Esther – 143

„So richtig überzeugt klingt das aber nicht“, meinte der Typ mit der Kamera grinsend. „Sicher, dass der Text nicht doch geklaut ist?“ Er war noch recht jung, maximal Anfang zwanzig, und trug eine hellbraune Baseballkappe, während er ununterbrochen auf den Auslöser drückte.

Plötzlich wurde mir alles zu viel. Die Paparazzi bildeten eine Traube um uns, die sich immer enger schloss, obwohl Jackson die Fotografen sowohl mit Worten, als auch mit Einsatz seines ganzen Körpers dazu aufforderte, uns Platz zu machen. Eric hatte seinen Arm beschützend um meine Schultern gelegt, aber der Typ mit der Baseballkappe ließ sich davon nicht abschrecken. „Bereust du es, mit einem Betrüger ein Kind zu bekommen?“, warf er mir entgegen.

In diesem Moment platzte mir der Kragen. „Halt endlich die Klappe und hau endlich ab!“, fuhr ich ihn wütend an.

Der Typ grinste zufrieden und schoss weitere Fotos, während ich spürte, wie Eric mich in seinen Wagen bugsierte, den wir endlich erreicht hatten. Die Tür des Autos schloss sich hinter mir und Jackson blieb draußen stehen, während die Blitzlichter noch immer aufblitzten und ich mein Gesicht mit der Hand abschirmte, um nicht länger fotografiert zu werden.

In der nächsten Woche sah ich mich überall in der Zeitung. Gefühlt jedes Klatschmagazin in der Stadt brachte die Fotos von meinem Ausraster. Der junge Fotograf mit der Baseballkappe hatte genau in dem Moment abgedrückt, als ich ihn mit wutverzerrtem Gesicht angefahren und mit der Hand eine Bewegung gemacht hatte, als wollte ich ihn wegschubsen. Ich konnte mich gar nicht bewusst daran erinnern, das getan zu haben, aber das Foto log nicht. Genauso wenig wie das Handyvideo, das zeitgleich aufgetaucht war, und in dem ich laut und deutlich behauptete, dass Eric unschuldig sei.

Schlimmer noch als die Tatsache, dass ich meinen Eltern in einem gefühlten Dutzend Telefonaten erklären musste, dass wirklich alles in Ordnung war, war die Reaktion der Dozentin auf die Aufnahmen gewesen. Sie hatte mich gleich am nächsten Morgen in ihr Büro gebeten und mich davon in Kenntnis gesetzt, dass sie sich entschieden hatte, den Platz für das Praktikum an jemand anderen zu vergeben. Ungewollt berühmt zu sein, sei die eine Sache, öffentlich zu behaupten, Eric sei unschuldig und damit eindeutig gegen den Klienten der Kanzlei Stellung zu beziehen, eine andere. Außerdem wäre es ein No-Go, sich als Mitarbeiterin von Sorthys & Clark verbal und mimisch nicht im Griff zu haben. Natürlich verstünde sie die außergewöhnliche Belastung der Situation, in der ich mich befunden hätte, aber unter diesen Umständen wäre es für alle trotzdem wohl das Beste …

Seufzend packte ich meine Unterlagen in meine Tasche und versuchte mich davon abzuhalten, das wenig erfreuliche Gespräch mit der Dozentin wieder und wieder in meinem Geist nachzuspielen. Die kühlen Mauern der Universität waren früher immer ein Ort gewesen, an dem ich mich gern aufgehalten hatte. Es hatte sich anfangs so richtig angefühlt, hier zu studieren und meinem Traum zu folgen, Anwältin zu werden. Doch seit meine Liaison mit Eric öffentlich bekannt war, gestalteten sich meine Tage in der Uni mehr und mehr zu einem Spießrutenlauf zwischen neugierigen Blicken und unüberhörbaren Getuschel – vor allem, seit ich im sechsten Monat war und meinen Bauch kaum noch verstecken konnte.

„Hier bist du“, erklang Flos Stimme in diesem Moment hinter mir. Erleichtert, dass es nur sie war, drehte ich mich um.

„Ja, hier bin ich“, gab ich bemüht unbeschwert zurück. „Leibhaftig und in Farbe.“

„Wieso versteckst du dich denn hinter der Säule?“, fragte Flo und sah sich in dem Arkadengang der Uni um. „Hat dich wieder jemand blöd angemacht?“

„Nein. Niemand. Ich wollte nur ein wenig Ruhe haben, bevor ich in die nächste Vorlesung muss“, gab ich zurück und lehnte meine Schulter gegen den kühlen Stein. Wenn ich noch genau drei Minuten hier stehenblieb, erreichte ich den Vorlesungssaal erfahrungsgemäß nur knapp vor unserem Professor, was die allgemeine Aufmerksamkeit der anderen Studenten zumindest auf ein Minimum reduzierte. „Bei dir alles okay?“, fragte ich Flo, da sie nur zerstreut nickte und mit den Gedanken ganz woanders zu sein schien.

Flo atmete tief ein und bemühte sich, ein unverfängliches Lächeln aufzusetzen. „Klar. Keine Paparazzi-Fotos, keine abgesagten Praktikumsplätze in schicken Anwaltskanzleien, alles Bestens bei mir.“

„Flo.“ Ich runzelte die Stirn und berührte sie sanft am Arm. „Was ist los?“

Sie versuchte noch zwei Sekunden, die Alles-ist-gut-Fassade aufrecht zu erhalten, bevor ihre Unterlippe zu zittern anfing und ein Ausdruck von Verzweiflung in ihre Augen schlich.

„Es ist nichts“, wiederholte sie dennoch. „Bis auf die Tatsache, dass ich befürchte, dass Chris mich betrügt.“

2 Thoughts on “Esther – 143

  1. Unicorn on 20. November 2018 at 22:41 said:

    Kann nicht einmal ein Kapitel positiv enden🙄

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