Esther – neunundvierzig

Die Polizei führte Eric vor meinen Augen ab, während die Leute einfach nur rundherum standen und alles filmten. Ich wollte irgendwas tun, aber da war nichts, was ich tun konnte, einfach gar nichts. Ich konnte nur zusehen, wie sie seinen Kopf mit einer routinierten Bewegung nach unten drückten, bevor sie ihn ins Polizeiauto bugsierten, und dann mit ihm davonfuhren. Die Sanitäter, die gekommen waren, um den anderen Typen zu versorgen, packten ihn in den Krankenwagen und fuhren auch davon. Ich starrte ihnen hinterher und konnte nicht glauben, was in der kurzen Zeit passiert war.

Wie hatte die Situation nur dermaßen aus dem Ruder laufen können?

Die Polizisten hatten meine Personalien aufgenommen, also gab es für mich nichts weiter zu tun. Ich versuchte, die neugierigen Blicke der Leute zu ignorieren, als ich mich an ihnen vorbei zu meinem Haustor kämpfte und aufschloss.

Dann floh ich durch das kühle Treppenhaus in das obere Stockwerk, bis zu meiner Wohnung, und atmete erst wieder richtig durch, als ich in meinem Vorzimmer stand und die Tür hinter mir doppelt und dreifach verriegelt hatte.

 

Ich ließ die Tasche von meiner Schulter gleiten und ging die paar Schritte bis ins Wohnzimmer. Ein kurzer Blick aus dem Fenster bestätigte mir, dass sich der Menschenauflauf noch immer nicht aufgelöst hatte, obwohl es ja nun nichts mehr zu sehen gab. Ich bildete mir ein, dass ein paar zu mir nach oben sahen und trat schnell vom Fenster zurück, um mich auf die Couch zu setzen.

Ich zitterte am ganzen Körper, wahrscheinlich eine Folge des Schocks, und mein Ellbogen tat mir weh. Ich hatte mich damit bei dem Sturz abgefangen und wahrscheinlich war er aufgeschürft, aber ich hatte keine Energie, um nachzusehen.

Ich hatte überhaupt keine Energie – ich saß einfach nur so da und die Gedanken huschten in Form von wirren Bildern durch meinen Kopf. Ich sah Eric und den Blick in seinen Augen, als ich ihm das T-Shirt über den Kopf gezogen hatte. Ich sah seine Tätowierung wieder vor mir, sah diesen beinahe ehrfürchtigen Ausdruck in seinen Augen, als wir miteinander geschlafen hatten, und eine Träne tropfte von meiner Wange. Es hatte sich nach Liebe angefühlt. Es hatte sich nach Liebe und etwas Großem angefühlt, und dann war er abgehauen.

Und jetzt? Er war extra zu meiner Wohnung gekommen, um mit mir zu reden und ich wusste selbst nicht, ob das, was ich auf der Straße zu ihm gesagt hatte, der Wahrheit entsprach.

Konnte ich mich nicht auf ihn einlassen, oder wollte ich nicht, weil ich einfach zu viel Angst davor hatte, wieder verletzt zu werden?

Mein Handy klingelte.

Ich fühlte mich zu erschöpft, um jetzt aufzustehen und es aus der Tasche zu holen, also blieb ich sitzen. Es klingelte unaufhörlich weiter, aber ich wollte jetzt mit niemandem reden, wollte nicht hören, dass ein Video von mir wahrscheinlich schon im Netz kursierte, ich hatte einfach keine Lust darauf. Ohne auf das Klingeln zu reagieren, rollte ich mich auf dem Sofa zusammen und zog die Beine an meine Brust. Ich wollte hier einfach ein bisschen liegen bleiben, nichts weiter. Ich war unglaublich müde, was kein Wunder war, nachdem ich die letzte Nacht kaum ein Auge zugetan hatte.

„Halt doch einfach die Klappe“, sagte ich leise zu meinem Handy und tatsächlich verstummte es. Dann fielen mir die Augen zu.

 

Ich wurde von dem Rattern meiner Türklingel geweckt. Desorientiert fuhr ich in die Höhe und fühlte einen schmerzhaften Stich in meinem verletzten Ellbogen. Verwirrt blickte ich mich um. Ich musste ein paar Stunden geschlafen haben, denn es hatte sich eine diesige Dämmerung über das Zimmer gelegt. Wieder klingelte es an meiner Tür und dann hörte ich Flos Stimme nach mir rufen und kam wackelig auf die Beine.

 

„Oh mein Gott, wie siehst du denn aus?“, flüsterte Flo, als ich ihr die Tür öffnete. Ich hatte keine Ahnung wie ich aussah und zuckte nur mit den Schultern. Sie machte einen schnellen Schritt herein und umarmte mich spontan. Es überrumpelte mich ein wenig, aber es fühlte sich trotzdem gut an und wischte die letzten Nachwirkungen unseres Telefonstreits einfach weg.

„Es tut mir so leid“, murmelte sie an meinem Ohr.

„Was genau?“, fragte ich matt.

Sie löste sich von mir. „Alles, Esther. Ich habe die Videos im Internet gesehen. Und ich habe seine Stellungnahme dazu gelesen. Ich hätte echt niemals gedacht, dass er so etwas tun würde.“

Ich runzelte die Stirn und merkte, wie mein Herz schneller schlug. Meine Kehle fühlte sich plötzlich ganz trocken an. „Was hat er dann getan?“

5 Thoughts on “Esther – neunundvierzig

  1. Steffi on 4. Januar 2017 at 13:05 said:

    Oh man, ihr beide seid nicht nur sehr kreativ, sondern auch so ein kleines bisschen sadistisch -.- Wie soll man es denn jetzt bis Freitag aushalten?!

  2. Susi on 4. Januar 2017 at 22:47 said:

    Hab Groupie wider Willen verschlungen um wieder alles aufzufrischen und kann es kaum erwarten wie es weitergeht. Auch die Kurzgeschichte 8 Sinne konnte die Wartezeit nur unmerklich verkürzen. Ihr schreibt einfach total mitreißend und spannend!

  3. Rose Snow on 5. Januar 2017 at 17:59 said:

    Danke ihr zwei, das freut uns total 🙂
    Morgen geht es schon wieder weiter!! Und natürlich arbeiten wir schon am nächsten Band der „Acht Sinne“

    Liebe Grüße, Carmen & Ulli

  4. Daniela on 5. Januar 2017 at 19:54 said:

    *.* Hab das Buch gelesen und bin jetzt ganz gespannt wies weitergeht nach Kapitel 50. 😀 Sehr toll geschrieben. Bin ehrlich begeistert :*

  5. Anne on 9. Januar 2017 at 18:36 said:

    Ich freue mich seeehr!! Ich habe „Groupie wider Willen“ als e-book gelesen und war sehr traurig, dass das Buch jetzt schon zu Ende ist. Umso mehr freue ich mich, dass es hier weiter geht!!!!
    Natürlich bin ich auch schon seeehr gespannt auf den nächsten Teil der 8 Sinne Reihe. Die Bücher habe ich auch verschlungen;)

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