Esther – siebenunddreißig

Einen wunderschönen Moment lang sahen wir uns gegenseitig in die Augen. Er sah verletzlicher aus, als damals beim Coffeeshop – verletzlicher und irgendwie jünger. Sein Gesicht war von einem dunklen Bartschatten bedeckt und ich sah, wie er die Gitarre noch immer umklammerte, als hinge sein Leben davon ab.
In dem Moment realisierte ich erst so richtig, was passiert war. Ich war aufgewacht. Ich war wieder zurück.
„Ich … bin gleich wieder da“, hörte ich ihn sagen, und dann knallte er die Gitarre gegen die Wand und war mit großen Schritten aus dem Zimmer draußen. Enttäuscht sah ich ihm nach. Ich hätte so gern mit ihm geredet, hätte ihm so gern gesagt, wie sehr mir sein Lied gefallen hatte, hätte ihn so gerne gefragt, wieso er mich nicht angerufen hatte. Ich wollte alles über ihn wissen, wollte ihn kennenlernen, diesmal richtig und ich wollte keine Zeit verlieren.
Das Leben konnte so unglaublich schnell zu Ende sein.
Draußen hörte ich Eric etwas sagen und dann hörte ich die Stimme meiner Mutter und keine drei Sekunden später rannte sie ins Zimmer und blieb wie angewurzelt vor meinem Bett stehen.
„Esther … Schatz …“, flüsterte sie und ich sah, wie ihr die Tränen auf beiden Seiten über die Wangen liefen. Ihr Körper bebte, dann schlug sie sich die Hand vor den Mund und ein tiefes Schluchzen kam aus ihrer Kehle.
„Mama“, krächzte ich und im nächsten Moment war sie bei mir und bedeckte mein Gesicht mit Küssen und dann war plötzlich das ganze Zimmer voll mit Ärzten und Krankenschwestern und ich spürte, wie mein Vater mir über den Kopf strich, doch der Einzige, der nicht hier war, der Einzige, nach dem ich umsonst Ausschau hielt … war Eric.

***

Es war anstrengend, wieder zurück ins Leben zu finden. Das Aufwachen war so mühelos gewesen, dass ich es gar nicht richtig mitbekommen hatte. Das Wachsein hingegen forderte meine ganze Stärke. Ich war nur etwa zwei Wochen im Koma gelegen, aber mein Körper war trotzdem unglaublich geschwächt. Am Anfang schaffte ich es nicht einmal alleine auf die Toilette und es war beschämend, in eine Bettpfanne zu pinkeln oder ständig jemanden um Hilfe bitten zu müssen.
Der Moment, als ich das erste Mal wieder selbstständig unter der Dusche stand und mich mit Unmengen an Schaum einseifte, war einer der besten im Krankenhaus.
Flo und meine Eltern kamen mich regelmäßig besuchen und Flo erzählte, dass sie immer wieder Paparazzi vor dem Krankenhaus herumlungern sah, die anscheinend auf Eric warteten. Ich verbiss mir den Kommentar, dass sie damit nicht allein waren. Meine Tage waren voll mit Untersuchungen und Reha, doch mein Kopf war nur voll mit Eric.
Ich vermisste ihn. Ich sehnte mich nach ihm, obwohl ich ihn doch gar nicht wirklich kannte. Trotzdem versuchte ich mir einzureden, dass es an den Fotografen lag, dass er mich nicht mehr besuchte, während mein Herz jeden Tag ein bisschen weniger daran glauben konnte.

„Er war so oft hier“, sagte Flo und strich mir mit der Bürste über die Haare. „Glaub mir Esther, das hätte er nicht gemacht, wenn du ihm nichts bedeuten würdest.“
Es war schon Abend und die Lichter der Skyline waren durch mein Fenster zu sehen.
„Er hat einen Song für mich geschrieben“, sagte ich, weil ich einfach etwas sagen wollte, was sich gut anfühlte.
„Den hätte ich gern gehört“, sagte Flo. Dann grinste sie. „Nein, eigentlich nicht. Ich bin noch immer nicht ganz darüber hinweg, dass du dir Eric Adams aufgerissen hast.“
Ich schmunzelte. „Ich hab ihn nicht aufgerissen, Flo.“
„Oh doch, genau so nennt man das“, widersprach sie amüsiert. „Hör zu, wenn ihr mal Sex habt, dann musst du mir jede einzelne Sekunde davon erzählen.“
„Flo!“, entfuhr es mir kichernd. Im nächsten Moment kamen wieder die Zweifel zurück. „Ich werde wahrscheinlich nie Sex mit ihm haben“, murmelte ich.
„Oh nein“, sagte Flo und sah mich streng an. „Nicht die Selbstmitleids-Nummer. Du wirst mit ihm Sex haben und du wirst mir davon erzählen.“
„Mit wem wirst du Sex haben?“, fragte plötzlich eine männliche Stimme von der Tür.

5 Thoughts on “Esther – siebenunddreißig

  1. Oh Mann, ihr macht es aber spannend. Und jetzt muss ich mich bis Freitag gedulden. Ahhhh!

    Ihr macht das großartig! Danke!
    Viele Grüsse
    Su

  2. Sabine Hennrich on 11. Oktober 2016 at 11:33 said:

    AAAAAAAAAAAAAAAAAAAArrrgghhhhhh
    müsst ihr immer im spannendsten Moment aufhören……………………..
    da wartete man die ganze Woche, nun ja fast die ganze Woche, wie es weitergeht, hofft, bangt… Mensch Kerl, komm doch endlich mal vorbei und besuche sie….

    und dann sagt eine männliche Stimme…..

    Und aus ist der Blog für diesen Tag….
    So was nenne ich moderne Folter ; – )
    weiter so…. freu mich auf Freitag!!!

  3. celina on 11. Oktober 2016 at 18:07 said:

    wehe es ist Tim oder ihr dad, der da in der Tür steht

  4. omg ich liebe euren blog so sehr!! ich hab kein besseres buch oder geschichte gelesen als dass und auch ich bin soo mega gespannt auf den nächsten teil 😉 macht weiterso!! 🙂 🙂

    ps. schaut mal auf eurem youtubekanal nach ich hab in irgendeinem video ein kommentar mit einer spitzen idee hinterlassen 😉
    lisa

  5. Rose Snow on 12. Oktober 2016 at 15:35 said:

    Liebe alle, vielen Dank für eure Kommentare! Wir lieben es, wenn ihr mitfiebert – nur noch 2x schlafen, dann geht es weiter!!
    Alles Liebe, Carmen & Ulli

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