Esther – zwei

Als ich die Tür öffnete, wollte mein Herz nicht glauben, was mein Gehirn gerade verarbeitete. Das Keuchen und Stöhnen, das aus dem Schlafzimmer drang, gehörte eindeutig zu Tim und einer schwarzhaarigen Frau, die nackt auf ihm saß und ihre Hüften … ich weiß nicht, wie ich es schaffte, aber mein Kopf schien trotz des Anblicks noch immer zu funktionieren, denn die Optionen, wie ich nun reagieren könnte, ratterten durch mich hindurch:

 

  1. Ich könnte einfach weggehen und so tun, als hätte ich nichts gesehen. Ich könnte in die neue Stadt ziehen, mit Tim eine Wochenendbeziehung führen, während er unter der Woche nicht nur Rohre im klassischen Sinn verlegte.

 

  1. Ich könnte laut schreien und ihm eine Szene machen. Ich könnte die Lebensmittel, die ich mitgebracht hatte, auf die beiden schmeißen, ich könnte fluchen, kratzen und heulen und dann wieder fluchen, um danach wieder zu heulen und zu kratzen.

 

  1. Ich könnte das hier als Chance sehen, neu zu starten, neu anzufangen und einfach alles hier hinter mir lassen. Ich könnte einen supercoolen Spruch ablassen und mich dann einfach umdrehen und gehen, ich könnte die Tür hinter mir schließen, eine Tür, die ich nie wieder öffnen würde.

 

Für welche Option entscheidet man sich, wenn der Kopf noch immer überlegt und das Herz Ping Pong spielt?

Während ich so dastand und den beiden zusah – es waren nur ein paar Sekunden, aber sie fühlten sich nach einer Ewigkeit an – fasste ich einen Entschluss. Ich griff nach dem Baseball, der auf der dunklen Kommode neben mir lag und warf ihn mit einer kräftigen Bewegung auf Tims Kopf. Obwohl meine sportliche Kondition zu wünschen übrig ließ, war ich ein Ass im Werfen und traf.

„AUA!“, schrie Tim auf und auch die Schwarzhaarige wirkte irritiert, sodass beide ihre Bewegungsperformance stoppten.

Tim drehte den Kopf in die Richtung, aus der der Baseball gekommen war und sprang auf. „Esther? Esther, es ist nicht das …“

Ich sah ihn perplex an. „Es ist nicht das, wonach es aussieht? Also, Tim, wonach sieht es denn sonst aus?“ Ich war überrascht, wie ruhig meine Stimme klang.

„Also, ich …“, stammelte er, während er sich die Bettdecke über seinen nackten Körper zog und rot anlief. Die Schwarzhaarige wirkte erschrocken und begann, ihre Sachen vom Boden zu klauben und in ihre Kleidung zu schlüpfen.

„Also, du … ?“, machte ich unbeeindruckt weiter und versuchte, meine Stimme nicht zittern zu lassen, es war absurderweise so, als hätte ich einen Zeugen im Kreuzverhör.

„Ich. Es war. Es war“, stotterte er und kam mit hochgezogener Bettdecke auf mich zu. „Esther, es war nur ein Ausrutscher.“

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Du bist nackt in sie gerutscht?“

Er schüttelte den Kopf und fuhr sich durch die blonden Locken. „Nein, so meine ich das nicht. Ich meine, dass es irgendwie passiert ist, ach – ich weiß auch nicht genau wie.“

Ich zog eine Augenbraue hoch, atmete den Schmerz in meinem Herzen weg und versuchte, die Eindrücke zu verdrängen, die sich unerbittlich in meinen Kopf schoben. Etwas Nasses rollte mir über die Wange.

„Wie konntest du nur?“, fragte ich leise.

„Ich … ich“, er warf der Schwarzhaarigen einen Seitenblick zu, die mit geducktem Kopf an mir vorbeischlich. „Es war einfach der Moment. Es war mir zu viel. Esther, du gehst jetzt weg, du gehst weg von hier, weg von mir … wer weiß, ob du überhaupt noch zurückkommen wirst.“ Er presste die Lippen aufeinander und sah mich verzweifelt an.

„Ob ich zurückkommen werde? Ich dachte, dass genau das der Plan war. Wie hast du es so schön formuliert? Unser Band ist stärker, als jede Entfernung, was sind schon 300 Meilen, wenn man liebt, wenn man wirklich liebt?“ Die letzten Wörter kamen nur noch erstickt aus mir heraus. Tim machte einen Schritt auf mich zu und legte mir seine Hand auf den Arm.

„Esther -“, setzte er an, doch ich schüttelte den Kopf.

„Lass es, Tim“, sagte ich und schluckte. „Wenn man wirklich liebt, dann passiert das nicht.“

„Sag so etwas nicht, ich liebe dich doch – gib mir eine Chance, nur eine Chance. Die Tussi hat mir doch nichts bedeutet, es war nur schneller Sex …“

Ich schnaubte, wischte mir die Träne aus dem Gesicht.

„Leb wohl“, sagte ich, drehte mich um und ging. Sobald ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, rannte ich. Ich rannte so schnell ich konnte, die verdammten fünf Stockwerke wieder hinunter, ich rannte und wusste, was ich tun würde.

Ich würde springen. Sofort.

6 Thoughts on “Esther – zwei

  1. Angela on 10. Februar 2016 at 17:28 said:

    Super wie ruhig sie geblieben ist. Ich wäre ausgerastet. Super wie immer und freue mich aufs nächste mal. Liebe Grüße Angela

  2. Rose Snow on 10. Februar 2016 at 19:37 said:

    Liebe Angela, wir freuen uns auch schon, aber jetzt ist erstmal Eric dran 🙂 Viele Grüße, Carmen & Ulli

  3. Claudi on 10. Februar 2016 at 23:18 said:

    Persönlich hätte ich auch so reagiert.
    Der Schluss mit dem Springen war erst ein Schock, bis mir bewusst wurde, dass es metaphorisch gemeint war ^^;

    Mir gefällt der Blogroman, tolle Idee =)

    • Rose Snow on 11. Februar 2016 at 8:25 said:

      Liebe Claudi,
      vielen Dank für Dein Feedback – wir freuen uns total, wenn ihr Lust auf mehr habt!!
      Viele Grüße,
      Carmen & Ulli

  4. Ok auch hier finde ich erkennt man die Züge von Lee wieder.
    Toll geschrieben. Klasse wie ruhig Ester geblieben ist und es so cool beendet hat!
    LG Calia

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