Esther – 138

Verdammt, ich war viel zu spät dran. Rasch lief ich über die Straße und winkte einem Taxi, als das Telefon klingelte.

„Hey, Flo. Bist du schon da?“, keuchte ich und hüpfte ein wenig auf und ab, um die Aufmerksamkeit eines Taxifahrers zu erlangen. In dem Moment begann es auch noch zu regnen.

„Sorry. Ich verspäte mich ein wenig“, schnaufte Flo auf der anderen Seite. „Ist der Hochzeitsplaner schon da?“

„Ich hoffe nicht“, erwiderte ich und pfiff durch zwei Finger. Endlich reagierte ein Fahrer und lenkte seinen Wagen in meine Richtung. „Sonst bringt Eric mich um.“

„Was hast du gesagt? Sonst singt Heidi Klum?!“, schrie Flo.

„Sonst bringt Eric mich um!“, wiederholte ich etwas lauter.

„Tut mir leid. Irgendjemand hat mir wie eine Irre ins Ohr gepfiffen, da hab ich nichts mehr verstanden.“

Lachend stieg ich in das Taxi und nannte dem Fahrer die Adresse von Erics Hotel. „Bis gleich, Flo.“

„Bis gleich“, verabschiedete sie sich fröhlich, bevor sie auflegte. Danach steckte ich mein Handy in die Tasche und wünschte, dass ich mich auf den Besuch des Hochzeitsplaners genauso freuen könnte, wie meine Freundin.

 

„Gott sei dank“, flüsterte Eric in mein Ohr, als ich eine Viertelstunde später völlig durchnässt vor seiner Suite stand. Er zog mich fest an sich. „Das waren die fucking längsten fünfzehn Minuten meines Lebens.“

„Tut mir leid. Meine Dozentin wollte noch wegen des Praktikums mit mir sprechen und ich bin später von der Uni weggekommen, als ich wollte“, hauchte ich zurück.

„Egal. Hauptsache, du bist jetzt da“, erwiderte Eric und küsste mich auf eine Art, dass ein Haufen Schmetterlinge in meinem Bauch hochflatterten. Dann griff er nach meiner Hand und drehte sich halb herum. „Esther – das ist Sanchez. Sanchez – meine Verlobte Esther.“

Ich setzte ein höfliches Lächeln auf und dachte daran, dass ich das für meine Eltern tat, als ich mich in der Suite umblickte. Sanchez – ein dunkelhaariger schlanker Mann mit gebräunter Haut und blendend weißen Zähnen – hatte den Wohnbereich in eine Art Deko-Schauraum verwandelt. Neben einem Flipchart mit einer Foto-Collage der verschiedensten Hochzeits-Locations lagen dicke Mappen mit Stoffmustern über das ganze Ledersofa verteilt, wodurch es so aussah, als ob Sanchez und Eric schon stundenlang Pläne wälzen würden.

„Es ist mir eine Freude“, sagte Sanchez mit einem strahlenden Lächeln. „Sie werden eine wundervolle Braut abgeben.“

„Danke“, erwiderte ich und ermahnte mich selbst, dem Hochzeitsplaner eine Chance zu geben. Obwohl er auf den ersten Blick etwas überambitioniert wirkte, musste das ja nichts Schlechtes sein.

„Dann lassen Sie uns beginnen“, sagte Sanchez, der vor Energie nur so zu sprühen schien. „Wie ich mit Ihrem zukünftigen Ehemann bereits besprochen habe, ist die Wahl der Location eine ganz essentielle Entscheidung, von der sehr viel abhängt.“ Sanchez bedeutete mir mit einer eleganten Handbewegung, mich zu setzen und zauberte ein Tablet hervor, auf dem er mit seinen dünnen Fingern herumtippte, bevor er mir einige Fotos zeigte. „Viele Paare wünschen sich eine Hochzeit in einer Burg oder einem Schloss, wobei ich persönlich der Meinung bin, dass dies ein Trend ist, der sich schon ein wenig verbraucht anfühlt.“

Ich wechselte einen raschen Blick mit Eric, bevor wir zeitgleich den Kopf schüttelten. „Eigentlich wollen wir nichts so Pompöses.“

„Sehr schön“, sagte Sanchez zufrieden. „Was ich mir bei Ihnen beiden wahnsinnig gut vorstellen kann, wäre etwas ganz Außergewöhnliches wie eine Hochzeit in einem buddhistischen Kloster – oder einem Bergwerk. Schließlich wird Ihre Vermählung einiges an öffentlicher Aufmerksamkeit generieren. Da bevorzugen Sie wahrscheinlich einen abgeschiedenen Ort für die Trauung. Stellen Sie sich eine Grotte vor …“ Der Hochzeitsplaner beschrieb mit dem Arm einen weitausholenden Bogen. „Die Wände sind mit funkelnden blauen und violetten Steinen besetzt. Sie, Esther, schreiten durch einen mit Vergissmeinnicht geschmückten Gang zu einem steinernen Altar. Ein Chor stimmt leise das Ave Maria an …“

„Stopp“, sagte Eric. „Ich heirate sicher nicht in einer Höhle mit Funkelsteinen.“

„Wir haben eher an etwas Schlichteres gedacht“, kam ich ihm zu Hilfe. „Wie eine Trauung am Strand oder so. Das kann ja ebenfalls abgelegen sein.“

Der Hochzeitsplaner legte die Stirn in Falten. „Nun, die ganzen Gäste einzufliegen wird gewiss etwas teurer, aber das Finanzielle sollte bei Ihnen ja ohnehin kein Problem darstellen.“ Er lächelte gewinnend und wischte mit flinken Fingern über das Tablet. „Mögen Sie eigentlich Pferde?“

9 Thoughts on “Esther – 138

  1. Silver on 16. Oktober 2018 at 10:19 said:

    Zitat: „„Stopp“, sagte Eric. „Ich heirate sicher nicht in einer Höhle mit Funkelsteinen.““
    – doch das tust du 😀

  2. Stefanie Ries on 16. Oktober 2018 at 10:30 said:

    OMG!!! Die Armen…😀

  3. Sarah on 16. Oktober 2018 at 10:38 said:

    Klingt, als wird es noch sehr anstrengend für die beiden 🙈😂

  4. Helli on 16. Oktober 2018 at 16:22 said:

    Pferde! Ja,bitte!!!

  5. Katja on 17. Oktober 2018 at 19:13 said:

    Boah, spätestens jetzt würde ich den Hochzeitsplaner zum Mond schießen. Da kann er dann in aller Abgeschiedenheit seine eigene Hochzeit planen.🤨

  6. SvenjaÜberglücklich on 17. Oktober 2018 at 22:57 said:

    Ich find es ja ganz lustig das er sagt er will was schlichtes und letzt endlich hat er sie ja in der anderen Welt in solch einer Höhle geheiratet. Ich würde es ganz toll finden wenn der Planer sich mit der Höhle durch setzt.

  7. Trixi on 18. Oktober 2018 at 8:40 said:

    Ironiieeeeee! Er hat schon in einer Höhle mit Funkelsteinen geheiratet 😂😂
    Das wird ganz bestimmt das angestrengenste an der Hochzeit😂❤

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