Esther – vierunddreißig

Ich fühlte mich schwerelos. Es war, als hätte ich losgelassen, als wäre all das, was mich in meinem irdischen Körper und in meinem Leben festgehalten hätte, plötzlich nicht mehr von Bedeutung. Ich sah den Mann mit den blauen Augen, sah, wie er sich über mich beugte und verzweifelt etwas in den Regen und die Dunkelheit brüllte.

Sein Körper wirkte verkrampft und mir wurde bewusst, dass ich ihn aus einer ganz anderen Perspektive wahrnahm, dass ich nicht nur ihn, sondern auch mich selbst sehen konnte, wie ich da auf der nassen Straße lag. Mein Körper wirkte so klein ohne mich und ich fand es seltsam, auf mich hinabzublicken. Von einer Wunde auf meiner Stirn lief mir Blut übers Gesicht und meine Haut war ganz wächsern und bleich. Der Mann, der Typ aus dem Coffeeshop, der seine Hand auf meine Wange gelegt hatte, sah total verzweifelt aus und ich konnte gar nicht verstehen, warum. Mir ging es doch gut.

Ich fühlte mich unglaublich leicht und frei, ich fühlte mich besser als je zuvor. All meine Zweifel und Ängste waren wie fortgewischt, all das Belastende, Beschwerende meines früheren Lebens existierte nicht mehr. Da war nur noch ich, mein reines Ich, mein wahres Wesen. Ich fühlte mich strahlend und wunderschön.

Auf der Straße sammelten sich jetzt immer mehr Menschen um meinen zerschundenen Körper und dem Mann. Ich hörte eine Krankenhaussirene näher kommen … obwohl hören der falsche Ausdruck dafür war. Ich spürte es eher, es war, als könnte ich alles auf eine andere, ganz besondere Art und Weise wahrnehmen. Und in dem Moment, als ich das dachte, sah ich das Licht.

Es war ein gelbes Leuchten und es schien direkt aus meinem Brustkorb zu kommen. Fasziniert beobachtete ich den einzelnen gelben Funken, der langsam höher und höher stieg und dem sich noch weitere gelbe Lichter anschlossen. Sie schwebten aus meinem reglosen Körper empor und wurden dabei immer schneller und verspielter. Eine unbändige Sehnsucht packte mich, in dieses Licht einzutauchen. Ich wollte es spüren, wollte mich darin baden und ganz darin aufgehen. Obwohl ich keinen Körper mehr hatte, merkte ich, wie sich mein inneres Selbst darauf zubewegte. Es fühlte sich so richtig an, dass ich gar nicht darüber nachdachte.

Die Funken schossen jetzt immer schneller umeinander herum und ihre Bewegungen waren noch immer wunderbar verspielt und leicht. Sie tanzten durch die Luft wie ein Feuerwerk aus warmer, gelber Energie, das mich zu sich rief.

Je näher ich kam, desto stärker wurde der Sog und ich merkte, wie mein Interesse an allen anderen Dingen immer mehr an Bedeutung verlor.

Ich war bereit, diese Welt hier hinter mir zu lassen, zumindest ein Teil von mir war dazu bereit. Ein anderer Teil bemerkte noch immer die Verzweiflung auf dem Gesicht des dunkelhaarigen Mannes mit den blauen Augen. Dieser andere Teil bemerkte auch, dass ein Krankenwagen neben der Unfallstelle hielt und zwei Sanitäter daraus hervor sprangen. Sie trugen beide Uniformen und der eine kniete sich neben mir nieder, während der andere sich dem Mann mit den blauen Augen zuwandte und begann, irgendwelche Fragen zu stellen. Für einen Moment konnte ich sein Gesicht sehen, es wirkte abgekämpft und leer und sein Blick war so unglaublich verzweifelt, dass ich das Bedürfnis hatte, ihn zu trösten.

Er saß noch immer mitten auf der Straße, aber er war ein Stück zur Seite gerutscht, um den Sanitätern Platz zu machen. Der erste beugte sich gerade über mich und begann, mit beiden Händen in einem raschen Tempo auf meinen Brustkorb zu drücken. Ich spürte es nicht, ich fühlte nur den innerlichen Schmerz des Coffeeshop-Typens, der zu mir gerannt war. Seine blauen Augen starrten in den Himmel, als würden sie dort eine Antwort suchen, und mit jeder Sekunde, die verging, wurde die Dunkelheit in ihnen größer.

Diese Dunkelheit griff auch auf mich über, aber ich spürte, wie sie von dem gelben Licht vertrieben wurde. Das gelbe Licht, das mich lockte und zu sich rief, das gelbe Licht, dessen Leuchten immer mehr anschwoll und mit dem ich so gerne verschmelzen wollte.

Ich fühlte mich außerstande, dem verzweifelten, jungen Mann zu helfen, dem mein Tod anscheinend so nahe ging und wandte meine Aufmerksamkeit wieder dem Strahlen zu.

Es war richtig, hineinzugehen, das spürte ich.

Ich bewegte mich darauf zu und wurde umfangen von liebevoller Wachsamkeit.

Ich war bereit, den nächsten Schritt zu machen.

Ich war bereit, einzutauchen.

„Und weg!“, rief einer der Sanitäter auf der Straße.

Dann jagte ein fürchterlicher Schmerz durch meinen Körper, beginnend bei meinem Herzen, und das Licht wich tiefster Dunkelheit.

4 Thoughts on “Esther – vierunddreißig

  1. Anna-Lena on 20. September 2016 at 18:14 said:

    Wow…
    Und jetzt müssen wir wirklich mindestens bis Freitag warten? :/
    Oh je… Ich hoffe, dass alles gut wird 🙂

  2. Bitte sagt mir dass es noch nich zu Ende ist😱😞
    Grüße
    Chiara

    • Rose Snow on 23. September 2016 at 8:35 said:

      Nein, es geht noch weiter – und auch nächste Woche noch, und die Woche darauf etc. !! Viele Grüße & ein schönes WE, Carmen & Ulli

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