlen, während ich nur an die blauen Augen denken konnte.

2 Thoughts on “Esther – fünfundzwanzig

  1. Carmencitha on 19. Juli 2016 at 16:35 said:

    Oh, das ist so schön und romantisch…. leider bleibt es ja nicht so. Wie man aus dem Buch der 8 Sinne weiß.

    • Rose Snow on 20. Juli 2016 at 8:09 said:

      Guten Morgen! Wir wollen ja nicht zu viel verraten … aber wir haben den Blogroman absichtlich “Eric & Esther – Was wäre, wenn …” getauft :)) Viele Grüße, Carmen & Ulli

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