Eric – neunundvierzig

Der Anwalt machte seinen Job und nach ein paar Stunden war ich wieder auf freiem Fuß. Ob es zu einer Anzeige wegen Körperverletzung kommen würde, war noch nicht endgültig geklärt, aber eigentlich war es mir auch egal. Ich konnte mir jede Geldstrafe leisten und mein Anwalt würde den Typen in Grund und Boden verklagen, weil er Esther angefasst hatte.

Esther. Sie war die Einzige, die meine Gedanken beherrschte, als ich mich vor dem Polizeirevier nach links wandte und zu einem Taxi auf der gegenüberliegenden Straße lief. Ich nannte dem Fahrer die Adresse vom Studio und dann versuchte ich, mein Hirn auszuschalten und mich davon zu überzeugen, dass es richtig war, was ich vorhatte.

 

„Das ist Wahnsinn“, sagte Simon und sein bescheuertes Grinsen, das er sonst immer im Gesicht kleben hatte, war auf einen Schlag wie weggewischt.

„Das ist meine Entscheidung“, entgegnete ich ruhig.

„Aber Eric … ihr habt noch so viel vor euch“, sagte mein neuer Manager und fuhr sich nervös durch die hellblonden Haare. „Gerade erst haben die Typen vom Fernsehen angerufen und gefragt, ob du auch wirklich zu der Preisverleihung kommst. Du kannst doch jetzt nicht einfach alles hinschmeißen!“

„Das ist nicht deine Entscheidung“, wiederholte ich und Simon schüttelte sprachlos den Kopf. Ein wenig tat er mir sogar leid, wie er hier so saß und aussah, als würde er jeden Moment zu flennen anfangen.

„Das ist so verdammt schade, Mann“, sagte Simon.

„Meine Entscheidung“, wiederholte ich ein drittes Mal.

 

Danach rief ich Chris an und überlegte kurz, ob ich die Bulldogge auch noch anrufen sollte, ließ es aber bleiben. Ich wollte nicht einer von denen sein, die nichts mehr auf die Reihe kriegten, ohne vorher ihren beschissenen Therapeuten um seine Meinung zu bitten – irgendwann würde ich mit ihr reden, aber nicht jetzt. Jetzt musste ich zu Esther fahren.

 

Als ich vor ihrer Tür stand, war ich plötzlich so scheißnervös wie in dem Moment, als ich sie um ein Date gebeten hatte. Es war erst ein paar Tage her und trotzdem fühlte es sich an, als wäre es in einem anderen Leben passiert. Ich strich mir die Haare zurück, atmete noch einmal tief durch und klopfte an ihre Tür.

Ein paar Sekunden herrschte Stille, dann hörte ich energische Schritte näher kommen. Seltsam, die Schritte passten gar nicht zu ihr. Im nächsten Moment machte mir die rothaarige Freundin namens Flo die Tür auf und steckte ihren Lockenkopf heraus. Okay. Zu ihr passten die Schritte schon besser.

„Hi“, sagte ich.

Sie starrte mich für einen Moment perplex an und ich sah, wie ihr Mund leicht aufklappte. Im Gegensatz zu unserer letzten Begegnung hatte sie sich diesmal aber wesentlich schneller unter Kontrolle und schloss ihren Mund wieder.

„Hi“, erwiderte sie. „Willst du reinkommen?“

„Deswegen bin ich hier.“

„Esther, darf Eric reinkommen?“, rief sie nach hinten, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. Aber es war nicht dieses sehnsüchtige Anstarren vom Parkplatz, es war ein Blick, unter dem selbst ich mich nicht sonderlich wohl fühlte. Mir war klar, dass sie nicht aus Höflichkeit fragte – sie wollte Esther vor mir beschützen.

„Eric ist hier?“, hörte ich Esthers Stimme und dann tauchte sie in ihrem winzigen Vorzimmer auf. Obwohl sie übermüdet aussah, war sie wunderschön. Ihre braunen Augen fanden meinen Blick und ich wollte nie wieder wegsehen.

„Ich muss dir was sagen“, sagte ich.

„Ich muss dir auch was sagen“, erwiderte sie leise.

Flo öffnete die Tür und trat zur Seite. Sie schnappte sich jedoch gleich eine Tasche vom Boden und ging an mir vorbei raus. „Ich lass euch allein“, sagte sie an Esther gewandt und ich sah, wie mein Mädchen nickte.

Fuck, ich musste aufhören, sie so zu nennen, so lange das zwischen uns nicht geklärt war.“

„Folgendes“, sagte Esther ruhig, als Flo gegangen war und ich schüttelte den Kopf. „Ich zuerst.“

3 Thoughts on “Eric – neunundvierzig

  1. marina on 6. Januar 2017 at 19:56 said:

    Schon geschmolzen

    • lexiemountain on 9. Januar 2017 at 22:14 said:

      Ich liebe eure Schreibweise ,Ich habe gestern angefangen euern Blog zu lesen und konnte nicht aufhören.Nun folgt ein gespanntes warten auf den nächsten Teil.

  2. laura on 8. Januar 2017 at 18:20 said:

    Das geht bestimmt schief 😀 🙁

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