Esther – vier

Ich drehte mich um. Hinter mir stand ein großer Mann mit dunklen Locken und einem fetten Grinsen im Gesicht. Seine Haut war gebräunt und mit seinen breiten Schultern sah er aus wie einer der Quarterbacks, die mein Vater immer im Fernsehen anfeuerte, einer von denen, die von der Defense nicht so schnell umgeworfen werden konnten. Seine hellen Augen funkelten belustigt, als sie Richtung Randstein wanderten. Lachte der Typ mich gerade aus?

„Nein, danke – ich brauche keine Hilfe“, ging ich auf seine Frage ein und straffte die Schultern. „Ich parke immer so ein.“ Vielleicht war es nicht besonders höflich, aber ich hatte gerade keine Lust auf irgendeine neue Bekanntschaft, ich hatte gerade keine Lust auf höflich, ich hatte keine Lust auf einen Retter in der Not, auf einen grinsenden Quarterback – ich hatte überhaupt keine Lust auf irgendeinen Mann.

„Das mit dem schnellen Einparken kenne ich. Spart Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben“, sagte in dem Moment eine junge Frau lächelnd. Sie trug eine bunte Bluse und war hinter dem Quarterback zum Vorschein gekommen. Ihre rotblonden Locken wippten bei jeder ihrer Bewegungen und die Grübchen in ihrem Gesicht wirkten freundlich und frech zugleich. Sie schlug dem Quarterback-Typen spielerisch auf die Schulter.

„Hey, Mike. Jetzt steht doch nicht so rum. Mach das, was Männer in so einer Situation … eben so tun.“

„Schon gut, schon gut“, entgegnete Mike und trat hinter das Auto, um den Kofferraum zu öffnen.

„Ich komme schon allein zurecht“, sagte ich schnell, obwohl ich genau wusste, dass ich allein in einer fremden Stadt war, die ich nur von ein paar Wochenendausflügen kannte und einen Platten hatte, den ich wiederum nur aus Werbespots mit sexy Anhalterinnen kannte.

„Der macht das schon“, wisperte mir die Frau zu. „Mike ist in solchen Sachen talentiert, der stellt sich sicher geschickt an. Ich bin übrigens Flo und du bist …?“

Ich beobachtete, wie Mike den Reservereifen aus meinem Kofferraum hievte und dann ganz fachmännisch begann, den Wagenheber zu positionieren.

„Ich bin … überrascht über diese enorme Hilfsbereitschaft“, antwortete ich auf Flos Frage und lächelte sie an. „Mein Name ist Esther.“

„Schön, dich kennenzulernen, Esther“, sagte Flo und lächelte zurück. „Bist du neu hier?“

Ich nickte und strich mir eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Sieht man, oder?“

Flo schüttelte den Kopf und zwinkerte mir zu. „Nein, so schlimm ist es nicht.“ Mit dem Kinn deutete sie auf meinen Fiat. „Dein Kennzeichen verrät, dass du nicht aus der Stadt bist. Studiert du hier?“

Ich blickte zu dem riesigen grauen Gebäude, das vor uns aufragte und mit seinen zwei Glockentürmen mehr an eine italienische Basilika als an eine Universität erinnerte – hier würde ich von nun an meine Tage verbringen, hier würde ich Bücher wälzen und meinen Traum verwirklichen. Ich atmete tief durch und schwor mir feierlich, dass ich mich anstrengen und meine Eltern und mich selbst nicht enttäuschen würde.

„Ja, es ist mein erstes Semester. Ich wollte mich gerade für den Ethikkurs anmelden.“ Ich drehte mich zu meinem Fiat und dem helfenden Quarterback um und hatte ein schlechtes Gewissen, dass ich ihn vorhin so unfreundlich behandelt hatte.

„Mike, das ist furchtbar nett von dir, dass du mir hilfst, denn ich habe echt keine Ahnung, wie man einen Reifen wechselt. Kann ich dir trotzdem irgendwie zur Hand gehen?“, fragte ich, während sich Mike die Finger an seiner Jeans abwischte.  

„Zieh sicherheitshalber die Handbremse an und leg einen Gang ein, damit das Auto nicht wegrollt“, wies er mich an.

Nachdem ich das erledigt hatte, machte Mike routiniert mit dem Wagenheber weiter, so als würde er den ganzen Tag nichts anderes tun.

„Macht er das öfters?“, fragte ich Flo, die als Antwort mit den Schultern zuckte. „Keine Ahnung. Ich habe ihn erst vorhin kennengelernt.“

„Du hast ihn erst vorhin kennengelernt?“, fragte ich verblüfft.

Flo nickte und sah mich aus ihren braunen Augen an. „Ja, wieso?“

„Ich … also ich dachte, so wie ihr miteinander umgeht, kennt ihr euch schon länger.“

„So wie wir miteinander umgehen“, schmunzelte Flo. „Du meinst wohl eher, so wie ich mit ihm umgehe, oder?“

„Das hat du jetzt gesagt“, erwiderte ich und konnte nicht umhin, zu lachen.

Flo machte einen Schritt auf mich zu und sah mich verschwörerisch an. „Was hältst du davon, wenn wir Mike die Männersache hier erledigen lassen und ich dich erst mal in der Uni rumführe? Das hier ist zwar auch mein erstes Semester, aber da meine Schwester schon hier studiert hat, kenne ich mich ganz gut aus“, erklärte sie während ihre rotblonden Locken im Wind wehten. „Und die Sache mit dem Ethikkurs vergiss mal schnell wieder – der Typ, der die Vorlesung gibt, lebt Ethik nicht im Herzen.“

„Er lebt Ethik nicht im Herzen?“, wiederholte ich stirnrunzelnd.

„Ja – das ist ein Euphemismus für“, Flo senkte die Stimme, „er ist ein Grabscher.“ Dann seufzte sie theatralisch. „Ich sehe, ich muss dir noch ganz viel beibringen.“

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