Esther – zweiundzwanzig

„Hier noch ein wenig Puder“, bemerkte Flo und tupfte in meinem Gesicht herum wie ein professioneller Make-up-Artist. „Und hier etwas Lidschatten. Deine Augen, Esther – bist du dir überhaupt bewusst, was für tolle Augen du hast?“

Ich kicherte. „Machst du mich etwa gerade an?“

Flo sah mich herausfordernd an und stemmte ihre Hände in die Hüften. „Wenn ich ein Mann wäre, dann auf alle Fälle – aber mein Herz gehört nur einem …“, sagte sie lachend und drehte sich in meinem kleinen Bad um, um nach der Wimperntusche zu schnappen.

„Nach oben schauen“, befahl sie und begann, meine Wimpern zu tuschen. „Es ist ungerecht“, meinte sie wehmütig. „Warum hast du auch noch so lange Wimpern? Herrje, wer hat sich denn hier die Verteilung der weiblichen Attribute überlegt? Ich sage dir, wenn es einen Gott gibt, dann hat er keinen Sinn für Gerechtigkeit.“

Ich lachte. „Du übertreibst maßlos. Meine Augen sind total normal.“

Flo funkelte mich an. „Wusstest du, dass Bescheidenheit die schlimmste Form der Eitelkeit ist?“

Ich lachte und hob verteidigend die Hände. „Schon gut, schon gut. Ich höre ja schon auf.“

„Sprich mir nach“, sagte Flo und drehte mich auf dem kleinen Hocker zum Spiegel. „Ich habe tolle Augen.“

„Ehrlich?“

„Komm, sag schon“, wies sie mich an. „Ich habe tolle Augen.“

Ich seufzte. „Ich habe tolle Augen“, wiederholte ich lustlos.

„Und jetzt mit ein bisschen mehr Inbrunst.“

„Ich habe tolle Augen!“, schrie ich, um diese Sache schnell zu beenden und Flo zuckte kurz zusammen. „Super, du hast eine tolle Lernkurve!“, rief sie. „Aber ganz so laut muss es auch nicht sein. Du weißt ja: Laut mag deine Nachbarin nicht.“

„Das stimmt“, pflichtete ich ihr bei. „Laut gehört nicht in dieses Haus.“

Nach der Sache mit Tim und dem Cut an der Stirn, das die Nachbarin vor einigen Wochen mit Eiswürfeln und Cognac behandelt hatte, hatte sich unsere Beziehung deutlich verbessert. Wir grüßten uns am Gang und es gab kaum noch klopfende Besenhinweise von unten, wenn Flo und ich zu laut lachten oder die Musik zu stark nach unten dröhnte.

„Und jetzt kommt der Lippenstift“, sagte Flo und zückte einen hellen Roséton aus ihrer Schminktasche. „Mach mal den Mund so.“ Sie verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse.

„Wirklich?“

Sie nickte.

„Du weißt schon, dass ich mich selbst schminken kann, oder?“, fragte ich unschuldig.

Flo hob eine Augenbraue und sah mich skeptisch an. „Esther, ich habe gesehen, wie du dich schminkst.“ Dann machte sie eine Pause, die mir anscheinend irgendetwas sagen sollte.

„Und …?“, fragte ich nach, obwohl ich es besser hätte wissen sollen.

„Lipgloss kann nicht als Make-up bezeichnet werden.“

Gespielt beleidigt verschränkte ich die Arme vor der Brust. „Ich benutze auch Rouge“, konstatierte ich.

„Vielleicht unsichtbares, Esther. Aber wir verbringen heute einen legendären Abend mit endgeiler Musik und Bühnenlicht. Dafür benötigst du etwas mehr als Lipgloss und unsichtbares Rouge.“ Flo begann, mir den Lippenstift aufzutragen.

„Einen legendären Abend? Was hast du denn vor?“, fragte ich und wusste natürlich, wie sehr sie sich schon seit Tagen, schon seit Wochen auf das Konzert freute. Das konnte mir ja auch nicht entgehen, nachdem sie von nichts anderem mehr sprach.

„Was ich vorhabe? Wir werden diesen Abend genießen, wir werden dieses Hammerkonzert in vollen Zügen auskosten, wir werden voll in den Flow kommen und ich werde zum Flow der Band.“

Ich lachte. „Du willst zum Flow der Band werden?“

Sie nickte. „Selbstverständlich. Nicht umsonst heiße ich so. Aber eigentlich will ich nur zu Erics Flo werden.“ Sie grinste breit und ihre weißen Zähne blitzten. Flo trug ein enges schwarzes Kleid, das ihre Figur betonte, und braune Stiefel. Mit ihren wilden Locken sah sie lässig und cool zugleich aus.

„So und jetzt spitz mal die Lippen“, instruierte sie weiter und reichte mir dann ein Taschentuch. „Und jetzt abtupfen. Perfekt. Du siehst super aus, Esther.“

Ich betrachtete mein Spiegelbild. „Ganz okay.“

Flo schlug mir auf die Schulter. „Hey, das hier ist ein Gesamtwerk und meine Werke sind nie nur ganz okay.“

Ich schmunzelte. „Nein, entschuldige. Du hast das wirklich ganz toll gemacht.“

Flo nickte und ihre braunen Augen funkelten mich an. „Na geht doch“, sagte sie. „Und jetzt los. NEBEN wartet schon auf uns.“

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