Esther – fünfunddreißig

Ich hörte Stimmen. Sie waren gedämpft, als hätte mir jemand Watte in die Ohren gestopft, aber ich hörte ihren drängenden Tonfall und spürte, dass die Sorge darin mir galt. Es waren zwei Männer, die miteinander sprachen, und das, was sie sagten, klang furchtbar medizinisch.

Ich hörte sie von einem Verdacht auf schwere Schädelfraktur sprechen und von noch ein paar anderen Dingen, die mich aber nicht erreichten. Mein Körper fühlte sich unglaublich schwer an, beinahe schon ungewohnt nach der vorherigen Leichtigkeit.

Ich spürte, wie ich hochgehoben und auf eine Trage gelegt wurde, spürte, wie ich langsam wegdriftete und hörte neben den Sanitätern noch die Stimme eines Mannes. Sie war tief und rau und sie machte etwas mit mir. Ich wollte die Augen aufmachen, aber es ging nicht, meine Augen waren wie zugenäht. Als nächstes wurde ich in eine trockene Umgebung geschoben, raus aus dem Regen, und dann hörte ich das Knallen einer zuschlagenden Tür und den einsetzenden Ton einer Sirene.

 

Als ich das nächste Mal zu mir kam, waren der Regen und das Sirenengeheul einer seltsamen Stille gewichen. Statt auf einer Trage, lag ich nun auf einer bequemeren Unterlage in einer trockenen und ruhigen Umgebung, die nur durch ein regelmäßiges, leises Piepsen unterbrochen wurde. Ich versuchte, die Augen aufzuschlagen und mich umzusehen, aber wie beim letzten Mal gelang es mir einfach nicht.

Jetzt hörte ich noch ein anderes Geräusch, es war ein leises Schluchzen, und im nächsten Moment griff jemand nach meiner Hand. Es war ganz seltsam, ich spürte zwar die Berührung auf meiner Haut, aber ich konnte mich weder bewegen, noch auf irgendeine Art zu erkennen geben, dass ich wach war.

„Sie haben mir gesagt, ich soll mit dir reden“, flüsterte eine Frauenstimme, die ich Flo zuordnete. Sie klang furchtbar traurig und ich hätte sie gern getröstet, aber ich konnte mich noch immer nicht rühren.

„Ich versteh noch immer nicht, wie das passieren konnte“, schniefte sie. „Deine Eltern sind auch schon auf dem Weg hierher. Sie haben mir gesagt, du hast mich unter deinen Notfallkontakten abgespeichert.“ Flo machte einen seltsamen Laut, es war eine Mischung aus Schluchzen und Lachen. „Verdammt, Esther, ich hab nicht mal so was wie Notfallkontakte auf meinem Handy, was bist du nur für eine furchtbare Streberin.“ Sie schnaubte ihr typisches Flo-Schnauben und ich musste grinsen, als ich das hörte. Allerdings war es nur ein innerliches Grinsen, weil mein Körper noch immer nicht auf meine Versuche reagierte, ihn zu bewegen.

„Du musst wieder aufwachen, hörst du?“, sagte Flo als nächstes und ihre Stimme klang ganz brüchig und viel weniger selbstbewusst als eben noch. „Denn wenn du jetzt einfach stirbst, dann hab ich …“, sie schluchzte, „… dann hab ich die einzige Freundin verloren, die mir je das Gefühl gegeben hat, dass ich okay bin, so wie ich bin.“ Ich fühlte etwas Nasses auf meinen Handrücken tropfen und merkte, wie Flo meine Finger fester umschloss. „Hast du gehört, Esther? Du darfst nicht sterben“, wiederholte sie verzweifelt.

„Das wird sie nicht“, hörte ich eine männliche Stimme in dem Moment sagen und der raue Ton fuhr mir direkt in den Magen. Ich wollte den Kopf in seine Richtung drehen, aber natürlich klappte das nicht. Flo ließ meine Hand los und ich hörte, wie sie einen Schritt zurückstolperte.

Eine seltsame Pause entstand und ich hätte wahnsinnig gern gesehen, was gerade in dem Zimmer vor sich ging. Natürlich hatte ich seine Stimme sofort erkannt. Es war die Stimme des Mannes mit den blauen Augen, dem ich meine Nummer gegeben hatte. Ich fand ihn ziemlich attraktiv, aber so attraktiv, um Flos Sprachlosigkeit zu erklären, war er nun wieder auch nicht. Oder doch?

„D-du bist … Eric“, stammelte Flo.

Er hieß also Eric? Woher wusste Flo das?

„Wie geht es ihr?“, fragte der Typ und ich roch seinen anziehenden Duft, als er sich zu mir ans Bett stellte.

„Sie liegt im Koma“, erwiderte Flo nach einer kurzen Pause. Sie klang noch immer ganz seltsam, überhaupt nicht wie sonst. „Die Ärzte wissen nicht, ob sie wieder aufwacht.“

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