Esther – zweiunddreißig

Meine Tante schnappte nach einem vegetarischen Häppchen – das sie Onkel Augustus vorher verboten hatte – steckte es in den Mund und leckte sich die Finger ab.

„So eine gute Partie wie Tim bekommst du nie wieder“, versicherte sie mir schmatzend.

„Gute Partie?“, wiederholte ich ungläubig.

„Nun, Tim ist bodenständig, er hat einen guten Job und er liebt dich“, zählte sie an den Fingern ab.

„Er liebt mich?“, entfuhr es mir noch ungläubiger. „Er hat mich mit einer anderen Frau betrogen!“

„Ach, Schätzchen. So sind Männer nun mal“, belehrte mich Melody mitleidig. „Nur weil deine Eltern nach fünfunddreißig Ehejahren noch immer das Märchen von der großen Liebe zelebrieren, solltest du nicht denken, dass es für jeden so glatt läuft.“

Ich schnappte verärgert nach Luft.

„Seine Mutter hat mir erzählt, dass er seine ganzen Ersparnisse dafür verwendet hat, um dir zu deinem Geburtstag eine Reise nach Paris zu schenken“, fuhr Melody fort, als wäre Tim ein Zuchthengst, den sie mir anpreisen wollte.

„Ich will überhaupt nicht nach Paris“, stellte ich klar. „Außerdem bin ich sicher, dass er die Tickets schon längst auf Italien umgebucht hat.“

„Aber es geht doch um die Geste“, beharrte Tante Melody. „Du solltest -“

„Du solltest jetzt unbedingt deinem alten Herrn zum Geburtstag gratulieren“, mischte sich mein Vater in diesem Moment ein und ich war noch nie glücklicher, ihn zu sehen.

„Happy Birthday, Daddy“, lächelte ich und flog an seine Brust.

Er drückte mich an sich. „Mein schönstes Geschenk ist, dass du hier bist.“

„Ich geh mal deiner Mutter in der Küche helfen“, sagte Melody und verschwand mitsamt ihrem Pudel durch den offenen Durchgang.

„Ich hab hier aber auch noch ein richtiges Geschenk für dich“, sagte ich und holte das Päckchen, das ich für ihn vorbereitet hatte, aus der Diele.

Er schüttelte es kurz, bevor er es auspackte.

„Ein Fotobuch“, murmelte er überrascht und fuhr sich über seinen kurzen, grauen Bart. „Jetzt bin ich aber mal gespannt.“

„Ich habe es die letzten Wochen zusammengestellt“, sagte ich leise und strich über das erste Bild, das Bild der Tankstelle, an der ich gehalten hatte. „Es sind alles Fotos von Momenten, wo ich an dich gedacht habe, Dad. An dich und Mum, und an das was, ihr mir beigebracht habt. Ihr habt mir beigebracht zu fliegen, und dafür …“ Ich fühlte, wie sich meine Augen mit Tränen füllten, „dafür bin ich euch unendlich dankbar.“

Mein Vater sah mich mit schimmernden Augen an und da war so viel Stolz in seinem Blick, dass ich aufpassen musste, nicht wirklich zu heulen zu beginnen.

In dem Moment kam meine Mutter mit Onkel Augustus und Tante Melody herein und brachte die Geburtstagstorte.

„Mein Liebling, hast du wirklich 60 Kerzen in diesen armen Kuchen gestopft?“, lachte mein Vater und mein Onkel Augustus, der immer schon einen Hang zur Dichtkunst hatte, merkte an: „Dicht gedrängt stehen die Kerzen, aber ewig jung bleibst du im Herzen, Bruderherz.“

Melody verdrehte die Augen und ich musste grinsen.

 

Später am Abend saßen wir noch, in warme Decken gehüllt, auf der Veranda und ich blickte hinauf in den Sternenhimmel. Mein Vater hatte meiner Mutter den Arm um die Schultern gelegt und die Liebe zwischen ihnen war wie ein unsichtbares Band, das man zwar nicht sehen, aber in jedem Augenblick fühlen konnte.

„Mum und Dad, ich muss euch was fragen.“

„Ob es noch ein Stück Torte gibt? Da muss ich dich enttäuschen, ich habe das letzte aufgegessen“, sagte mein Vater trocken und meine Mutter lachte.

Lächelnd drehte ich an dem Ring von meiner Großmutter, den sie mir kurz vor ihrem Tod geschenkt hatte.

„Nein, es geht nicht um die Torte.“

„Ich hoffe, es geht nicht um Tim“, erwiderte mein Vater ruhig.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, es geht auch nicht um Tim.“

„Gut, denn der ist unten durch.“

Meine Mutter warf ihm einen strafenden Blick zu.

„Es sei denn, du würdest dich dafür entscheiden, ihm eine zweite Chance zu geben“, setzte er pflichtschuldig hinzu, doch ich merkte, dass ihn der Satz große Überwindung kostete.

„Keine Sorge“, antwortete ich lachend. Dann wurde ich wieder ernst. „Sagt mal, als ihr euch kennengelernt habt … hat es da eigentlich Boom-Tschakka-Boom gemacht?“

Meine Eltern starrten mich einen Augenblick sprachlos an, dann begannen beide zu lachen.

„Oh ja, mein Schatz, ich denke schon, dass es Boom-Tschakka-Boom gemacht hat“, erwiderte meine Mutter schließlich kichernd.

„Und wie … wie hat sich das angefühlt?“

Wieder musste ich an den Typen mit den blauen Augen denken. Wieso hatte ich ihn nicht nach seinem Namen gefragt?

„Sehr, sehr aufregend“, gab meine Mutter zurück. „Beinahe schon anstrengend.“

„Es hat dich angestrengt, dich in mich zu verlieben?“, fragte mein Vater amüsiert.

„Du weißt, wie ich das meine“, erwiderte sie und gab ihm einen spielerischen Klaps. „Aber selbst wenn ich es nicht gewollt hätte – das, was geschehen soll, geschieht auch. Da hat man keine Wahl.“ Sie schwieg einen Moment. Dann sah sie mich erwartungsvoll an und ich wusste, was sie als nächstes fragen würde.

„Und?“, flüsterte meine Mutter. „Hat es bei dir auch Boom-Tschakka-Boom gemacht, Schatz?“

4 Thoughts on “Esther – zweiunddreißig

  1. Evangeline on 6. September 2016 at 21:22 said:

    Hallo Mädels

    Ich habe in einer Woche alle acht Bände eurer wunderbaren Reihe gelesen. Es ist mir unglaublich schwer gefallen, mich zwischendurch von den Büchern loszueisen. Jetzt bin ich durch und warte auf Nachschub… Hoffentlich kommt der schnell…:-)

    Euer Blog gefällt mir sehr gut. Esther ist in einer heilen Familie, mit Eltern, die sie sehr lieben, aufgewachsen. Eric kommt aus zerrütteten Verhältnissen. Er ist innerlich zerrissen. Dazu passt natürlich Bens Gesichtszeichnung in der sinnlichen Welt. Esther könnte sein Rettungsanker werden, damit er sich nicht völlig in seinen rabenschwarzen Gedanken verliert und wieder anfängt den Menschen zu vertrauen. Gar nicht so einfach. Eltern sollten ihre Kinder behüten und beschützen. Eric hat in seiner Kindheit nur Schmerz und Gewalt erlebt. Das vergisst man nicht so einfach. Dabei scheint er sich in seiner Rolle als Arschloch gar nicht so besonders wohl zu fühlen… es ist ein Schutzschild. Eric musste ein Ekelträger werden, der Typ weiß genau, dass er außer Kohle nichts hat und seine Gesundheit am Arsch ist. Außerdem wird er innerlich von Ekel und Hass auf sich selbst zerfressen. Mal sehen, wie sich Esthers Einfluss auf längere Sicht bemerkbar macht. Es heißt ja, was wäre wenn, also geht es um die Beziehung der beiden, wenn sie nicht gestorben wären, oder? Egal in welcher Welt…Esther/Lee ist das Licht in Eric/Bens Leben oder könnte es werden. Ob sie ihn vor sich selbst hätte retten können?

    • Rose Snow on 9. September 2016 at 10:51 said:

      Liebe Evangeline,

      es macht uns unglaublich glücklich, dass Du mit unseren Büchern so schnell durch warst! Was für ein schönes Kompliment! Der achte Band befindet sich zur Zeit in der letzten Überarbeitungsrunde und wir hoffen, dass ihr ihn ebenso mögen werdet, wie wir.
      Zu Deiner Analyse der Verbindung zwischen Lee/Ben und Esther/Eric können wir nur sagen: Wir hatten Gänsehaut! Du hast die Charaktere hier wirklich wunderbar auf den Punkt gebracht und wir finden es besonders schön, dass Du die Parallele von der innerlichen Zerrissenheit Erics zur zerrissenen Gesichtszeichnung bei Ben gezogen hast. Das ist für uns ein unglaubliches Geschenk, wenn ihr euch so mit unseren Texten auseinandersetzt. Danke dafür!
      LG Ulli & Carmen

  2. Andrea on 9. September 2016 at 10:08 said:

    Ich liebe diese “ Boom-Tschakka-Boom“ -Erklärung.Ich muss jedes Mal schmunzeln und wenn meine Kindet groß genug sind,werde ich Ihnen das auf jeden Fall genauso erklären 😊

    • Rose Snow on 9. September 2016 at 10:41 said:

      Liebe Andrea,

      hach, das ist sooo nett, was Du schreibst! Freut uns riesig, dass die Bedeutung von Boom-Tschakka-Boom von Dir an die nächste Generation weitergegeben wird. Das müssen wir bei unseren Kids auch so machen :))
      LG Ulli & Carmen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Post Navigation