Eric – einundzwanzig

Ich wusste nicht, warum ich mich zu dem Scheiß hatte überreden lassen, vielleicht weil ich endlich mal wieder glückliche Leute sehen wollte, vielleicht weil ich Jayden auch mal selbst in den Schrank gesperrt hatte, als er mir auf den Sack ging, vielleicht weil ich dankbar war, dass Jayden das einfach vergessen hatte.

Ich war nach der Probe mit der Band schnell abgehauen, die Zeremonie hatte ich verpasst, aber als ich dann im Anzug vor dem Eingang des Festsaals stand und die Ansprache des Trauzeugens hörte, überlegte ich, einfach wieder umzukehren, tatsächlich war ich schon auf dem Weg nach draußen, als Jayden meinen Namen rief.

Ich presste die Lippen aufeinander, drehte mich um und nickte, was vielleicht nach einem schmerzverzerrten Lächeln aussah. Jayden hatte seinem Trauzeugen das Mikrofon aus der Hand gerissen und ich wusste echt nicht, welcher Teufel mich geritten hatte, hier aufzukreuzen.

Alle Leute starrten mich an, sie murmelten und ließen ihre Blicke über mich gleiten, als wäre ich eine Art beschissener Überraschungsgast – ein paar erkannten mich sofort. Eine Tussi rechts hinten quiekte freudig auf und eine andere begann einfach zu schreien.

„Eric“, wiederholte Jayden und machte ein paar Schritte auf mich zu. „Ich freue mich so, dass du es geschafft hast.“ Er drehte sich zu den rund hundert Gästen um, die an golddekorierten Rundtischen saßen und alle wie aus dem Ei gepellt aussahen.

„Ich glaube nicht, dass ich Eric vorstellen muss, oder?“

Ein Lachen ging durch die Runde und plötzlich begann jemand zu klatschen und alle stiegen mit ein, selbst Jayden applaudierte und ich stand nur so da. Ich hatte nichts gemacht, außer aufzutauchen, aber das reichte schon.

„Willst du was zu Jayden sagen?“, rief irgendein Typ nach vorne und Jayden reichte mir das Mikro.

Ich wäre am liebsten einfach abgehauen, aber dann sah ich die ganzen Mütter und Väter, die Onkel und Tanten und die dicke Braut, die ich niemals flachgelegt hätte, aber ich sah, wie sie sich alle freuten und wie sie so stolz waren auf ihren Jungen und die Frau, die er heute geheiratet hatte.

„Ich kenne die Braut leider nicht“, sagte ich und nickte der Dicken zu, die zu kichern anfing, „aber ich kenne Jayden schon seit einigen Jahren. Und Mann, es tut gut, dich heute nicht im Schrank, sondern im Anzug zu sehen.“

Die Leute begannen zu lachen und auch Jayden grinste. Und sie warteten, warteten darauf, dass ich irgendetwas über die Liebe sagen würde, dass etwas Rührendes über meine Lippen kam.

„Gestern habe ich Jayden zufällig getroffen“, sagte ich fast automatisch, weil ich wusste, was sie hören wollten, „und er hat von seiner …“, ich stockte kurz.

„Ursula“, flüsterte mir Jayden zu.

„Und er hat von seiner Ursula erzählt“, machte ich weiter und hätte mir selbst vor die Füße kotzen können, „nein, er hat nicht nur erzählt, er hat von ihr geschwärmt, dass mir sofort klar war, dass sie für ihn nicht irgendeine Frau ist, nein, das ist die Frau für sein Leben. Hey, es ist nicht leicht, jemanden zu finden, der das Herz berührt, und ich freue mich, dass Jayden seine Ursula gefunden hat.“

Ich nickte, reichte Jayden das Mikro und so schnell konnte ich gar nicht schauen, da hatte mich der Typ auch schon umarmt und die Leute begannen zu applaudieren.

„Danke, das ist das allerbeste Hochzeitsgeschenk“, murmelte er, ließ von mir ab und blinzelte eine Träne weg.

„Hier“, er deutete auf einen Stuhl in der ersten Reihe, den er anscheinend für mich freigehalten hatte, „komm setz dich und feiere ein wenig mit uns.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich muss schon zu meinem nächsten Termin …“

„Ach, nur kurz“, fiel mir Jayden ins Wort und die ganzen Leute starrten mich erwartungsvoll an und als mir dann auch noch irgendeine Oma zuwinkte, setzte ich mich und begann, mir einfach die Birne zuzuknallen.

Es dauerte nicht lange, bis sich die ersten Tussis an mich ranpirschten. Jaydens und Ursulas Verwandtschaft war leider so potthässlich, dass ich keine von denen flachlegen wollte, da vergriff ich mich lieber an den Weinflaschen. Hackedicht saß ich da, ließ mich von den Weibern anlabern und irgendwann kam Ursula dann zu mir und drückte mir die Hand.

„Das war so schön, was du vorhin gesagt hast, Eric“, erklärte sie mir und quetschte meine Hand noch weiter, „und so lustig – dass du Jayden heute lieber im Anzug als im Schrank siehst.“ Sie kicherte.

Ich sah sie unter halbgeöffneten Lidern an. „Ich musste mir auf die Zunge beißen“, erwiderte ich und musterte sie, „denn eigentlich wollte ich sagen, dass ich nach der ganzen Schranksache nicht gedacht hätte, dass er heute doch tatsächlich einen Schrank heiraten würde.“

One Thought on “Eric – einundzwanzig

  1. Carina on 6. Juli 2016 at 5:48 said:

    hahahaha das war sooo klar, daß er den mund nicht halten kann ….. oh man bin auf ihre reaktion sooo gespannt XD super geschrieben … weiter so!!!!

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