Esther – vierzig

Es war ein unglaublich schönes Gefühl, Eric die Hand zu geben und mich von ihm über den Parkplatz zu seinem Wagen führen zu lassen. Ich war schon den ganzen Tag extrem nervös gewesen und hatte die Abschlussuntersuchungen der Ärzte nur mit allergrößter Überwindung über mich ergehen lassen. Dabei konnte ich die ganze Zeit nur an ihn denken.

Und jetzt saß ich neben ihm, in seinem sicher unglaublich teuren Porsche und musste mich beherrschen, ihn nicht genauso anzustarren, wie Flo vorhin.

„Wohin fahren wir?“, fragte ich und strich mir eine dunkelblonde Haarsträhne aus dem Gesicht, die der Fahrtwind in die Höhe gewirbelt hatte.

Er lächelte mich unglaublich sexy an. „Ist eine Überraschung.“

Ich nickte und wusste nicht, ob ich ihm sagen sollte, dass ich Überraschungen nicht besonders gerne mochte.

„Du magst keine Überraschungen“, stellte Eric fest und ich warf ihm einen raschen Blick von der Seite zu.

„Wie kommst du darauf?“, fragte ich ertappt.

„Deine Stirn.“ Er nickte mit dem Kinn in die Richtung. „Da hat sich so eine niedliche Falte gebildet.“

Unbewusst fuhr ich mir mit den Fingern über die Stelle und er grinste. „Wir fahren zum Rummelplatz“, fügte er dann hinzu.

Der Rummelplatz lag etwa eine halbe Stunde Fahrt entfernt und ich genoss es, mit Eric zum ersten Mal alleine Zeit zu verbringen. Auch im Krankenhaus waren wir nie wirklich allein gewesen und es fühlte sich einfach anders an, mit einem bunten Sommerkleid in einem Porsche zu sitzen, als mit einem geblümten Nachthemd auf einem Bett, umgeben von Bettpfannen und Infusionsschläuchen.

„Mein Vater ist früher oft mit mir auf den Rummelplatz gegangen“, sagte ich, als Eric sich auf dem kleinen Parkplatz eingeparkt hatte, und wir ausstiegen.

„Ich weiß“, erwiderte er und lächelte, als er die Wagentür mit einem satten Ton ins Schloss fallen ließ.

„Das weißt du? Woher?“, fragte ich und runzelte die Stirn.

„Ich hab ihn gefragt“, meinte Eric schulterzuckend, als wäre es das Normalste auf der Welt. Er kam um das Auto herum auf mich zu und ich konnte nicht anders, als kurz den Atem anzuhalten. Wie immer war er komplett schwarz gekleidet und mit der Sonnenbrille und dem Dreitagebart sah er so dermaßen sexy aus, dass ich verstehen konnte, warum ihm die weiblichen Fans ihre Unterwäsche auf die Bühne warfen. Der Gedanke verursachte ein kurzes Ziehen in meinem Bauch und ich schob ihn schnell von mir weg.

„Alles okay mit dir?“ Seine Finger fanden meine Hand und drückten sie sanft.

„Klar“, erwiderte ich schnell. „Du hast dich also mit meinem Vater unterhalten. Was hat er dir denn noch alles erzählt?“

„Er hat erzählt, dass du auf Zuckerwatte stehst. Und auf schnelle Achterbahnen. Und er hat erzählt, dass die Kombination von beidem …“

„Schon gut!“, sagte ich schnell, weil ich keine Lust hatte, dass er meine unrühmlichen Kindheitsgeschichten hier auspackte. „Ich hab das inzwischen im Griff.“ Er grinste nur und zog mich Richtung Eingang.

Es war unglaublich schön, mit ihm gemeinsam an den bunten Buden vorbei zu schlendern. Der Duft nach Popcorn und Zuckerwatte lag in der Luft und an jeder Ecke bimmelte und blinkte irgendeine Attraktion und versuchte, Besucher anzulocken. Wir gingen Hand in Hand und ich war von Kopf bis Fuß erfüllt mit Glück, das sich rosa und glitzernd und total kitschig anfühlte. Darüber wurden die ganzen Songs geschrieben, das war es, wonach alle Leute suchten.

Ich hatte mich verliebt.

Ich hatte mich in einen der bekanntesten Musiker unserer Zeit verliebt, und es fühlte sich irgendwie cool und aufregend und gleichzeitig total abgefahren und beängstigend an. Auch jetzt bemerkte ich natürlich die Blicke der Leute, und das, obwohl Eric eine Sonnenbrille trug und den Kopf immer abwandte, wenn er bemerkte, dass ihn jemand intensiv musterte.

„Wir könnten dir einen Hut kaufen“, schlug ich vor, und zog ihn zu einer Bude, wo sie Kappen und Hüte in den verschiedensten Größen und Ausführungen vertrieben. „Zum Beispiel einen Farmerhut.“ Schmunzelnd griff ich nach einem Strohhut und setzte ihn ihm auf den Kopf. Es war unfassbar. Er sah sogar damit sexy aus.

„Nein danke.“ Erics Stimme klang rau, als er den Hut nahm und gewissenhaft wieder absetzte. „Dann eher schon so etwas.“ Er griff nach einem schwarzen Hut, der auch einem Piraten gut gestanden hätte und ich lachte ausgelassen.

„Jetzt machst du mir Angst“, erklärte ich.

„Erst jetzt?“, fragte er und zog die Augenbraue hoch, und seine tiefe Stimme machte etwas mit mir, genauso wie sein Blick etwas mit mir machte, so wie er einfach irgendwie alles mit mir machte. Er lächelte sanft und ich lächelte zurück und dann war da plötzlich dieser Augenblick, und auch er fühlte den Augenblick, und dann spürte ich die Berührung seiner Hände auf meinen Hüften und er zog mich vorsichtig zu sich heran, bis sich unsere Körper berührten. Es war ein unglaubliches Gefühl, ihm so nah zu sein und mir stockte der Atem. Alles in mir wünschte sich, ihn jetzt zu küssen, und nach Erics Blick zufolge, wünschte er sich dasselbe. Seine Lippen kamen immer näher und ich stellte mich auf die Zehenspitzen, als plötzlich ein Blitzlicht neben uns aufzuckte. Im Bruchteil einer Sekunde fuhr Eric herum und schob mich hinter seinen Rücken.

4 Thoughts on “Esther – vierzig

  1. Sandra on 1. November 2016 at 12:28 said:

    Sch…. Reporter 😱

  2. Maren on 1. November 2016 at 19:34 said:

    Warum denn auch mitten auf dem Rummel?????? Er weiß doch dass überall solche Presse-Heinies sind 😣

  3. Dankeschön ihr Beiden für diesen spannenden Blog-Roman!
    Ich habe die 40 Folgen gestern und heute verschlungen und bin schon gespannt auf die Fortsetzung. 🙂

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