Esther – sechzehn

„Also, was ist mit dem Bild?“, fragte Flo während ich sanft über die Zeichnung strich.

„Das habe ich vor langer Zeit von einem Jungen geschenkt bekommen“, murmelte ich und dachte an die damalige Begegnung zurück.

„Ein besonderer Junge“, sagte Flo langsam und grinste. „Einer der dir das Herz gestohlen hat?“

Ich schüttelte den Kopf und betrachtete Flo, die eine graue Jeans und einen roten Uni-Sweater trug.

„Sag, wolltest du nicht eigentlich lieber weggehen?“, fragte ich und musterte sie. „Du musst nicht hier bei mir bleiben, wenn du Party machen und die Welt erobern willst …“

Flo ließ sich auf meiner alten Couch nieder. „Warum soll ich die ganze Welt erobern, wenn ich hier mit dir abhängen kann?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Mann, Ester. Ich kann dich doch hier nicht so rumsauern lassen.“

„Rumsauern? Das ist kein Wort.“

„Doch“, Flo verschränkte die Arme vor der Brust wie eine Vierzehnjährige, „das ist ein Wort. Sogar ein verdammt treffendes. Du sauerst hier rum.“

Ich setzte mich zu ihr und schob mir ein Kissen hinter den Rücken. „Okay, ich werde es zwar bereuen, das gefragt zu haben – aber was meinst du damit?“

Flo machte einen tiefen Atemzug. „Du sitzt in deiner“, sie blickte sich im Raum um, „wirklich miesen Wohnung – ich weiß, du hast sie schon verschönert, aber sagen wir so: Sie hat noch Potenzial. Also, du sitzt in deiner Wohnung, anstatt nach draußen zu gehen, mit mir abzufeiern und dich von süßen Jungs anflirten zu lassen. Du versauerst wie eine Zitrone, die man im Obstkorb unter den Äpfeln vergessen hat. Mensch Esther, du bist jung und hübsch, du solltest deine Abende nicht mit einem Kater verbringen. Du musst raus.“ Sie setzte sich auf ihre Knie und rief voller Inbrunst: „Du musst hier raus!“

Ich lachte und verdrehte die Augen. „Ich will aber nicht raus. Mir gefällt es langsam hier.“

„Hier?“ Flo hob zweifelnd die Augenbrauen und scannte den Raum. „Gut, deine Ansprüche sind nicht besonders hoch“, erklärte sie. „Das ist bei der Männerwahl schon mal gar nicht so verkehrt. Für den Anfang. Und nur um Spaß zu haben, versteht sich.“

Ich schüttelte den Kopf. „Flo, ich habe keine Lust auf irgendwelche Affären. Nach der Sache mit Tim habe ich eigentlich überhaupt keine Lust auf irgendwelche Männer.“

Flo riss die Augen auf. „Auf niemanden?“, fragte sie ungläubig und kramte eine Zeitschrift aus ihrer Tasche. „Das glaube ich dir nicht. Jeder hat Lust auf irgendwen. Schau mich an“, sagte sie und hielt mir das Magazin hin, auf dessen Cover der Typ von NEBEN war. „Für ihn hier würde ich sterben, der ist so heiß“, sagte sie theatralisch, blätterte in der Zeitschrift und las laut vor:

 

„Die Band NEBEN ist ein Phänomen unserer Zeit. Schlagartig haben sie nicht nur die Charts erobert, auch die Herzen der Fans sind ihnen gewiss. Vor allem Sänger Eric Adams bringt die Frauen zum Kreischen, und wenn er auf der Bühne steht, fliegen ihm nicht nur Telefonnummern und Heiratsanträge, sondern auch BHs massenweise zu. In letzter Zeit ist er auch wegen seinen Unfällen und Affären in der Presse. Wir hatten das Glück, den Mann zu treffen, der die Herzen reihenweise bricht, um mit ihm über Musik, seine Tattoos und seinen derzeitigen Beziehungsstatus zu sprechen.“

 

„Wie kannst du den Typen heiß finden?“, fragte ich, nachdem ich das Interview gelesen hatte. „Der ist doch total kaputt. Der genießt den Ruhm und glaubt, dass er der coolste Typ aller Zeiten ist.“

Flo seufzte. „Das ist er ja schließlich auch. Das Konzert wird der Hammer, Esther, ich freu mich schon riesig darauf.“

Sie stand auf. „Hast du eigentlich Chips hier?“

Ich nickte. „In der Küche.“

„Ich hole uns mal welche“, sagte Flo und kam wenig später mit einer Tüte zurück.

„Heute gehen wir es mal ruhig an, ich gönne dir diesen Abend“, erklärte sie und ließ sich neben mich auf die Couch fallen, „aber morgen müssen wir dich unter die Leute bringen.“

„Ich war letztens unter Leuten, Flo. Ich arbeite in einem Café, ich bin immer unter Leuten“, widersprach ich.

Sie schüttelte vehement den Kopf und ihre rotblonden Locken flogen wild umher. „Ich meine das anders. Du musst raus, du musst hier raus, Esther! Du musst Typen treffen, du musst Tim aus deinem Kopf bekommen, ein für allemal.“

„Ich habe ihn gar nicht mehr in meinem Kopf“, erwiderte ich trotzig.

„Das trifft sich gut“, sagte sie. „Wäre sonst auch blöd wegen morgen.“

Ich runzelte die Stirn. „Was ist morgen?“, fragte ich vorsichtig und hatte schon eine böse Ahnung.

„Du hast ein Date“, erklärte Flo feierlich und strahlte mich an.

„Ein DATE?“, wiederholte ich. „Flo du kannst doch kein Blind Date für mich ausmachen!“

Sie zuckte nur mit den Schultern. „Habe ich ja auch nicht.“ Dann machte sie eine kurze Pause. „Es geht nicht um ein Date“, sagte sie grinsend. „Ich hab dich fürs nächste Speeddating angemeldet.“

 

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