Eric – 53

Sie blickte mich aus verschleierten Augen an und atmete zitternd ein. Dann lehnte sie sich vorsichtig in meine Richtung und küsste mich zart auf die Lippen. Es war der sanfteste Kuss, den ich je von einer Frau bekommen hatte und verflucht, sie hielt damit mein verkrüppeltes Herz in ihrer Hand. Es machte mir eine Scheißangst und gleichzeitig war es das Beste, was ich jemals erlebt hatte, besser als der Ruhm und die Kohle und die Drogen und der Sex, besser als die Groupies und die Autos und die Partys am Strand, besser als die Clubs und die Bars und die Palmen und das Meer, besser als alles, was ich in meinem beschissenen Leben jemals kennengelernt hatte – und das Wissen, dass ich jemanden wie sie eigentlich gar nicht verdiente und nichts dagegen tun konnte, wenn sie beschloss, mich zu verlassen, machte mich fertig.

Ich war echt am Arsch.

„Lass uns gehen“, flüsterte sie und dann war sie es, die mich aus dem Lift in Richtung Auto zog, und ich schob das ganze Weichei-Gesülze in meinem Kopf zur Seite und schwor mir, heute Nacht nur im verdammten Moment zu leben, wie ich es ja bisher auch getan hatte.

 

Ich wurde am nächsten Morgen von der Sonne geweckt. Sie fiel durch die dünnen Gardinen vor Esthers Schlafzimmerfenster und erinnerte mich daran, dass ich schon länger nicht mehr im Hotel übernachtet hatte. Die letzten Tage waren wir immer in ihrer Wohnung gelandet und ich wusste nicht, ob es nur an dem schwarzen Kater lag, der ohnehin kam und ging wie er wollte, oder daran, dass sie ihre Bruchbude meiner Suite vorzog.

Allerdings war es mir auch ziemlich egal, so lange ich ihren fantastischen Körper im Arm halten durfte. Und ihren Reaktionen von letzter Nacht zufolge, war das auch in ihrem Sinne.

„Hey“, hörte ich ihre leicht belegte Stimme in dem Moment und sah sie nur mit einem T-Shirt bekleidet am Türrahmen lehnen. „Woran denkst du?“

„Komm her und ich zeig’s dir“, gab ich mit einem Grinsen zurück und sie lachte.

„Keine Chance, Eric. Ich muss heute Nachmittag noch arbeiten, und wenn ich wieder zu dir ins Bett komme, kann ich das vergessen.“

„Schmeiß doch den Job“, erwiderte ich. „Du brauchst dort nicht hinzugehen. Ich kann dich doch unterstützen.“

„Mich unterstützen?“, wiederholte sie. „Nein, Eric, so läuft das nicht.“

Ich seufzte. „Was spricht denn dagegen, wenn du dich ganz auf dein Studium konzentrierst?“

Sie schüttelte den Kopf. „So vieles“, entgegnete sie inbrünstig. „Ich möchte es aus eigener Kraft schaffen. Du hast es ja schließlich auch aus eigener Kraft geschafft, oder nicht?“

Ich öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder. Die Diskussion konnte ich ohnehin nicht gewinnen.

„Okay. Darf ich dich wenigstens zum Frühstück einladen?“

Esther überlegte einen Moment und legte den Kopf leicht schief. „Ich wollte mich vor der Arbeit mit Flo zum Brunch treffen. Willst du mitkommen?“

Ich zog bei der Erwähnung ihrer verrückten Freundin eine Augenbraue hoch. „Krieg ich da noch Bedenkzeit?“

Sie schnappte sich kichernd ein Kissen und warf es nach mir. „So schlimm ist Flo auch wieder nicht.“

Ich schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Ich möchte ihr nur nicht in einer dunklen Gasse begegnen, wenn sie ihre Tage hat. Oder angepisst ist, weil ihr jemand zu wenig Zimt auf ihren Chai Latte getan hat.“

Esther lachte. „Jetzt hör aber auf. Erstens gebe ich ihr immer genug Zimt auf ihren Chai und zweitens ist sie momentan gut drauf, weil sie einen neuen Freund hat.“

„Aha“, sagte ich, schlug die Decke zurück und stand auf. Esthers Augen huschten über meinen nackten Körper und ich grinste, als ich ihren Blick bemerkte.

„Ganz sicher, dass du brunchen gehen willst?“, fragte ich mit tiefer Stimme nach und machte einen Schritt auf sie zu. „Wir können auch noch umdisponieren.“

Sie atmete hörbar ein und nickte. „Ich bin mir sicher“, erwiderte sie dann und sah aus, als müsse sie sich mit Gewalt davon abhalten, mich anzufassen. Gleichzeitig knurrte ihr Magen und ich spürte, wie meine Mundwinkel nach oben zuckten.

„Okay“, murmelte ich und machte mich auf den Weg zur Dusche. „In fünf Minuten können wir los.“

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